Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 115

Schönheit durch Recycling

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Architektur: Wie die "Münchener Rück" gerettet wurde

Eine der größten Versicherungsgesellschaften hier zu Lande, die 1880 gegründete "Münchener Rück", hat sich wie eine Krake zwischen Englischem Garten und Leopoldstraße ausgebreitet. In zehn Verwaltungsbauten geht diese mächtige Assekuranz ihren Geschäften nach. Der Stammsitz des Unternehmens ist ein historistischer Palast an der Königinstraße. Ihm gegenüber stand bis vor kurzem ein hässliches Büro-Monstrum der "Rück" aus den frühen siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts - ein plumper und unpraktischer Klotz mit schwer lastenden Waschbetonrüstungen.

Um auch hier bessere Arbeitsbedingungen herzustellen, beschloss die Versicherung den radikalen Umbau des ungeliebten Objekts. Unkomplizierter wäre es gewesen, das längst abgeschriebene Gebäude abzureißen und auf dem wertvollen Grund etwas völlig Neues zu errichten. Aber die Versicherung war auf Substanzwahrung bedacht und suchte per Wettbewerb nach Architekten, für die "Recycling" mehr als bloßes "Facelifting" ist. Den Zuschlag bekamen die Vorarlberger Carlo Baumschlager und Dietmar Eberle, bekannt für ihre ebenso originellen wie ökologisch nachhaltigen Entwurfslösungen. Dazu gehört bei ihnen eben auch der Grundsatz, Erhaltenswertes durch Umformen wieder gebrauchsfähig zu machen. So wurden beim Gebäude der "Rück" fünfzig Prozent der Masse des Altbaus erhalten; insbesondere das gesamte Tragwerk konnte wieder verwendet werden. Aber zu sehen ist davon nicht die Spur. Grundriss und Aufriss haben sich durch den Umbau total verändert.

Die neuen Fassaden, räumlich gegliedert durch je einen tiefen asymmetrischen Hofeinschnitt an den beiden Längsseiten, präsentieren sich als visuell reizvolle und ökologisch sinnvolle "zweite Haut": Diese gläserne Membran ist von flirrender Beweglichkeit, weil ihre geöffneten Scheibenlamellen fächerartig schräg ausgestellt sind. Die zwischen steinernen Gesimsen fest eingespannten Elemente funktionieren wie durchsichtige "Paravents", sie schützen die innere Glashaut vor Wind und Wetter. Zudem bildet sich zwischen beiden Fassadenschichten ein Luftpolster, das sowohl gegen Hitze im Sommer wie gegen Kälte im Winter isoliert. Diese Zweischaligkeit des Hauses reduziert in Verbindung mit Wärmerückgewinnung und gesteuerter Lüftung den Energieverbrauch erheblich. Das technische Klimakonzept ist aber nicht so rigide wie das früher bei Air-Condition-Systemen der Fall war: Jeder der 750 Mitarbeiter kann in den Einzelbüros die zimmerhohen Fenster bei Bedarf öffnen.

Förmlich herausgeschnitten aus der alten Substanz haben die Architekten die ungewöhnlich dimensionierte Eingangshalle: 55 Meter lang, 7 Meter breit, 6 Meter hoch. Die Verkleidung sämtlicher Wände und der Decke mit schmal gestreiftem Ahornholz, das auch als Parkett auf dem Boden liegt, verwandelt den völlig homogenen Hohlraum in eine minimalistische Megaskulptur.

Das gleiche Parkett und entsprechendes Furnier an der Decke bestimmen auch das eigenwillige Aussehen aller Flure. Die Wände und Türen zwischen den Büros und den Gängen sind aus mattiertem Glas. Das bringt Helligkeit und Transparenz in die Etagen, ohne die Mitarbeiter den Blicken Vorübergehender preiszugeben.

Schon früh wurden Künstler in die Planungen einbezogen: So hat Keith Sonnier die unterirdische Passage zwischen Altbau und Umbau in eine sinnbetörende Neonlichtsymphonie getaucht. Der Isländer Olafur Eliasson experimentiert in den Innenhöfen und an der Wand über dem Eingang mit verschiedenen Moosen, die er auf Tuffsteinplatten angesiedelt hat. Mit faszinierender virtueller Natur spielen hingegen die Videokünstler "M+M", die in der Halle zu jeder vollen Stunde für eine Minute eine unendlich variierbare Traumlandschaft zum Vorschein bringen.

Bild(er):

Bild: Neonlichtsymphonie von Keith Sonnier im Unterschoss. Ein Foyer, das wie eine minimalistische Skulptur wirkt

Bild: Mit einer eleganten Glasverkleidung wurde der Altbau kaschiert