Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 107
Feindliche Übernahme
Von
Fotoszene: Mit aggressiver Geschäftspolitik will die "CameraWork AG" Marktführer werden
Sie planen den ganz großen Coup: Der weltweit agierende Spekulant Clemens J. Vedder und der Sammler Manfred Heiting wollen nichts weniger als den Fotomarkt kapern. Zu diesem Zweck wurde die Kölner Aktiengesellschaft "Nordhäuser Tabakfabriken AG" in "CameraWork AG" umbenannt und ihr Sitz in die Hamburger Milchstraße verlegt. Vollmundig hieß es auf der Hauptversammlung im vergangenen September: "Klare Zielsetzung der CameraWork AG ist die Verwandlung der nach eigener Sicht einzigartigen Voraussetzungen in eine marktführende Stellung." Innerhalb der nächsten drei Jahre wolle die Gesellschaft einen Wert von 200 bis 300 Millionen Euro durch Ankauf von Sammlungen anhäufen. Aufsichtsratsvorsitzender und Mehrheitsaktionär ist Finanzjongleur Vedder, bekannt geworden als einer der Köpfe der Investorengruppe "Cobra", die Angriffe auf die Commerzbank gestartet hatte. Er ist bislang kaum als Foto-kenner in Erscheinung getreten. Anders Manfred Heiting, der einen Sitz im Aufsichtsrat hat. Der Sammler hatte über mehrere Jahre versucht, in Berlin das Deutsche Centrum für Photographie (DCP) aufzubauen. Nachdem das gescheitert war, verkaufte er im Juni 2002 seine Sammlung an das Museum of Fine Arts in Houston/Texas. Geschätzter Erlös: zehn Millionen Dollar.
Der Name CameraWork hatte bislang einen guten Klang. So hieß die legendäre Zeitschrift des Fotopioniers Alfred Stieglitz, so heißt eine Galerie in Berlin, die der Fotoenthu-siast Christian Diener über Jahre geführt hat. Hinter Diener stand als Finanzier Gert Elfering, Geschäftsführer der Süddeutschen Klassenlotterie. Von ihm kaufte Clemens Vedder jüngst die Galerie samt Beständen und
. Der Wert der 1742 Abzüge und 56 Portfolios wird mit 6,4 Millionen Euro angegeben.
"Peanuts", wie es in diesen Kreisen heißt. Nun will CameraWork aber in großem Stil vom "steil nach oben gerichteten Preistrend profitieren und systematische Preissteigerungen realisieren". Auf vier Säulen soll das Geschäft stehen. Zum Ersten sollen "komplette, hochwertige Sammlungen" inklusive aller Rechte erworben werden. Durch Einzelverkauf und Ausleihe wollen Vedder und Heiting "Wertsteigerungspotenziale" realisieren. Zum Zweiten möchten sie "unterbewertete Sammlungen" (die Rede ist von zehn bis 20 Prozent des Marktwertes) aufspüren, die "zunächst der Substanzmehrung und in einem weiteren Schritt der Verwertung dienen". Außerdem will man junge Fotografen an die Gesellschaft binden und "Services in den Bereichen Logistik und Lagerung anbieten".
Wie CameraWork im Zusammenspiel von Sammler und Spekulant agiert, hat der Berliner Fotograf Will McBride erfahren. Manfred Heiting hatte ihm einst in Aussicht gestellt, sein Archiv für das geplante museale DCP zu erwerben. Jetzt meldete sich Vedder bei ihm.
. Aber er wollte auch die Negative haben. Und dass McBride weiterhin Bücher und Ausstellungen mit seinen Arbeiten machen wollte, "hat ihm gar nicht gefallen".
Der Künstler forderte eine Million für sein Lebenswerk, Vedder wollte viel weniger zahlen.
Doch der Betrag "war so klein, dass ich mich nicht mehr daran erinnere", so McBride.
Fachleute sehen die Sache mit Skepsis. Der Berliner Galerist Rudolf Kicken fühlt sich an die Euphorie des Neuen Marktes erinnert: "Die spekulieren mit Fantasiegewinnen." Vor allem fehle der Mannschaft einer, der die Sache mit Herzblut vorantreibt und Sammlungen akquiriert. Denn Heiting mit seinen Sitzen in den Aufsichträten von etlichen Stiftungen und Museen käme als Berater von CameraWork sehr bald in Interessenkonflikte: "Das ist eine moralische Frage, die Heiting für sich klären muss."
Bild(er):
Bild: Manfred Heiting
Bild: Kauft Fotos im ganz großen Stil: Finanzjongleur Clemens J. Vedder
Bild: Von Clemens J. Vedder als Starthilfe und Namensgeber für seine Fotografie-AG erworben: die Hinterhof-Galerie Camera- Work an der Kantstraße in Berlin-Charlottenburg
