Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 92
Wenn die Unterhaltung mit dem Computer abstürzt
Von Silke Mller
AUSSTELLUNGEN IM FEBRUAR - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / KARLSRUHE: FUTURE CINEMA / art-Redakteurin Silke Müller wollte im ZKM das Kino von morgen sehen und bezweifelt, dass der Besucher der beste aller Regisseure ist
Es klingt ungeheuer intelligent und gewitzt. Da hat jemand drei Computerprogramme ausgetrickst, die Geräte miteinander verkabelt, und nun raubt der Ritter aus dem einen Videospiel dem Krieger aus dem anderen die Pluspunkte vom Konto. Ausgetüftelt hat es der amerikanische Medienkünstler Paul Johnson, und nun trägt die autistische Wandinstallation zum allgemeinen Techno-Soundteppich bei, der die beiden Lichthöfe des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie durchzieht. Doch sehen kann man die subversive Systemunterwanderung der kleinen Superhelden eigentlich nicht. Der Witz der Arbeit steckt irgendwo in den Kabeln und auf den Festplatten, in der Abfolge der Befehle 1 und 0. Um "Red v. 2.0, Green v. 2.0, Blue v. 2.0" (2002) eine Gestalt zu geben, hängen nun eine rote, eine grüne und eine blaue Styroporplatte an den Wänden, gekoppelt mit jeweils einem Monitor. Eine eher hilflose Konstruktion.
Ähnlich schwierig ist es mit der Gruppenarbeit "UNMOVIE" (2002) von Axel Heide, onesandzeros, Philip Pocock und Gregor Stehle: Im Internet (www.unmovie.net) lassen die Medienkünstler vorprogrammierte Personen wie den Zen-Meister Dogan oder den Regisseur Andrej Tarkowskij geistreiche Phrasen aussprechen. Als Gast kann der Ausstellungsbesucher (oder passender: User) in einen Dialog mit den Weisen treten. Fallen bestimmte Stichworte, setzt das Programm Filmsequenzen aus einem Archiv in Gang, das sich aus frei im Internet zugänglichem Material bedient. Es entsteht, als so genannter Live-Stream, der "UNMOVIE". Klingt kompliziert, bringt den heimischen Computer garantiert zum Absturz, führt aber zu schönen Dialogen und absurden Filmfolgen, wenns klappt.
Ist es zwangsläufig so, dass besonders intelligente Computer-Arbeiten besonders schwer zugänglich sind und geradezu nach nichts aussehen? Die Ausstellung "Future Cinema" legt diesen Verdacht nahe. Gleichzeitig werden einige zutiefst prätentiöse Arbeiten vorgeführt, die in überladener, teils schwülstiger Ästhetik schwelgen und dabei mal simple Technikanwendung, mal philosophisch überfrachtete Welterklärung bieten. "Sally or the Bubble Burst" (2002) von Toni Dove zum Beispiel - eine interaktive DVD-Rom, die zur Kommunikation mit der Schauspielerin Sally Rand (gespielt von Helen Pickett) einlädt. Über Maus, Tastatur und Mikrofon nimmt Sally Befehle entgegen, führt ihren Seifenblasen-Tanz vor und antwortet auf Fragen, die ihr gestellt werden. Das Spektrum ist schnell ausgereizt und die süße Sally langweilt nach zehn Minuten.
Doch was hat das alles mit der Zukunft des Kinos zu tun? Über 70 Künstler, Forschungs- und Produktionsteams haben die Kuratoren Peter Weibel und Jeffrey Shaw eingeladen, ihre Projekte zur Erweiterung des Bildraums sowie Experimente mit neuen, computergestützten Erzählformen vorzustellen. Gewiss der umfassendste und aktuellste Überblick zum Thema und ein Muss für alle, die sich für Multimedia-Kunst und deren Anwendungsmöglichkeiten interessieren.
Museumspädagogen zum Beispiel werden in den Arbeiten von Pat ONeill und Norman M. Klein zu historischen Orten wie einem Hotel oder einer bestimmten Straße aufregende, vom Betrachter zu steuernde Modelle finden, Geschichte zu vermitteln. Peter Cornwell hat ein virtuelles Kino voller Leinwände programmiert: "MetaPlex", 2002, ist eine Variation des Heimkinos, bei der man nicht die Kassetten wechselt, sondern sich von Film zu Film navigiert. Das kommt der Fragestellung schon sehr nah.
Die spannendsten Kino-Erlebnisse jedoch bieten jene Künstler, die nicht den Betrachter zum Regisseur machen wollen, sondern ihn mit raffinierten Erzählstrategien, Mehrfach-Perspektiven und sorgfältiger Bildregie verführen. Eija-Liisa Ahtilas "Consolation Service" (1999), eine Film/DVD-Installation für zwei Projektionen, und Isaac Juliens "Long Road to Mazatlan" (1999), eine Dreifach-DVD-Projektion, sind die Beiträge mit der größten Kino-Affinität, ohne auch nur im geringsten Zugeständnisse an ein Massenpublikum im Sinne Hollywoods zu machen. Unterhaltung ist eine hohe Kunst, die bei "Future Cinema" zu oft zusammen mit den ausgestellten Computern abstürzt.
Termin: bis 30. März. Katalog: The MIT Press, Cambridge, MA, 38,90 Euro. Internet: www.zkm.de/futurecinema
Bild(er):
Bild: Fesselt nur für einen Augenblick: "Sally or the Bubble Burst" (2002), Standbild aus einer Multimedia-Installation von Toni Dove Standbild aus einer Multimedia-Installation von Toni Dove
