Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 3

Liebe Leserin, lieber Leser

Von Axel Hecht

Erfolge genießt er still, Lob quittiert er mit einem verhaltenen Lächeln, Ruhm ist ihm peinlich. Und doch macht dieser Götz Adriani, 62, in regelmäßigen Abständen von sich reden. Dabei wirkt er weitab der Metropolen mit ihren luxuriös ausgestatteten Häusern - er steht keinem Grand Palais (Paris), keiner Staatsgalerie (Stuttgart), keiner Eremitage (St. Petersburg) vor. Adriani ist Direktor der Kunsthalle Tübingen.

Für Schlagzeilen - und Besucherströme - sorgte Adriani in der Vergangenheit mit ebenso sorgfältig vorbereiteten wie attraktiven Ausstellungen auf dem Feld der Klassischen Moderne. Ob er die Aquarelle von Paul Cezanne, die Gemälde von Auguste Renoir, die Bilder von Henri de Toulouse-Lautrec, Pablo Picasso oder Henri Rousseau, dem Zöllner, zeigt - stets hat er neben schwierigen Leihgebern auch die Kritik und die Besucher auf seiner Seite.

Jetzt plant der Mann einen ganz außergewöhnlichen Coup, einen Geld-Handel mit seinem Arbeitgeber zum Wohle der Kunst: Der gebürtige Schwabe konnte nämlich seine Ausstellungserfolge der Vergangenheit in bare Münze verwandeln. Rund fünf Millionen Euro hat Adriani durch Eintrittsgelder und Katalogverkauf nach Abzug aller Kosten in den letzten Jahren erwirtschaftet. Abliefern musste er diesen materiellen Mehrwert seiner Kunstunternehmungen beim Kämmerer der 80000-Seelen-Gemeinde Tübingen. Und der freute sich nicht nur über das Geldpolster, er genoss auch noch die Zinsen.

Doch damit soll nun Schluss sein. Adriani, der von seinen Stadtoberen gerade mal 60 000 Euro für Wechselausstellungen pro Jahr erhält und somit nach eigenen Aussagen "wie ein kleiner Kunstverein" alimentiert wird, will ans große Geld. Und daher hat er einen geschickten Schachzug geplant: Die fünf Millionen Euro sollen demnächst in eine Stiftung einfließen. Über die Zinsen des sicher angelegten Vermögens, so Adriani, "könnte ich dann frei verfügen".

Unterstützung erhält der Kunsthallen-Chef von Tübingens Oberbürgermeisterin. Brigitte Russ-Scherer (SPD) steht hinter Adriani und wird wohl in den Beirat der neuen Stiftung einziehen.

Aus kulturpolitischer Sicht hat der Plan Modell-Charakter. Die Stadt Tübingen akzeptiert die sinnvolle Gleichung, nach der Mittel, die von der Kunst erwirtschaftet wurden, auch wieder der Kultur zufließen sollten. Zwar verzichtet die Kommune auf den jährlichen Zinsgewinn, sie sichert damit aber langfristig die Existenz einer Kunsthalle, die nicht nur zum kulturellen Wohl der eigenen Bürger arbeitet, sondern darüber hinaus Tübingen auf der Landkarte der wichtigen Kunstorte festgeschrieben hat.

Götz Adriani wiederum, Gründungsdirektor und seit rund 30 Jahren Leiter der Kunsthalle, gebührt das Lob für vorausschauende Verantwortung. Schließlich wird der Einzelkämpfer nur noch absehbare Zeit mit den neuen Mitteln wirtschaften dürfen. Langfristig können seine Nachfolger mit dem Niesbrauch wirtschaften. Das Kunsthaus am Philosophenweg wird auch in Zukunft gut bestellt sein.

Das Beispiel Tübingen sollte Schule machen.

Ihr

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Bild: Der Direktor und seine stummen Musen: Götz Adriani zwischen den um 1815 entstandenen Nymphen des klassizistischen Bildhauers Johann Heinrich Dannecker