Ausgabe: 02 / 2003
Seite: 6-8
Bilderstreit
Von
"25 Werke, die jeder kennen muss" - nicht nur Fachleute aus der Kunstszene, auch versierte art-Leser beteiligten sich an dem von der Redaktion angeregten (12/2002)
Was hat die Generation der heute 30- bis 40-Jährigen und ihre Künstler verändert? Der Tod als Begleiter der Liebe im Zeitalter von Aids. Vor diesem Hintergrund fehlt im art-Kanon das konzeptuell bedeutende und höchst poetische Werk von Felix Gonzalez-Torres, der 1996 selbst 39-jährig an den Folgen der Krankheit starb.
Seine "(Untitled) Perfect Lovers" (1987/90), zwei Wanduhren, die synchron dieselbe Zeit anzeigen, sind Metapher für die perfekte Liebe und zugleich das unausweichliche Schicksal, dem das Leben entgegen geht. Mit seinen Posterstapeln, Bonboninstallationen und Wandtexten hauchte er dem menschenleeren Minimalismus der sechziger und siebziger Jahre autobiografische und kollektive Erinnerungen ein und befreite den menschlichen Körper aus seiner in den Jahrzehnten zuvor politisierten Rolle.
Stefan Hildebrandt, Sammler und Berater für zeitgenössische Kunst, Hamburg
Selbstverständlich kann ich mit so einer Liste nicht einverstanden sein, ganz zu schweigen von einigen der ausgewählten Werke. Grundsätzlich bin ich diese endlosen Listen sowieso leid. Es ist, als riefen wir alle nach Eiscreme, oder nennen wir es Aufmerksamkeit. Unsere Ökonomie der Aufmerksamkeit macht es unmöglich, all die Geschichten, die hinter einem einzigen Kunstwerk stecken, zu erfassen. Dazu gehören wiederum viele andere Kunstwerke, auch solche, auf die wir nicht sofort aufmerksam werden. Das meinen wir, wenn wir von einem kulturellen Raum sprechen. Und wirklich scheint die bildende Kunst ihren eigenen kulturellen Raum zu haben. Ihre und andere Listen bestätigen das. Natürlich sind die präsentierten Werke von Martin Kippenberger, Fischli und Weiss, David Hammons, Cindy Sherman, Rosemarie Trockel und Jeff Wall wichtig, wenn es nur um die jüngste Vergangenheit geht. Natürlich berufen sie sich alle auf eine Langsamkeit und Vielfalt, was schön ist. Andererseits wird das Fehlen anderer Künstler umso auffallender. Ich denke an die "Passstücke" von Franz West, die ich 1989 im PS1 Museum in New York präsentiert habe, oder an die "Rolex etc., Freundlichs ,Aufstieg`" und "Skulptur Sortier-Station Dokumentation" von Thomas Hirschhorn im Kölner Museum Ludwig 1998. Es ist, als widersetzten sich diese Arbeiten der Vermittlung. War das der Grund, sie nicht aufzunehmen? Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, ohne sie weiterzumachen, auch wenn sie auf dem Grund meines Bewusstsein liegen.
Chris Dercon, Direktor des Museums Boijmans Van Beuningen, Rotterdam
Ein provokantes Unternehmen, die ultimativen Ikonen der letzten 25 Jahre zu bestimmen. Es ruft sofort nach eigenen Gewichtungen, erregt auf lustvolle Weise Widerspruch wie Zustimmung. Bin froh um gewisse Unterlassungen, etwa die einst hochgelobte Transavanguardia aus Italien anzuführen. Warum dieser Button von Haring? Für mich mehr ein Zeitdokument. Vieles ist gut getroffen, denke an andere Werke wie ein Urinal von Robert Gober, an "La DS" von Gabriel Orozco oder an "Oh! Charley, Charley, Charley" von Charles Ray. Und was ist mit Arbeiten älterer Künstler wie Ilya Kabakov, deren verspätete Rezeption in diese Zeitspanne fällt?
Bernhard Mendes Bürgi, Kunstmuseum Basel
Sie konnten offensichtlich der grassierenden Kanon-Inflation nicht widerstehen. Losgetreten von Herrn Reich-Ranicki, macht sich diese Unsitte nun überall breit. Jedes der von Ihnen genannten Werke/ Künstler kann man mit sehr guten Gründen durch andere oder sogar mehrere andere Werke/Künstler ersetzen. Also was ist dann das Motiv für einen solchen Kanon, wahrscheinlich doch vor allem die Wirkung auf den Kunstmarkt (wie auch bei Reich-Ranicki). Abgesehen da-von, dass Ihre 25 Meilensteine der aktu-ellen Kunst auf schärfste Kritik stoßen, ist es gegenüber vielen hervorragenden Künstlern auch in höchstem Maße unfair.
Ein Kanon ist etwas Verbindliches, das allgemein gilt. Nun fordern Sie zwar zu Kritik auf, aber der Zug ist abgefahren, die Liste gedruckt und damit verbindlich. Ich werde mich deshalb auch nicht auf die Diskussion einzelner Kunstwerke/ Künstler einlassen, meine Kritik ist grund-sätzlich.
Dieter Broska, Mainz
Ihrer Auswahl stimme ich weitgehend zu, allerdings scheint mir die Fotografie überbetont zu sein, wobei sie durch bedeutsam formulierte Texte geschickt aufgewertet wird: Die Texte versprechen mehr, als die abgebildeten Arbeiten halten. An-stelle einiger dieser Fotoarbeiten schlage ich folgende Künstler für Ihre Auswahl vor: Stephan Balkenhol, Thomas Demand, Günther Förg, Stephan Huber und Wolfgang Laib.
Informativ und anregend die ganze Nummer 12 von art!
Dr. Hans Prescher, München
Bei Gregor Schneiders abgebildetem und im Text beschriebenem Projekt handelt es sich nicht um das "Tote Haus ur", sondern um sein "Haus ur".
Als Lektüre kann ich Ihnen dazu Udo Kittelmanns Aufsatz "Haus ur, Rheidt, versus Totes Haus ur, Venedig" (in: Katalog Gregor Schneider: Totes Haus Ur. La Biennale di Venezia 2001, Verlag Hatje Cantz, S. 11-30) empfehlen, wo bereits der Titel des Textes auf diesen für das Verständnis der Arbeit wichtigen Unterschied hinweist.
Ihrem Urteil, dass es sich bei Schnei-ders Projekt um eines der "Meilensteine der aktuellen Kunst" handelt, ist natürlich uneingeschränkt beizupflichten.
Marc Steffens, Hamburg
Ihr Aufruf zur Beteiligung an Ihrem "Spiel" ist zwar ein hübscher Werbegag, mehr aber leider nicht. Denn: Ohne objektiven Bewertungsmaßstab kann es keine Sie-ger geben, und in der Gegenwartskunst gibt es (leider) keinen objektiven Bewertungsmaßstab mehr, sondern nur noch subjektive Meinungen. Da können Sie endlos lange in Ihrer Redaktion diskutieren, was dabei letztlich heraus kommt, ist für Sie zwar der "art-Kanon der Gegenwartskunst", objektiv aber ist das Ergebnis so wertlos wie die Bestimmung des Wahlsiegers einer Bundestagswahl durch eine Diskussionsrunde. Überall "im richtigen Leben" kommt es nämlich auf harte Fakten an, wenn Sieger bestimmt werden, zum Beispiel darauf, wie viele Menschen die verschiedenen Parteien gewählt haben oder bei Bestsellerlisten, wie viele Bücher verkauft wurden.
In der Kunst aber kommt es immer weniger auf das Kunstwerk selbst an, sondern was kluge oder weniger kluge "Sachverständige" darüber zum Besten geben.
Da steht an erster Stelle der "eingeweckte" Hai von Damien Hirst mit Ihrer präzisen Erklärung, das sei "die Wiedergeburt des Realismus aus dem Geist des Horrors". Für mich allerdings ist diese ganze junge britische Kunst zum Teil nichts weiter als ekelhafte Sensationsgier, vom britischen Werbefachmann und Kunstsammler Charles Saatchi geschickt inszeniert, um schnellstens ans große Geld zu kommen.
Dr. Achim Hübner, Neuss
Auf Ihre Frage nach dem Favoriten der aktuellen Kunst wäre interessant zu wissen, was in zehn oder 20 Jahren den Menschen gefällt oder was gegenwärtig noch nicht verstanden wird, da wir im Verständnis der Kunst hinten nachhinken - wie sich auch auf dem Kunstmarkt immer bestätigt, dass etablierte Kunst wesentlich teurer ist als aktuelle. Auch mit dieser Umfrage und der damit verbundenen Meinung kann ein Künstler schon mehr profiliert werden als vorher. Für mich ist der Künstler Christoph Hinterhuber einer, der mit seiner Kunst das Potenzial hat, für die Zukunft Aufmerksamkeit zu erreichen. Er stellt virtuelle Räume dar und legt diese in die Realität um.
Bernhard Erharter, per E-Mail
Gratulation zu Ihrem Mut, eine so prägnante wie angreifbare Auswahl zu treffen. Ein schöner Service vor allem für Abonnenten wäre gewesen, wenn Sie jeweils einen kleinen Verweis auf artikel mitgeliefert hätten, in denen die Künstler vorgestellt werden, deren Werke Sie zu Meilensteinen der aktuellen Kunst erklärt haben.
Eduard Möschwitzer, München
Folgende monografische Artikel sind bisher in art erschienen:
Damien Hirst (7/1993)
Thomas Ruff (11/2000)
Keith Haring (2/1995)
Martin Kippenberger (7/1998)
Rachel Whiteread (2/1999)
Neo Rauch (1/2001)
Wolfgang Tillmans (11/1999)
Sophie Calle (7/1999)
Sylvie Fleury (5/2001)
Bill Viola (2/1999)
Shirin Neshat (4/2000)
Jason Rhoades (9/1998)
Matthew Barney (5/2002)
Andreas Slominski (11/1997)
Jake und Dinos Chapman (10/2000)
Gregor Schneider (6/2001)
Rosemarie Trockel (5/1999)
Katharina Fritsch (6/1995)
Jeff Wall (6/1996)
Jeff Koons (12/1992)
Verweise auf weitere Artikel finden Sie bei art-Online: www.art-magazin.de > Art Guide > Print-Register. Red.
Bild(er):
Bild: Titelthema der Dezember-Ausgabe von art waren die wichtigsten Werke der aktuellen Kunst
Bild: Stefan Hildebrandt
Bild: Chris Dercon
Bild: B. Mendes Bürgi
Bild: Meilensteine der aktuellen Kunst
