Ausgabe: 12 / 2003
Seite: 131
Film-Diva in kühl inszenierten Posen
Von
Die Amerikanerin Cindy Sherman gibt ihre Fotoserie "Film Stills ohne Titel" aus den siebziger Jahren als Buch heraus
Sie kommt einem so bekannt vor. Aus welchem Film nur? Aus gar keinem. Es gibt bloß diese Fotos mit der immer gleichen Frau in unterschiedlicher Aufmachung. Ein bisschen Anna Magnani, dann wieder ganz Brigitte Bardot. Nie ist sie im Schnappschuss erwischt, immer sind es kühl inszenierte Posen, in die sich Cindy Sherman wirft: die Wütende, die Trauernde, die Träumende, die wild Entschlossene. Was passiert ist und was passieren wird, erzählen die Fotografien nicht - der Film zum Bild läuft nur im Kopf des Betrachters. Die "Film Stills ohne Titel" erklären die Fantasie zum besseren Kino.
Im Fotografiestudium hatte sich die heute 49-jährige Künstlerin noch gelangweilt und war durchgefallen. Mit der Schwarzweißserie machte sie Ende der siebziger Jahre nun aus ihrem Mangel an technischer Perfektion ein ästhetisches Mittel. Mit Erfolg - die "Film Stills" brachten ihr den künstlerischen Durchbruch. Jetzt hat Cindy Sherman auf Bitten des Museum of Modern Art 70 Fotos der Serie als Band zusammengestellt und mit einem Essay versehen. Das Ergebnis: viel besser als ein Abend vor dem Fernseher.
Cindy Sherman. The Complete Untitled Filmstills. Mit Texten von Cindy Sherman und Peter Galassi. Verlag Schirmer/Mosel, München. 164 S. mit 76 Abb., davon 70 Duotone-Tafeln. 39,80 Euro
Bild(er):
Bild: "Eine junge Familie aus Brooklyn auf dem Sonntagsspaziergang", 1969 in New York fotografiert von Diane Arbus. Links: "The Smith Familiy, Fife, Scotland", 1989, von Thomas Struth
Bild: Der Film zum Bild läuft im Kopf des Betrachters: " 52, 1979"
