Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 127
Schlechte Hüter fremder Schätze
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Raubkunst: Benin-Bronzen wurden aus dem British Museum verschoben
Das British Museum kommt nicht aus den Schlagzeilen. Nach Millionendefiziten und Querelen um die Elgin Marbles, den Marmorfries des Athener Parthenon, kam nun ein weiterer Skandal ans Licht: Zwischen 1950 und 1972 verkaufte das altehrwürdige Institut mehr als 30 Exemplare seiner Sammlung von "Benin-Bronzen", obwohl ihm die Veräußerung von Werken generell untersagt ist.
Die Reliefplatten aus Gelbguss, einer Art Messing, stammen vom Hof des Königreiches Benin im heutigen Nigeria. Sie stellen oft paarweise ähnliche, aber nicht identische Szenen aus dem höfischen Leben, Personen und Tiere dar und schmückten Säulen im Palast.
Nach der Zerstörung der Hauptstadt Benins durch britische Truppen im Jahre 1897 gelangten mehr als 2000 Kunstwerke als Kriegsbeute nach Großbritannien, eine große Anzahl wurde von der Regierung über das Britische Museum in andere Länder verkauft "um die Kosten der Strafaktion zu decken". 203 Stücke erwarb das Museum selbst.
Jetzt erhielt ein Journalist der in London erscheinenden Monatszeitschrift "The Art Newspaper" Einsicht in Dokumente, die beweisen, dass der Verkauf weiterging. Hermann Braunholtz, der von 1938 bis 1953 die ethnografische Abteilung leitete, klassifizierte 1950 insgesamt 30 Platten, obwohl die Form jeweils individuell modelliert war, als "Duplikate". Als solche fielen sie nicht unter das Veräußerungsverbot. Noch im selben Jahr wurden zehn Bronzen für insgesamt 1500 Pfund an die nigerianische Regierung verkauft. Heute ist der Verbleib eines Teils dieser Werke unklar. Man hofft jedoch, dass sie im Fundus des Nationalmuseums in Lagos eingelagert sind.
Womöglich wollte der Londoner Ethnograf damals dazu beitragen, dass das im Aufbau befindliche Museum in Nigeria auch bedeutende Beispiele der Kultur von Benin zeigen konnte. Mit dem Erlös wurde eine Sammlung afrikanischer und amerikanischer Volkskunst erworben.
Die Verkäufe zogen sich auch unter dem Nachfolger von Braunholtz bis 1972 hin, als zwei Reliefplatten einem amerikanischen Sammler im Tausch gegen eine Reiterfigur überlassen wurden.
Im Januar nun hat das nigerianische Unterhaus die Regierung in Lagos einstimmig aufgefordert, die seit dem Raubzug in vielen europäischen Museen - darunter auch in Berlin, Wien und Leipzig - verstreuten Benin-Bronzen offiziell zurückzufordern. Bislang war solchen Ansprüchen in London immer entgegen gehalten worden, dass die Werke in großen Instituten wie dem British Museum besser aufgehoben seien als in vernachlässigten Museen der Ursprungsländer.
Auch gegenüber der griechischen Regierung, die die Elgin Marbles zurückfordert, wird es nach der Aufdeckung der dubiosen Geschäfte und Tauschaktionen nun schwieriger sein, stichhaltige Argumente zu finden.
Bild(er):
Bild: Die Bronzen stammen vom Hof des Königreichs Benin - seit Jahren wird ihre Rückführung gefordert
Bild: Reliefplatten wie diese schmückten Säulen im Palast
