Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 93

Hingebungsvolles Miteinander

Von Kira Van Lil

MADRID: BHUPEN KHAKHAR / Der Grandseigneur der zeitgenössischen indischen Kunst, der in den achtziger Jahren sein homosexuelles Coming out hatte, stellt im Centro de Arte Reina Sofia aus

Everyone I have ever slept with 1963-1995" ("Jeder, mit dem ich zwischen 1963 und 1995 geschlafen habe") nannte die britische Künstlerin Tracey Emin das Zelt, in dessen Innenwände sie 1995 die Namen aller ihrer Liebhaber aufwändig und liebevoll genäht hatte (art 7/1997). Dieses Skandalwerk der westlichen Kunst hat ein fernöstliches Gegenstück: "Alle Menschen, mit denen ich eine Beziehung hatte" vereinigte der indische Künstler Bhupen Khakhar in seinem zwei Jahre zuvor entstandenen Gemälde - in dem er lauter Porträts von Männern vor allem mittleren oder fortgeschrittenen Alters vereint hat.

Sein homosexuelles Coming out hatte der 1934 geborene Maler erst in den achtziger Jahren. Daraufhin wurde seine Kunst zunehmend bekenntnishaft, immer wieder stellt er seitdem auch eindeutige Szenen unter Männern dar. Mögen diese für hinduistische Traditionalisten als Affront erscheinen, berühren sie westliche Betrachter in ihrer würdevollen Ernsthaftigkeit. Khakhar blendet Voyeurismus, Anzüglichkeiten und Abgründe aus und bringt statt dessen die tiefe, fast religiöse Bedeutung zum Ausdruck, die seine sexuellen Erfahrungen für ihn haben. Im Vergleich mit Werken des englischen Dandys und Pop- Art-Pioniers David Hockney macht der Inder Khakhar seine innerliche Haltung deutlich: "Hockney geht es um körperliche Schönheit, ich hingegen bin an anderen Aspekten interessiert - Wärme, Mitgefühl, Verletzlichkeit, Berührung "

Auf dem von der homosexuellen Thematik geprägten Werk Khakhars der letzten zwanzig Jahre liegt der Schwerpunkt der Ausstellung in Madrid. Mit rund 35 Gemälden und zusätzlichen Aquarellen richtet Kurator Enrique Juncosa dem Künstler seine erste Retrospektive ein.

Der gelernte Bilanzbuchhalter Khakhar widmete sich als Autodidakt erst mit etwa 30 Jahren intensiv der Malerei. Von Anfang an ist der Mensch sein zentrales Thema, Khakhar schildert detailreich Alltagssituationen von Handwerkern, Händlern und Bauern, eingebettet in städtisches oder ländliches Umfeld. Allerdings werden nicht die Tätigkeiten ausgeschmückt, vielmehr zählen für den Künstler die Beziehungen zwischen den Menschen, ihr und konzentriertes Füreinander. Khakhars oft anrührende Botschaften bestechen in ihrer entwaffnenden Unbekümmertheit, die nicht mit Naivität zu verwechseln ist.

Souverän übernimmt Khakhar westliche Kunst quer durch die Jahrhunderte und wurzelt gleichzeitig tief in der indischen Kultur. So verbindet sich die Flächigkeit der britischen Pop Art mit einer warm leuchtenden orientalischen Farbigkeit, Haupterzählung und Nebenstränge sind in verschiedenen räumlichen Ebenen auf der Bildfläche verdichtet - wozu Khakhar die italienische Frührenaissance genauso als Inspiration nutzt wie die mit Figuren überbordenden Werke der traditionellen indischen Malerei. Ein Wanderer zwischen den Welten, der verschiedene Stränge zu Geschichten zusammenflicht, die global lesbar sind und dennoch Geheimnisse bewahren.

Termin: 6. Juni bis 16. September. Katalog: zirka 30 Euro. Internet: museoreinasofia.mcu.es Galeriekontakt: The Fine Art Resource, Berlin. Internet: www.indianarttoday.com

Bild(er):

Bild: Orientalisch leuchtende Farben: Bhupen Khakhars Aquarell "Der blinde Bakubhai" (111 x 110 cm, 2001)

Bild: Erzählfreude: "You can't please all" (167 x 167 cm) aus dem Jahr 1981