Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 30-39

Eine Schöne mit Vergangenheit

Von Alfred Nemeczek

GESCHICHTE DER DOCUMENTA / Mit der ersten Documenta von 1955 wollte der Kasseler Maler Arnold Bode (1900 bis 1977) die Deutschen nach Krieg und Nazizeit wieder in die europäische Kunst einführen. Inzwischen ist die Schau längst zur "Weltausstellung der zeitgenössischen Kunst" geworden

Documenta 1

Termin & Gebäude: 15. Juli bis 18. September 1955, Museum Fridericianum.

Kuratoren: Arnold Bode, künstlerischer Leiter und Ausstellungsarchitekt, Werner Haftmann, Konzept.

Thema & Inhalt: "Kunst des XX. Jahrhunderts". Malerei und Plastik der Richtungen Kubismus, Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Konstruktivismus, Surrealismus, Abstraktion und Informel aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Statistik: 670 Werke von 148 Künstlern aus 13 Ländern. Kosten 364000 Mark (186000 Euro). 134850 Besucher.

Documenta 2

Termin & Gebäude: 11. Juli bis 11. Oktober 1959. Museum Fridericianum, Orangerie, Bellevue-Schloss.

Kuratoren: Arnold Bode, künstlerischer Leiter und Ausstellungsarchitekt; Werner Haftmann, Konzept Malerei; Eduard Trier, Konzept Plastik; Hein Stünke, Konzept Grafik.

Thema & Inhalt: "Internationale Ausstellung" mit überwiegend abstrakten Werken der Malerei, der Plastik und der Grafik aus der Zeit von 1945 bis 1959.

Statistik: 1770 Arbeiten von 326 Künstlern aus 23 Ländern. Kosten knapp eine Million Mark (511000 Euro), von denen rund 250000 Mark nicht durch Einnahmen gedeckt waren. 137000 Besucher.

Documenta 3

Termin & Gebäude: 27. Juni bis 5. Oktober 1964. Museum Fridericianum, Orangerie, Alte [heute: Neue] Galerie der Staatlichen Kunstsammlungen Kassel.

Kuratoren: Arnold Bode, künstlerischer Leiter und Ausstellungsarchitekt, Werner Haftmann, Konzept Malerei und Handzeichnungen.

Thema & Inhalt: "Museum der 100 Tage" (Bode) mit den Abteilungen "Meisterkabinette" (Kunst seit 1914), Handzeichnungen (seit 1884), "Bild und Skulptur im Raum", "Aspekte" (Malerei und Plastik seit 1959), "Licht und Bewegung" (kinetische Kunst).

Statistik: 1414 Werke von 298 Künstlern aus 21 Ländern. Etat 1,4 Millionen Mark (716 000 Euro), der um rund 402 000 Mark überschritten wurde, die als Defizit ausgewiesen wurden. 200000 Besucher.

Documenta 4

Termin & Gebäude: 27. Juni bis 6. Oktober 1968. Neue Galerie, Museum Fridericianum, Orangerie.

Kurator: Arnold Bode, künstlerischer Leiter und Vorsitzender des Documenta-Rates, dessen Mitglieder über Konzept, Teilnehmer und ausgestellte Kunstwerke abstimmten.

Thema & Inhalt: "Internationale Ausstellung". Ausschließlich aktuelle Malerei und Plastik der Jahre 1960 bis 1968, darunter Pop Art und Minimal Art. Dazu die Abteilungen "Environment" (Raumkunst) und "Multiples".

Statistik: 1000 Werke von 150 Künstlern aus 17 Ländern. Etat zwei Millionen Mark (1,02 Millionen Euro). Überschuss: 41000 Mark. 225000 Besucher.

Documenta 5

Termin & Gebäude: 30. Juni bis 8. Oktober 1972. Neue Galerie, Museum Fridericianum

Kuratoren: Harald Szeemann, Generalsekretär, Bazon Brock, Konzeptmitarbeit und Besucherschule

Thema & Inhalt: Unter dem Motto "Befragung der Realität - Bildwelten heute" wurden aktuelle Kunsttrends wie Concept Art, Fotorealismus und "Individuelle Mythologien" mit den profanen Bildgattungen "Trivialemblematik" (Kitsch), politische Propaganda, Science-Fiction, Werbung oder "Bildnerei der Geisteskranken" konfrontiert.

Statistik: Rund 1100 Kunstwerke, Filme und Performance-Akte von 222 Künstlern aus 21 Ländern; außerdem ewa 1500 Gebrauchsbilder und Alltagsgegenstände. Etat 3,5 Millionen Mark (1,8 Millionen Euro); Defizit etwa 300000 Mark. 230000 Besucher.

Documenta 6

Termin & Gebäude: 26. Juni bis 2. Oktober 1977. Museum Fridericianum, Neue Galerie, Orangerie, Karlsaue, Innenstadt.

Kuratoren: Manfred Schneckenburger, künstlerischer Leiter, Klaus Honnef, Wieland Schmied, Evelyn Weiss, Mitarbeiter Malerei und Handzeichnungen.

Thema & Inhalt: "Medien"-Documenta mit den teils aktuellen, teils retrospektiven Abteilungen Malerei, Plastik, Performance, Fotografie, Film, Video, Handzeichnungen, Utopisches Design, Künstlerbücher. Spektakuläre Installationen im Stadtraum; erstmals Kunst aus der DDR.

Statistik: 1400 Werke von 492 Künstlern aus 39 Ländern. Etat 4,5 Millionen Mark (2,3 Millionen Euro), kein Defizit. 355000 Besucher.

Documenta 7

Termin & Gebäude: 19. Juni bis 28. September 1982. Museum Fridericianum, Orangerie, Neue Galerie, Auepark.

Kuratoren: Rudi Fuchs, künstlerischer Leiter, Coosje van Bruggen, Germano Celant, Johannes Gachnang, Gerhard Storck (Mitglieder des künstlerschen Beirats).

Thema & Inhalt: Betont "museale" Darbietung von Malerei, Skulpturen, Objekten und Installationen von Künstlern der Jahrgänge 1902 bis 1960. Kein Werk älter als fünf Jahre. Dominierend: "postmoderne", "neoexpressive" Malerei der so genannten Neuen Wilden sowie Installationen im Freiraum, darunter die Basaltstelen des Projekts "7000 Eichen" von Joseph Beuys.

Statistik: Rund 1000 Werke von 167 Künstlern aus 20 Ländern. Kosten 7,5 Millionen Mark (3,8 Millionen Euro); kein Defizit. 380000 Besucher.

Documenta 8

Termin & Gebäude: 12. Juni bis 20. September 1987. Museum Fridercianum, Orangerie, Auepark und Stadtraum.

Kuratoren: Manfred Schneckenburger, künstlerischer Leiter, Vittorio Fagone, Edward F. Fry, Wulf Herzogenrath, Lothar Romain, Armin Zweite (Mitglieder des künstlerischen Beirats).

Thema & Inhalt: Aktuelle Malerei, Installationen, Kunst mit Neuen Medien, Architektur (Modelle) und Design in den Abteilungen: Video, Audiothek, Videothek, Performance, Ideales Museum; dazu auch Arbeiten auf der Grenze von Design und Plastik im Freien.

Statistik: Rund 520 Werke und Darbietungen von 412 Künstlern und Künstlerteams aus 24 Ländern. Kosten: knapp zehn Millionen Mark (5,11 Millionen Euro); Defizit: 910000 Mark. Besucher: 486811.

Documenta 9

Termin & Gebäude: 13. Juni bis 20. September 1992. Museum Fridericianum, Documenta-Halle, Neue Galerie, Ottoneum, Bellevueschloss (Grimm-Museum), AOK-Gebäude, Tiefgarage Theatervorplatz, Temporäre Bauten im Auepark, Orangerie, Aueparkgelände und Stadtraum.

Kuratoren: Jan Hoet, künstlerische Leitung, Bart De Baere, Pier Luigi Tazzi, Denys Zacharopoulos (Mitglieder des Teams).

Thema & Inhalt: Umfassende Informationsschau aktueller Kunst ohne allzu strenges Konzept mit Malerei, Plastik, Objekten, Film-, Klang- und Video-Installationen, Aktionskunst und Performance-Akten sowie Jazz, Baseball und Boxen im Begleitprogramm. Dazu die retrospektive Abteilung "kollektives Gedächtnis", unter anderem mit Werken von Paul Gauguin, Joseph Beuys und Alberto Giacometti.

Statistik: Rund 1000 Werke von 196 Künstlern aus 43 Ländern. Kosten 19 Millionen Mark (9,7 Millionen Euro), kein Defizit. 609235 Besucher.

Documenta 10

Termin & Gebäude: 21. Juni bis 28. September 1997. Museum Fridericianum, Documenta-Halle, Ottoneum, Orangerie, Kulturbahnhof, Bahnhofsplatz-Unterführung, Läden Treppenstraße.

Kuratoren: Catherine David, künstlerische Leitung, Hortensia Völckers (General Assistant), Jean-Francois Chevrier (Berater).

Thema & Inhalt: "Manifestation culturelle" zu Themen wie Urbanismus, Territorium, Identität, Bürgerrechte, "sozialer Nationalstaat`, Staat und Rassismus, Globalisierung der Märkte mit den Abteilungen "Parcours", "Retro-Perspektive" und "100 Tage - 100 Gäste". Die Kunst - retrospektiv und aktuell - illustrierte den intellektuellen Diskurs.

Statistik: 569 Werke von 138 Künstlern aus 27 Ländern. Kosten: 21,5 Millionen Mark (10,9 Millionen Euro), Überschuss: 1,4 Millionen Mark. 631 000 Besucher.

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