Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 74-75

Diktatur, Demokratie und andere Probleme der Kunsttheorie

Von Christoph Blase

TITEL: Documenta 11 / , 46, Kritiker und Betreiber der Website www.blitzreview.de, bilanziert die Documenta-Plattformen: Wurde die Kunst im Vorfeld totgeredet - oder hat sich die Debatte gelohnt?

Die Stimmung im Vorfeld der Documenta 11 war al les andere als gut. Was sollten diese Plattformen Nummer 1 bis 4, diese ausufernden Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen, die in Wien und Neu-Delhi, in abgespeckter Form auch in Berlin, und dann wieder im karibischen St. Lucia und dem nigerianischen Lagos angesetzt waren? Nun ist das Programm absolviert: Über 80 Referenten haben interdisziplinär debattiert, aber dabei offensichtlich nie über Kunst geredet. Der Documenta-Chef Okwui Enwezor wird inzwischen kaum mehr als Kurator gesehen, sondern eher als Politiker mit dermaßen eloquenter UNESCO-Rhetorik, dass jegliche Lust vergeht, genauer nachzufragen. Die Kunstszene befürchtet eine langweilige und theoretisierte Ausstellung. Zudem ist die Documenta zu einem publizistischen Großunternehmen geworden: 1400 Seiten Theorie sind angekündigt, dagegen nur 670 Seiten zum eigentlichen Kunstereignis, insgesamt acht Publikationen, die zusammen gut 200 Euro kosten.

So viel zur schlechten Stimmung, die sich problemlos noch mit weiteren Details aufheizen ließe. Doch es finden sich auch Hinweise darauf, dass das Konzept zu einem fruchtbaren Höhepunkt in Kassel führt. Die Bausteine passen vielleicht doch logisch zusammen. Dazu muss man sich zunächst einmal den Inhalt der Plattformen genauer anschauen.

Auf das Wesentliche reduziert, ging es um Folgendes: Das Funktionieren der Demokratie wurde erörtert und abgeklopft, wie weit diese Staatsform überhaupt entwickelt ist. Ferner beschäftigte man sich damit, ob das demokratische Modell wirklich immer und überall zweckmäßig ist. Und eher zaghaft wurde erörtert, wie denn Alternativen aussehen könnten und mit welchen Zielen diese zu verfolgen seien. Denn es ist gar nicht so einfach, Diktaturen in Demokratien umzuwandeln. Schließlich leben "die Bösen" ja immer noch, und es kann nicht von einem Jahr auf das nächste alles vergessen werden. Unterdrücker und Unterdrückte können nicht einfach ausgetauscht werden, sondern es müssen menschlich realisierbare Möglichkeiten zur Aussöhnung gefunden werden.

Gleichzeitig entstehen immer mehr Mischkulturen, die sich gerade in ihrer Mischung definieren und neue Kräfte entfalten. Kulturen prallen nicht nur aufeinander, sondern verfließen ineinander. Dabei verliert der Raum rapide an Bedeutung: Es gibt langfristig keine kulturell abgeschotteten Territorien mehr. Dies kann zu positiver Kreativität führen, aber auch zu neuen Konflikten. Beschleunigt werden solche Prozesse in Städten, vor allem in der Dritten Welt, in der rund 300 Städte mit mehr als einer Million Einwohner existieren. 40 Prozent der afrikanischen Bevölkerung leben in Städten, die unorganisiert wachsen. Hier müssen neue Strukturen entwickelt werden, die sich eben nicht an westlichen Vorbildern orientieren können.

Über solche, das globale Zusammenleben in Zukunft bestimmende Themen wurde also im Rahmen und im Hinblick auf die Kunstausstellung Documenta gesprochen. Die starke Konzentration auf politische und gesellschaftliche Themen führte dazu, dass das klassische Kunstpublikum sich größtenteils abwandte. Dem schon segelnden Schiff Documenta versagte man die Begleitung. Umgekehrt jedoch wurde ein Publikum, dass sich vielleicht in speziellen Diskursen auskennt, aber oftmals kaum in aktueller Kunst, sensibilisiert für die Institution Documenta. Okwui Enwezor hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass die letzte Plattform, die Ausstellung, das Herz der Documenta sei, auf das die vorhergehenden Plattformen hinführen und worin das Projekt Documenta 11 kulminiert.

Solange man jedoch innerhalb der westlichen Kunstposition denkt, ist dies schwer vorstellbar. Was sollen "uns" die wissenschaftlichen Intellektuellen denn bringen? Die haben doch mit Kunst gar nichts zu tun, das kann doch nicht funktionieren! Stimmt, zumindest überwiegend. Aber wenn man einmal den umgekehrten Ansatz durchspielt, wird die Angelegenheit sehr viel logischer. Die "Operation Plattformen" zielt nicht nach Kassel hinein, sondern im Sinne einer globalen Erfrischung der Kunst aus Kassel hinaus. Diese Documenta ist nach 30 Jahren erstmals nicht für die westliche Kunstszene gedacht, die mehr oder weniger jeden documentaverdächtigen Künstler bereits kennt, sondern für das weltweite intellektuelle Potenzial außerhalb dieses Bereiches.

Sie steht damit in der Tradition jener beiden Documenten, die bisher die nachhaltigste Wirkung hinterließen, die erste von 1955 und die fünfte im Jahre 1972. Beide Ereignisse öffneten Augen, 1955 fast schon retrospektiv für die Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und 1972 für jene Kunsttendenzen, die heute die Museen beherrschen. 2002 könnte diejenige Documenta werden, deren Impulse fern ab von Kassel wirksam werden. Angesichts der heutigen globalen Vernetzungen könnte sich eine solche Wirkung sehr schnell entfalten. Denn wenn bisher im Zusammenhang mit den Plattformen oft von Wissenstransfer die Rede war, wurde dies gerne aus einseitiger Richtung gesehen, nämlich Wissen zu uns. Es geht aber vor allem auch um die Übertragung von Wissen und Erfahrung über und mit Kunst in die andere Richtung. Enwezor ist vielleicht tatsächlich eine Art Politiker, der für eine kleine Gruppe wissenschaftlicher und künstlerischer Intellektueller ein unübliches Programm zum interdisziplinären globalen Wissenstransfer entwickelt hat. Um es erfolgreich durchzuführen, ließ er alle Seiten ein wenig im Dunkeln.

Damit wird auch verständlich, warum das Vermittlungsprogramm für den Besucherdienst auf solch hohem Niveau angelegt ist. Rund 100 junge Kunst- und Kulturwissenschaftler aus vielen Nationen durchlaufen seit Januar ein Studium von fünf jeweils siebentägigen Blöcken, was in seiner Intensität mindestens einem Semester an der Universität gleichkommt. Obwohl die Teilnehmer ihre Reise- und Lebenskosten in Kassel mit selbst organisierten Stipendien oder aus eigener Tasche bezahlen müssen, war der Andrang groß.

Ebenso lässt die Begrenzung auf wenig mehr als 100 Künstler, was gleichzeitig bedeutet, dass jeder seine Arbeit großzügig präsentieren kann, erkennen, dass nicht die Masse, sondern die exemplarische Erörterung der Frage, was Kunst heute sein kann, im Vordergrund steht. Und aus den wenigen Namen, die im Vorfeld offiziell bekannt sind, lässt sich ableiten, dass es eine Documenta sein wird, die nicht nach den Vorlieben des Kunstmarktes fragt, sondern nach kulturellen Erfahrungen aller Art.

Während der Plattformdiskussion in Berlin meinte der nigerianische Literatur-Nobelpreisträger Wole Soyinka plötzlich, dass es für ihn etwas unverständlich sei, was so alles Kunst genannt werde, zum Beispiel ein eingepackter Reichstag oder eine in zwei Teile aufgeschlitzte Kuh. Beifall brandete beim überwiegend jugendlichen Publikum auf, was wiederum manchen im Saal irritierte, aber gleichzeitig klarmachte, wie wenig die aktuelle Kunstszene in der übrigen intellektuellen Szene verankert ist. Okwui Enwezor musste reagieren. Natürlich sei das Kunst, sagte er und bog sogleich das Thema ab mit den Worten: "Aber das diskutieren wir an einem anderem Ort." Ich glaube, er meinte Kassel.

Enwezor hat die Fähigkeiten eines Politikers - er taktierte und ließ beim Wissenstransfer alle Beteiligten etwas im Dunkeln

Es zeichnet sich ab, dass nicht der Kunstmarkt das Programm bestimmt. Gefragt ist kultureller Austausch

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