Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 3

Liebe Leserin, lieber Leser

Von Axel Hecht

Kein Schmähruf hat eine solche Karriere gemacht: "Ab nach Kassel", riefen die schadenfrohen Bürger von Aachen dem französischen Kaiser Napoleon III. zu, als der nach seiner Niederlage in der Schlacht bei Sedan am 5. September 1870 im Zug durch ihren Bahnhof fuhr. In der nordhessischen Stadt musste der Geschlagene auf Schloss Wilhelmshöhe für sechs Monate ein nobles Gefängnis beziehen.

Unter Kunstfreunden mutierte der einstige Spott inzwischen längst zum erwartungsfrohen Imperativ: Alle fünf Jahre, wenn die Documenta wieder als "Museum der 100 Tage" eröffnet, heißt es "Ab nach Kassel". Einen Sommer lang ist dann die ehemalige Residenzstadt an der Fulda durch die Weltausstellung der zeitgenössischen Kunst attraktiver Anziehungspunkt.

So auch in diesem Jahr, vom 8. Juni bis zum 30. September, zur Documenta 11. Und wieder wird bei aller Vertrautheit alles anders sein. Schon die Orte machen neugierig, denn so viel Platz war nie: Zu den klassischen Kunsthäusern ist diesmal noch die aufgelassene Binding-Brauerei hinzugekommen - insgesamt rund 13 000 Quadratmeter als Terrain für den Auftritt von 118 Künstlerinnen und Künstlern aus fünf Kontinenten.

Für die Redaktion war die D 11 schon im Vorfeld eine große Herausforderung: Um Sie möglichst umfassend über Konzept, Programm und Teilnehmer zu informieren, haben wir uns entschlossen, diese Ausgabe bis auf die gewohnten Rubriken unter das Generalthema D 11 zu stellen. Auftakt und Herzstück ist das große Defilee von Kunst und Künstlern, die dem Ereignis Geist und Gestalt geben werden. Ein Essay beschreibt und wertet die Plattformen des Documenta-Leiters - jene Vortrags- und Diskussionsforen, auf denen Okwui Enwezor nach einem neuen Vokabular der Verständigung zwischen den Kulturen suchte.

Doch das Heft bietet auch Retrospektiven. Ein Blick zurück gilt dem wohl folgenreichsten Projekt einer Documenta - der Aktion "7000 Eichen" von Joseph Beuys, die vor 20 Jahren gestartet wurde. Und auch Hans Eichel, Bundesminister der Finanzen erinnert sich - an die Zeit, als er nicht nur Oberbürgermeister von Kassel, sondern Aufsichtsrat der Documenta war.

Dazu bietet diese Juni-Ausgabe eine 40-seitige Beilage "art spezial" zur Documenta 11 mit allen wichtigen Informationen zum Kunstsommer in Kassel. Wir nennen Orte und Veranstaltungen, geben Tipps für den rundum gelungenen Kassel-Besuch. Dazu die Geschichte, wie aus dem Experiment des Documenta-Gründers Arnold Bode (1900 bis 1977) von 1955 die erfolgreichste Leistungsschau der Moderne wurde.

Lassen Sie sich einladen und folgen Sie der freundlichen Aufforderung: Ab nach Kassel!

Ab sofort präsentiert sich die Website von art in neuer Aufmachung. Sie finden alle wichtigen Informationen, Meldungen und Service-Mitteilungen noch schneller und übersichtlicher. Suchen Sie uns unter: www.art-magazin.de

Ihr Axel Hecht

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Bild: Was 1955 als Experiment begann, ist längst zum Stolz einer ganzen Stadt geworden: die Documenta als Visitenkarte von Kassel