Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 98
Enger Raum
Von Ralf Schlter
WOLFSBURG: STREAMLINE. AMERIKANISCHES DESIGN 1930 BIS 1955 / Das Kunstmuseum inszeniert Amerikas große Design-Epoche als Kammerspiel
Am 31. Oktober 1949 prangte auf dem Cover des "Time Magazine" ausnahmsweise kein Politiker. Statt dessen ehrte das Blatt zum ersten Mal überhaupt einen Designer mit einer Titelgeschichte: Raymond Loewy. Von ihm sagte man, er sei der einzige Amerikaner, der das Land per Auto, Bahn, Bus oder Flugzeug überqueren könne - und jedesmal in einem Gefährt, das er selbst entworfen habe. Loewy war der König der Stromlinienform. Das schnittige Design symbolisierte Fortschritt und trug dazu bei, die Wirtschaftskrise der frühen dreißiger Jahre zu überwinden. Die USA definierten sich neu - als moderne Nation freier Konsumenten.
Runde, schwungvolle Formen, elegant gerillte Verkleidungen, chromglänzende Oberflächen - die hemmungslos dem "Styling" unterzogenen Produkte haben ihren Charme behalten. Daran kann selbst diese von Reyer Kras zusammengestellte Schau, die nach ihrer ersten Station im Amsterdamer Stedelijk Museum nun in Wolfsburg zu sehen ist, nichts ändern. Allerdings ist das Vergnügen getrübt.
Es beginnt damit, dass der Besucher sich durch einen schmalen, halbdunklen Gang an einer Jukebox, einigen Küchengeräten und anderen Gegenständen vorbeizwängen muss. Unmöglich, einen Schritt zurückzutreten, um die Objekte aus der Distanz zu betrachten. Wer dieses erste klaustrophobische Erlebnis hinter sich hat, schleicht geduckt in der "Zaha Hadid Lounge" um Vitrinen herum und fühlt sich wie beim Stöbern auf dem Dachboden.
Radiogeräte wie das mit dem wunderbaren Namen "Mächtiger Herrscher der Lüfte" wurden lieblos abgestellt auf einer von Zaha Hadids organisch geformten Wandöffnungen. Irgendwo hängen ein paar alte Plakate, in einem Verschlag läuft ein Video über New York, das mit Streamline-Design wenig zu tun hat. Das Motto "Bigger than Life" mag für die USA gelten - hier ist alles kleiner als im Leben.
Fast möchte man unterstellen, die Präsentation im stickigen Kabinett sei das Resultat jener Skepsis, die Europäer den amerikanischen Konsum-Träumen seit jeher entgegenbringen. Doch dann hätte man sich über Hintergrundinformationen zu Gesellschaft und Wirtschaft gefreut. Dazu muss man jedoch auf das Begleitheft zurückgreifen.
Termin: bis 16. Juni. Internet: www.kunstmuseum-wolfsburg.de
Bild(er):
Bild: Radio "Excellence 301" aus Bakelit (1949)
