Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 14-39
Documenta 11
Von Silke Mller
Über 100 Teilnehmer aus der ganzen Welt präsentieren vom 8. Juni bis 15. September auf der ihre Arbeiten. Die wichtigste Ausstellung für Gegenwartskunst, die seit 1955 etwa allle fünf Jahre in Kassel stattfindet, versammelt bildende Künstler, Architekten, Filmemacher und Grenzgänger zwischen allen Gattungen zu einem Überblick über aktuelle Tendenzen. Wo steht die Kunst? Was sind die Themen unserer Zeit - und in welcher Ästhetik äußern sie sich? Die Künstler eingeladen hat der Direktor der , der aus Nigeria stammende, in New York lebende Ausstellungsmacher Okwui Enwezor. Unterstützt wurde er dabei von sechs Kuratoren - Carlos Basualdo aus Argentinien, Ute Meta Bauer aus Deutschland, Susanne Ghes aus den USA, Sarat Maharaj aus Südafrika, Mark Nash aus Großbritannien und Octavio Zaya aus Spanien. Die Redaktion stellt eine Auswahl der entscheidenen künstlerischen Positionen dieser Documenta vor. Ein Lagebericht
Studentenprotest, sexuelle Revolution und Vietnamkrieg führten in den sechziger Jahren zu gesellschaftlichen Umbrüchen. Die Künstler entdeckten die Performance als Mittel, ihre Kritik an der Gesellschaft auszudrücken. Die Amerikanerin Joan Jonas zählt zu den Pionierinnen, die Körper und Identität zu Themen ihrer Arbeit machten. In neueren Projekten erprobt sie die Möglichkeiten, digitale Medien in Performances einzusetzen. Die New Yorkerin Lorna Simpson untersucht die klischeehaften, diskriminierenden Zuschreibungen von Rassenmerkmalen und kommt dabei häufig zu höchst erhellenden Ergebnissen. Und der in London lebende afrobritische Filmemacher Isaac Julien ergreift in seinen Spielfilmen, Dokumentationen und Video-Installationen Partei für oft mehrfach diskriminierte Grenzgänger: Schwarze, Homosexuelle - und einsame weiße Cowboys in der Großstadt.
Bilder schießen über digitale Highways, Texte rauschen durch Kabel und Kanäle - im Dauerfeuer der Medien haben Informationen eine geringe Halbwertszeit. Künstler wie die Düsseldorfer Hilla und Bernd Becher oder ihre einstige Schülerin Candida Höfer arbeiten daran, die Welt aufzuzeichnen - mit dem Fotoapparat, nach strengen, selbst verfassten Regeln. Schrift, Zeichen, Fotos - die Versuche, mit Archiven die Welt zu interpretieren, durchziehen die Kunstgeschichte wie ein roter Faden. Der Japaner Ryuji Miyamoto bringt eine morbide Note ins Spiel: Seine romantisch aufgeladenen Schwarzweiß-Serien von eingestürzten Theatern, zertrümmerten Bunkern und verlassenen Massen-Siedlungen verströmen den Hauch von Tod und Vergänglichkeit und halten fest, was nicht aufzuhalten ist.
Es gab sie immer, aber eine zeitlang waren sie nicht sehr en vogue: die Künstler mit Mission. Politische, gesellschaftskritische Kunst spielt auf der eine bedeutende Rolle - eine Fortsetzung der bereits von Catherine David für die Documenta 10 eingeschlagenen Richtung. Von der Hoffnung, mit Kunst in die Gesellschaft hineinzuwirken, leben die Projekte des Chilenen Alfredo Jaar. Er setzt auf die direkte Konfrontation des Publikums mit Themen wie Völkermord oder Ausbeutung benachteiligter Gruppen. Konzeptueller, aber mit ähnlichem Recherche-Aufwand und aufklärerischer Absicht geht der Amerikaner Allan Sekula an Themen wie Globalisierung und Kapitalismus heran. Dass bei kritischer Kunst der Humor nicht auf der Strecke bleiben muss, beweist der Däne Jens Haaning: Seine hinterlistigen Aktionen führen auf entwaffnende Art die Sinnlosigkeit und Absurdität menschenverachtender Mechanismen vor - ein befreiendes Lachen für einen Augenblick.
Anklagen gegen Rassismus und Brutalität, intime Beobachtungen, literarische Inszenierungen, dokumentarische Reportagen: Die Emanzipation Afrikas und der Kampf um eine neue Identität beschäftigt nicht nur afrikanische Künstler wie den Zeichner und Trickfilmer William Kentridge oder den Spurensicherer Georges Adeagbo. Der Amerikaner Leon Golub malt seit einem halben Jahrhundert gegen Unterdrückung und Gewalt an, und der Belgier Luc Tuymans bannt die Geschichte des Kongo in geheimnisvoll unscharfe Denkbilder. Santu Mofokeng und David Goldblatt arbeiten wie Ethnologen mit der Kamera, während der Regisseur Jean-Marie Teno in seinen kraftvoll-anklagenden Filmen zunehmend einen assoziativen Stil jenseits der Dokumentation pflegt.
Wenn Künstler Kunst über Kunst machen, also künstlerische Strategien offenlegen, auf vorhandene Kunst antworten, den gängigen Kunstbegriff ironisieren oder bildnerische Traditionen zerlegen, sind die Arbeiten oft schwer zugänglich. Der kanadische Fotografie-Star Jeff Wall macht es den Laien leicht: Seine nach altmeisterlichen Regeln komponierten, minuziös am Computer zusammengesetzten Bilder wirken auch ohne Informationen überwältigend. Fabian Marcaccio aus Argentinien lässt die Malerei, die beim holländischen Cobra-Senior Constant noch innerhalb des Rahmens wild werden durfte, in den Raum hineinwachsen. Und die Bildhauer Giuseppe Gabellone, Italien, und Pascale Marthine Tayou, Kamerun, erobern mit ihren Skulpturen ganze Hallen. Die Berlinerin Maria Eichhorn bleibt ganz streng der Konzeptkunst treu: Der Vorhang vorm Geheimnis ihrer Arbeit bleibt geschlossen.
Von individuellen Bedürfnissen bis hin zur staatlichen Repräsentation - Architektur ist gebaute Ideologie und Ausdruck ihrer Zeit. Urbanismuskritik und Architektur-Utopien spielen in der bildenden Kunst seit den neunziger Jahren eine wichtige Rolle. Der Bildhauer Manfred Pernice greift den billigen Schick der Erlebnisarchitektur und alltägliche Elemente der Stadtmöblierung auf. Dabei kommt er zu sehr frei formulierten, oft grotesken Ergebnissen. Bodys Isek Kingelez hingegen pfeift auf die Realität und baut aus Zahnpastatuben und Kartonresten prachtvolle Fantasiestädte. Die Grenzen zwischen Bildhauerei und Architektur sind dabei nicht mehr auszumachen: Architekten-Teams wie Asymptote und Simparch entwerfen im grenzenlosen Reich der Virtualität utopische Gehäuse und Strukturen, die sich dem Knebel der Machbarkeit entziehen - und das Künstlerkollektiv Park Fiction aus Hamburg baut im Stadteil St. Pauli einen Park, ganz real.
Wo der Körper des Betrachters als Wahrnehmungsinstrument angesprochen wird, geht es oft um die ganz fundamentalen Erfahrungen und Gefühle: Angst, Verunsicherung, Gewalt, aber auch Protest, Freude und Liebe. Anordnung von emotional aufgeladenen Gegenständen, Psycho-Installationen voller Appelle an Herz und Hirn sind die Spezialität der Grande Dame der Gegenwartskunst, Louise Bourgeois. Dieter Roth hingegen erklärte das ganze Leben zur Kunst, häufte an, was dabei so abfiel - und fand einen würdigen Nachfolger im jungen John Bock, der sich in spätdadaistischer Manier seine eigene Welt baut und oft tagelang darin lebt. Analytischer setzt Luis Camnitzer seine zellenartigen Rauminszenierungen zusammen: "Es geht um all die Begrenzungen, denen man ausgesetzt ist. Um den Fluch. Kunst ist keine gemütliche Sache."
Kulturen und Riten erforschen, Alltag und Mythos miteinander verschmelzen, sich vom Anderen verzaubern lassen und das Fremde im Eigenen entdecken: Dokumentation und Fiktion gehen bei den Filmemachern Ulrike Ottinger und Johan van der Keuken eine mal poetische, mal radikale Allianz ein. Persönliche Erfahrungen mit dem Leben im Exil, umgesetzt in Objekte, Videos und Fotografien von hoher ästhetischer Kraft, bestimmen die Arbeiten der Palästinenserin Mona Hatoum und der im Iran geborenen Shirin Neshat. Neshat beschäftigt sich mit den Konventionen des Islam und verarbeitet den Konflikt zwischen Tradition und Moderne, Mann und Frau, Orient und Okzident zu hypnotisierenden Bildern. Hatoum, christliche Palästinenserin in London, lässt persönliche Erfahrungen und Erinnerungen einfließen in ihre Auseinandersetzung mit den Formen und Ideen von Avantgarde-Heroen wie Marcel Duchamp und Piero Manzoni..
Bild(er):
Bild: Shirin Neshat (*1957, lebt in New York) verbindet in Video- und Fotoarbeiten ihre Auseinandersetzung mit der eigenen, persisch-islamischen Tradition mit der Ästhetik der westlichen Bildsprache. Für die Documenta drehte die im Iran geborene Künstlerin in Oaxaca, Mexiko, einen neuen Film, in dem sie sich mit der islamischen Symbolik des Garten Eden beschäftigt
Bild: Mona Hatoum (*1952, lebt in London) zielt mit ihren Arbeiten auf die Verletzlichkeit des Körpers - und indirekt auch der Seele. Die auf der Documenta ausgestellte Installation "Heimatverbunden" (2000, oben) der im Exil lebenden Libanesin führt eine trügerische Idylle vor: Die nostalgisch anmutenden Möbel hinter dem Drahtzaun stehen unter Strom
Bild: Johan van der Keuken (1938 bis 2001, Niederlande) drehte über 50 Filme und galt als und herausragender Dokumentarfilmer und Fotograf. Das Documenta-Team wählte sein 1988 veröffentlichtes 90-Minuten-Porträt über den Bundesstaat Kerala in Süd-Indien für die Ausstellung aus: "Das Auge über dem Brunnen". Abbildung: Foto aus der zwölfteiligen Serie "Der spanische Schrei" von 2000
Bild: Ulrike Ottinger (*1942, lebt in Berlin) ist eine lebende Legende des feministischen Experimentalfilms. Auf der Documenta präsentiert sie ihren über achtstündigen Film "Taiga" (1992) und die neue Dokumentar-Collage "Südostpassage" (Standbild oben), eine Reise auf alten Transit- und Handelswegen von Berlin bis Istanbul
Bild: Dieter Roth (1930 bis 1998, Schweiz) verwurstelte das ganze Leben zu Kunst, und die Kunst wurde sein Leben. Die eigene Existenz - und deren Endlichkeit - war das zentrale Thema des Prozess-Künstlers, und davon zeugt auch die "Große Tischruine" (1978 bis 1998), die auf der Documenta zu sehen ist
Bild: John Bock (*1965, lebt in Berlin) ist Dr. Frankenstein und Monster, Designer und Model, Erfinder und Erfindung in Personalunion. In seinen Vorträgen baut Bock an seinen bizarren Bühnen und bespielt sie zugleich - für die Documenta über 100 Tage im Außenraum. Aktionsfotografie: "When I am Looking into the Goat Cheese Baiser", 2001
Bild: Luis Camnitzer (*1937, lebt in New York), wird in Kassel eine neue, noch reduziertere Ausgabe seiner zellenhaften Räume inszenieren. Mit geringen Mitteln "eine Granate zu zünden, die im Betrachter explodiert, etwas auszulösen, das Information allein nicht in Gang zu setzen vermag", ist die Absicht des Konzeptkünstlers (hier vor seiner Arbeit "Obdachlos", Hamburg 2002)
Bild: Nari Ward (*1963, lebt in New York) durchstreift sein Wohnviertel Harlem auf der Suche nach brauchbaren Materialien und kombiniert sie zu Kunstwerken, die den Betrachter emotional ansprechen sollen. Themen wie Heimatlosigkeit, Rassendiskriminierung und die unterdrückte Wut der Machtlosen äußern sich in den kraftvollen Installationen des Jamaikaners: "Fremde Wurzeln", 1999
Bild: Louise Bourgeois (oben, *1911, lebt in New York) ist die Ikone der feministischen Kunst des 20. Jahrhunderts. In ihren bedrückenden, sexuell aufgeladenen Skulpturen, Zeichnungen und Installationen verarbeitet sie die Alpträume ihrer an Dramen reichen Kindheit. Abbildung links: Zeichnung aus "The Insomnia Drawings", 1994/95, 220 Blätter, unterschiedliche Techniken
Bild: David Goldblatt (*1930, lebt in Johannesburg, Südafrika), dokumentierte den Alltag der Weißen von Boksburg im Osten von Johannesburg. Links oben: "Samstagmorgen im Supermarkt: Halbfinale der Miss-Schöne-Beine-Wahl, 28. Juni 1980". Rechts: "Bei einem Treffen der Pfadfinder im Vorort Witfield, Juni 1980". Links unten: "Samstagnachmittag-Bowls auf dem Rasen der East-Rand-Propietary-Minen, Juni 1980". Rechts unten: "Vor dem Kampf - Amateurboxer in der Stadthalle, Mai 1980"
Bild: Luc Tuymans (*1958, lebt in Antwerpen), widmet sich in seinem jüngsten Gemälde-Zyklus der kolonialen Vergangenheit seines Heimatlandes: "Mwana Kitoko - Schöner weißer Mann" nennt er seine Arbeiten über den belgischen König Baudouin I und seinen Gegenspieler Patrice Lumumba (links, 62 x 46 cm, Öl auf Leinwand, 2000), den ersten Premierminister der unabhängigen Republik Kongo
Bild: Lorna Simpson (*1960, lebt in New York) hat mit ihren konzeptuellen Fotoarbeiten zu den Themen Rassendiskriminierung und sexuelle Identität weltweit für Furore gesorgt. Links: "Frühmorgendliche Arbeit", rechts: "Die Braut des Geliebten", beide von 2001
Bild: Joan Jonas (rechts, *1936, lebt in New York) schreibt seit über 30 Jahren Performance-Geschichte. In "Frau in der Quelle" (links, Videostill, 1996/2000) flimmert ein Monitor, eingefasst von Spiegeln, unter Wasser. In der von Jonas inszenierten "Vulkan-Saga" (rechts, Performance, New York 1987) agiert Tilda Swinton inmitten von Film- und Diaprojektionen isländischer Naturaufnahmen
Bild: Isaac Julien (oben, *1960, lebt in London) ist mit Pop-Videos und dokumentarischen Spielfilmen der britischen Schwarzen-Bewegung bekannt geworden. Doch spätestens seit seiner Nominierung für den Turner-Preis 2001 ist der engagierte Ästhet auch in der Kunstszene eine Größe. Rechts: Standbild aus dem Video "Landstreicherei" aus dem Jahr 2000, Doppel-DVD-Videoprojektion
Bild: Thi Minh-ha Trinh (lebt in den USA) ist Filmemacherin, Schriftstellerin und Komponistin. Die in Vietnam geborene Künstlerin lehrt als Professorin für Filmtheorie und Frauenstudien an der Universität von Kalifornien, Berkeley. Oben: Filmcollagen aus "Die vierte Dimension", Digital Video, Japan/USA, 87 Minuten, 2001
Bild: Hilla und Bernd Becher (*1934 und *1931, leben in Düsseldorf) inventarisieren seit Ende der fünfziger Jahre die Welt der deutschen Industriebauten. Mit den Typologien der "Siegener Häuser", nun auf der Documenta zu sehen, begann die Karriere des stilbildenden Fotografen-Paars
Bild: Candida Höfer (*1944, lebt in Köln) fotografiert die Orte, an denen sich unsere Zivilisation manifestiert. Auf der Documenta ist ihre Recherche zu allen Abgüssen der "Bürger von Calais" des Bildhauers Auguste Rodin zu sehen - zwölf Fassungen von Basel bis Tokio
Bild: Hanne Darboven (*1941, oben vor ihrem Hamburger Atelier) ist eine der führenden Persönlichkeiten der Konzeptkunst und hat bereits an Documenta 5,6 und 7 teilgenommen. Die Basis ihrer seit 1969 unter dem Begriff "Konstruktion" fortgeschriebenen Aufzeichnungen sind Kalenderdaten, die den Fluss der Zeit widerspiegeln. Auf der werden Filme, die Installation "Wunschkonzert - 144 Gedichte" von 1984 (Ausschnitt rechts) sowie Gedichte von ihr zu sehen und zu lesen sein
Bild: Victor Grippo (1936 bis 2002, Argentinien) verknüpfte seine Kunst mit wissenschaftlichen Untersuchungen - favorisiertes Studienobjekt: die Kartoffel. Doch auch andere fundamentale Dinge wie Werkzeug und ab etwa 1977 Arbeitstische (unsere Abbildung) dienten ihm als Speicher für die Spuren von Mensch und Natur
Bild: Ryuji Miyamoto (*1947, lebt in Tokio) porträtiert in seinen bewegenden Schwarzweiß-Fotografien verlassene und zerstörte Orte. Die Documenta stellt Miyamoto mit seiner bekanntesten und vielleicht auch eindringlichsten Serie vor: den Dokumentaraufnahmen der japanischen Stadt Kobe, die 1995 durch ein schweres Erdbeben zerstört wurde
Bild: Alfredo Jaar (*1956, lebt in New York) lässt in der poetischen Videoarbeit "Epilogue" (aus "Ruanda-Projekte", 1994 bis 1998) das Bild der Caritas Namazuru, 88, langsam entstehen und verschwinden. Jetzt stellt der Chilene "Die Wehklage der Fotos" vor: ein Versuch über das Phänomen, dass Fotos heute im Überfluss vorhanden sind, ihre Verbreitung aber Restriktionen unterliegt
Bild: Andreas Siekmann (*1961, lebt in Berlin) setzt auf Basisdemokratie und Bürgerbeteiligung: Seine "Modelle für fiktive Bauvorhaben" beispielsweise fordern stellvertretend die Einbeziehung der Bevölkerung in die Gestaltung ihrer Stadt. Siekmann arbeitet mit bewährten aufklärerischen Mitteln wie Zeichnungen, Plakaten, Fotos und Broschüren, aber auch Modellen: "Petit a Petit", 1999, Installationsansicht, Detail
Bild: Jens Haaning (*1965, lebt in Kopenhagen) kreuzt jugendliche Subkultur mit den Zeichensystemen von Einwanderen und treibt radikale Späße mit Vorurteilen und Klischees. "Dennis" (links) und "Ecevit", (beide 2000, Fotodruck, jeweils 68 x 48 cm) werden bei Haaning zu Fotomodellen, der zugehörige Text preist ihre Kleidung wie im Modemagazin an. Für die Documenta legt er eine neue Serie seiner "Türkischen Witze" von 1994 auf - ein Gag, der nur Sprachkundige zum Lachen bringen wird
Bild: Allan Sekula (*1951, lebt in Los Angeles) hat bei Herbert Marcuse und John Baldessari studiert - und arbeitet ganz folgerichtig als soziologisch forschender Foto-Konzeptkünstler. Die "Fish Story" (1990 bis 1993), eine breit angelegte Fotorecherche zur Globalisierung, ist komplett auf der Documenta zu sehen
Bild: Leon Golub (links, *1922, lebt in New York) ist zum dritten Mal auf der Documenta vertreten. Unter den Malern ist er der Reporter. Golub widmet sich den Gepeinigten dieser Welt und scheut sich nicht, auch die Täter in krassem Realismus bloßzustellen: "Mr. Amok", 1996, Acryl auf Leinwand, 235 x 142 cm (oben)
Bild: William Kentridge (*1955, lebt in Johannesburg) ist Maler, Zeichner, Trickfilmer und Theatermacher. 1992 inszenierte er erstmals mit der "Handspring Puppet Company" aus Südafrika ein Marionetten-Theaterstück, bei dem Schauspieler, Puppen und Animationsfilme zusammenwirken. Für Kassel erarbeitete er eine neue Aufführung
Bild: Jean-Marie Teno (links, *1954, lebt in Paris) arbeitete 15 Jahre für das französische Fernsehen. Für seinen auf der Documenta präsentierten Film "Ferien in der Heimat" (2000, 78 Min.) kehrte er nach Kamerun zurück, wo seine kritischen Dokumentationen von der Zensur aus dem Verkehr gezogen werden. Standfoto oben: Szene aus Tenos Film "Clando" (1996, 95 Min.)
Bild: Santu Mofokeng (*1956, Südafrika) war Mitglied des "Afrapix"-Fotografen-Kollektivs und arbeitet seit 1988 am Institut für Afrikanische Studien der Witwatersrand-Universität, Johannesburg. In seinen Fotoarbeiten geht es um das Bild der Schwarzen in der Öffentlichkeit - wie sie gesehen werden und wie sie sich selbst sehen. Aber auch die Erkundung des Zusammenhangs von Apartheid und Holocaust zählt zu seinen Themen
Bild: Georges Adeagbo (*1942, lebt in Cotonou, Benin) baute als Autodidakt in seinem Hof Installationen, die 1994 erstmals ausgestellt wurden. Seine Archive bewegen sich zwischen Dokumentation und Erzählung - eine Auswahl von Dingen, die in neue Zusammenhänge versetzt werden: Installation in der Ausstellung "Das Pythagoreische Zeitalter", Galerie im Taxispalais, Innsbruck, 2001
Bild: Raymond Pettibon (rechts, *1957, lebt in Kalifornien) gibt seit 1978 Hefte mit eigenen Zeichnungen heraus - bis heute weit über 100. Doch seine Text-Bild-Kombinationen sind alles andere als leicht konsumierbare Comics, sondern ein endloser, mal philosophischer, mal entwaffnend banaler Kommentar zur Welt in Einzelbildern: "Ohne Titel (Im Moment des )", 2000, Filzstift und Tusche auf Papier, 63 x 48 cm
Bild: Jeff Wall (*1946, lebt in Vancouver) ist der große Rätselerfinder der Fotoszene. Mit kunsthistorischer Ausbildung im Gepäck führt er den konditionierten Blick hinters Licht und leitet den Betrachter zu neuen Prozessen des Sehens und Verstehens. Oben: "Nach ,Der unsichtbare Mann` von Ralph Ellison. Das Vorwort", 1999/2001, Diapositiv im Leuchtkasten, 220 x 290 cm
Bild: Maria Eichhorn (links, *1962, lebt in Berlin), ist unter den Konzeptkünstlerinnen diejenige, die sich den Mechanismen des Kunstmarkts am konsequentesten widersetzt und diesen Prozess selbst auch immer wieder zum Thema ihrer Arbeit macht. In der Kokerei Zollverein, Essen, vollendete sie 2001 ihren "Vorhang-Zyklus", für den zehn verschiedene Vorhänge in Kunst-Institutionen platziert wurden. Für die Documenta plant sie die Gründung einer Aktiengesellschaft
Bild: Constant (unten, *1920, lebt in Amsterdam) begann sein Malerleben im Zeichen des Abstrakten Expressionismus, schloss sich den Surrealisten an und gründete mit Asger Jorn, Corneille und Karel Appel die Gruppe Cobra. Seine jüngsten Arbeiten schließen unmittelbar an die bewegte, belebte und farbintensive Malerei der Cobra-Zeit an: "Orpheus", 2000, Gouache, 117 x 112 cm
Bild: Pascale Marthine Tayou (Bildmitte, *1967, lebt in Yaounde/Kamerun und Brüssel) erobert mit seinen Zeichnungen den Raum - von schwebenden Piktogrammen auf Papier über Collagen aus gefundenen Objekten bis hin zu der hängenden, acht Meter langen Papier-Installation "Die neue Berliner Mauer" von 2001. Tayous Künstlerfreunde: Bili Bid-jocka aus Kamerun (links) und Pierre Granoux aus Frankreich
Bild: Giuseppe Gabellone (*1973, lebt in Mailand) baut spektakuläre Installationen wie eine Achterbahn aus Holzplatten (rechts, "Ohne Titel", 1999, Farbfotografie, 150 x 242 cm), fotografiert sie - und zerstört sie anschließend. Doch nicht immer: Die "Pflanze" (oben, 2001, Polyurethan, 121 x 285 x 328 cm) ist zwar keine Pflanze, aber immerhin die Skulptur einer Pflanze
Bild: Fabian Marcaccio (oben, *1963, lebt in New York) beschleunigt die Malerei wie ein Rennfahrer seinen Wagen am Ausgang der Kurve. Auf Bildträgern, die im Raum verspannt sind, entwickeln Farbe und aufgebrachte Materialien ein Eigenleben: Installationsansicht "Der Plünderer", Gemeinschaftsarbeit mit Greg Lynn, 2001 im Wexner Center for the Arts, Columbus, Ohio
Bild: Manfred Pernice (*1963, lebt in Berlin) hat einen sicheren Blick für alle skurrilen Architekturelemente, Baudekorationen und Materialien. Der Bildhauer überführt sie in ein neues ästhetisches Universum ganz eigenen Stils - hier die Installation "Restepfanne", 2002 in der Berliner Galerie Neu
Bild: Bodys Isek Kingelez (*1948, lebt in Kinshasa, Demokratische Republik Kongo) vereint europäische, asiatische und amerikanische Gestaltungselemente zu prachtvollen Fantasiearchitekturen. Die "Geisterstadt" habe er gebaut, so Kingelez, damit es "dauerhaft Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit gebe auf der Welt"
Bild: Asymptote (Architektenteam, 1988 in New York gegründet von Hani Rashid und Lise Anne Couture) entwerfen alles am Computer: Möbel, Innenarchitektur, Gebäude, Städte und digitale Welten. Flux 3.0 (Motion Scapes) heißt ihr neues Projekt, das für die Documenta in Kassel entstanden ist
Bild: Park Fiction nennt sich die Hamburger Gruppe um den Konzeptkünstler Christoph Schäfer (mit Pinsel; die anderen von links: Margit Czenki, Dirk Mescher, Sabine Stövesand, Thomas Ortmann, Claus Petersen, Günter Greis und Hundedreck-Einsammel-Roboter Barnabas). Mit den Bewohnern des ärmlichen Hamburger Stadteils St. Pauli zusammen verwirklichen sie einen urbanen Traum: An der Stelle geplanter Neubauten mit Elbblick dürfen bald Spaziergänger im Grünen sitzen und auf den Fluss schauen. Roboter Barnabas soll später Hundekot einsammeln
Bild: Simparch (Künstlerteam, Chicago, 1996 gegründet von Steve Badgett und Matt Lynch) beglücken die Kasseler Kids mit einer Skateboard-Bahn, die aus der Untersicht eine verwegen konstruierte Holz-Skulptur darstellt - und von oben mit vollem Körpereinsatz genutzt werden kann
