Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 76-87

Themenpark der Mythen und Legenden

Von Joachim Bessing Michael Wiedemann

Auf seiner Italienreise im Jahre 1699 fasste Landgraf Karl maßlose Pläne. Ein nordhessisches Arkadien wollte er im heimischen Kassel bauen. Doch es dauerte Generationen, bis der Park Wilhelmshöhe zu der prachtvollen Fantasielandschaft wurde, die Besucher bis heute fasziniert

VON JOACHIM BESSING (TEXT) UND MICHAEL WIEDEMANN (FOTOS)

Acht finden nebeneinander Platz im engen Raum unter der Keule. Von hier aus, durch die Luken, holt der Blick weit aus und streift erst links, dann rechts über die bunten Flanken des Habichtswaldes, pendelt nun zurück zur Mitte und rollt über die Kaskaden hinunter wie ein Maßband aus Wasser - vom Riesenkopfbassin an sind es noch 250 Meter, über die 6,40 Meter breite Bahn. Gegenläufig wachsen dem sich entrollenden Blick Treppenstufen entgegen, von beiden Seiten her 842 Stück. Dann der Sturz des zum Strahl gebündelten Blicks: Sechs Meter tief fällt er in das grob herzförmige Bassin um die Grotte des Neptun. Der Wassergott schweigt. Er ist aus Stein.

Wie überhaupt vieles hier um Neptun, die Grotte, die Kaskaden herum: Das Oktogon dort oben, 28,5 Meter hohes Schloss des Riesen Herkules, der in Taugrün an dessen Spitze triumphiert. Auf seine Keule gestützt, acht Meter und 25 Zentimeter hoch und als Ganzes aus dem Kupfer getrieben vom Goldschmied Johann Jakob Anthoni aus Augsburg; die Vexierwassergrotte darunter, Höhle des steinernen Pan, dessen Flöte das Wasser einst noch lockende Töne abpresste, in dessen Nische der Wanderer von überall her von verdeckten Röhren mit Wasser erschreckt wird, um so getrieben zu werden in den Schoß der Statue des Pan und seiner Gesellen - links Neid und rechts Tod; und gleichfalls aus Stein sind Riesenkopf und Riesenbrust im Bassin vor der Grotte: Riesenreste des Enkelados, zerquetscht von einem Haufen Steine, die Herkules von der Spitze der Burg her nach ihm geschleudert haben soll. Will zeigen: Der Sturm der Giganten auf den Olymp ist damit abgewehrt. Herkules war siegreich, Enkelados ist der Besiegte - jetzt nur noch ein letztes, das ihm bleibt, seinem Bezwinger zu entgegnen: Er prustet eine Fontäne aus Wasser nach ihm in den Himmel, knappe 13 Meter hoch.

Ein Gigantenspiel, versteinert, in Tuffstein gefroren. Die Welt hier: Fantasie, die nimmer verfliegt. Fantasie eines Mannes, des Landgrafen von Hessen, Vorname: Karl. Den wir uns vorstellen müssen wie einen spielenden Bub auf der Matte in seinem Zimmer, der ganz erhitzt ist und heiß vom Spielen und der nach den Gesichtern am Türspalt ruft: "Gleich! Noch ein bisschen! Nur ein kleines bisschen noch " Einen also, der keinen Schluss findet, der es liebt, wenn ihm das Spielgetöse über dem Kopf zusammenschlägt, der gerne versinkt.

Einen Schlossbewohner also, dem ein Garten oder Park nicht genügt. Der eine eigene Welt braucht vor dem Fenster, morgens, wenn er seine Augen schon aufschlagen muss; dessen Träumen nimmer ein Ende finden soll - im Licht nicht und auch nicht an den Fenstern. Der sein Träumen auch überall außer sich wiederfinden will. Dieser Karl, geboren 1654, Schlossbewohner und Landgraf von Hessen ab 1670, bricht also an einem Morgen des Jahres 1699 aus Kassel zu einer langen Reise auf; besieht sich Italien, Rom dort, keine der berühmten Villenanlagen lässt er aus. Und dort, vor allem angesichts der Villa Aldobrandini bei Frascati geht ihm auf, wohin sich der Park um sein Schloss daheim verwandeln soll - zu Hause lässt er ja seit Jahren unentschlossen am Osthang des Habichtswaldes roden, rund um das kleine Jagdschloss und die Moritzgrotte herum. Bis zur Italienreise schwebte Karl für diesen Teil des Schlossparks etwas wie eine Kaskadenanlage vor (sein Vorgänger zeigte bei besagter Moritzgrotte bereits bescheidene Wasserspiele).

Nun aber lässt er endlich breite Schneisen schlagen: der "Kleine Winterkasten" auf dem Weißenstein, sein Karlsberg (später: Wilhelmshöhe) soll zum nordhessischen Arkadien werden! Giovanni Francesco Guerniero (um 1665 bis 1745), Architekt aus Rom, zeichnet bereits an einem Plan. Und Landgraf Karl, ausgestattet mit Land, Leuten und Geld, sowie besessen von jenem etwas, das sein Zeitgenosse, der Fürstbischof Lothar Franz von Schönborn den "Teufels-Bauwurm" nennt, gefallen bereits die ersten Skizzen seines römischen Baumeisters, der ab 1701 bei ihm in Kassel ist. Sie gefallen ihm sogar sehr.

Schon in den bloßen Anfängen der langwierigen Bauarbeiten präsentiert er der Öffentlichkeit die Pläne seines Architekten mit detaillierten Folio-Kupferstichen, die als "Delineatio montis a metropoli Hasso-Cassellana" in vier Auflagen ab 1705 erscheinen, in einer danach gefertigten Serie von Ölgemälden, sowie einem 63 Meter langen Holzmodell. Die Neugierde auf die Wasserspiele des Landgrafen lockt bald mehr und mehr Menschen nach Kassel. In Reisebeschreibungen und Tagebucheinträgen der Zeitgenossen finden sich begeisterte Kommentare über das am Karlsberg zu Kassel Bestaunte. Von der Spitze des Berges her, so sahen sie es damals und dort, wird einst ein kupferner Herkules grüßen. Zu dessen Füßen erstreckt sich ein Gigantenschlachtfeld aus Stein, bis herunter zu seinem, Karls Schloss. Überall auf den Rasenhängen verstreut liegende Riesenfindlinge und Felsbrocken zeugen von der gerade verrauchenden Schlacht, die Herkules zu Gunsten der Götter entscheiden konnte. Der Gigant Enkelados liegt - erschöpft von der fehlgeschlagenen Erstürmung des Olymp und verschüttet unter Felslasten - am Boden und speit mit letzter Kraft einen Wasserstrahl, aus dem die Kaskaden schwellen. Vorbei an den Grotten, den Tempeln, zum See.

Nur ein Drittel der Pläne Guernieros werden umgesetzt. Es reicht nur zum Oktogon, zwei Wassertheatern und den Kaskaden. Der Rest, es fehlen noch knapp 800 Meter der geplanten Wasserachse, etliche weitere Kaskaden und Terrassen bis hin zum Schloss, das ebenfalls einem anderen, orangerieartigen Bau nach Entwürfen des Römers weichen sollte, wurde nie in Angriff genommen. Der zur Mitte des Jahres 1718 erreichte Zwischenstand wurde nicht weiter ausgebaut. Der Durchreisende Johann Wolfgang von Goethe notierte: "Der Winterkasten auf dem Weißenstein, ein Nichts um Nichts, ein ungeheurer Confeckt Aufsatz und so mit Tausend andern Dingen."

1730 starb Landgraf Karl, mit ihm verlor Guerniero den einzigen Befürworter seines Großprojekts. Die Um- oder überhaupt Gestaltungen der Wilhelmshöhe kamen mit dem Tod ihres Verfügers ins Stocken, erstarrten dann ganz. Und ihr Warten sollte dreißig Jahre lang dauern.

Karls Nachfolger Friedrich I. zog es vor, als schwedischer König in Stockholm zu residieren. Sein Bruder Wilhelm sorgte immerhin dafür, dass die Anlage nicht zerfiel. Und Probleme gab es andauernd, denn Guerniero war zwar ein hervorragender Planer, ein Visionär, doch seine Entwürfe für das Kassler Arkadien waren ihrer Zeit zu weit voraus. Die Gewerke verwandten teilweise mangelhafte Baumaterialien, das für viele Konstruktionen eingesetzte Gussmauerwerk hielt längst nicht so lange wie erwartet. Besonders das Oktogon, Riesenschloss und Krönung der Anlage, war ständig vom teilweisen Einsturz bedroht. Abstützungen und Umbauten wurden immer wieder notwendig.

Was aber hielt, im Gegensatz zu den Bauten aus Stein, war Guernieros Wasserkunst. Seine Konstruktion benutzt geschickt die besondere Lage des Habichtswaldes, einem Teil des an Fulda und Eder gelegenen Berglandes, das reichlich Wasser führt. In den versteckt angelegten Becken und Speicherteichen der Anlage wird Wasser aus den zahlreichen Quellen des Waldes, von Tau, Regen und Schneeschmelze gesammelt. Die Grubenwässer der inzwischen stillgelegten Braunkohlestollen werden ebenfalls hinzugeleitet und für die Fontänen und Kaskaden verwandt. Des Landgrafen Wunsch, die Wasserspiele Tag und Nacht ohne Pause betreiben zu lassen, scheiterte schon aus finanziellen Gründen.

Doch auch so sind die Wasserspiele eine Meisterleistung der Ingenieurskunst, denn Guerniero konstruierte ein Fontänenspektakel, das allein mit der naturgegebenen Fallsucht des Wassers betrieben wird, ohne dabei auch nur eine einzige Pumpe zu benötigen. So sind heute noch, wie schon bei der ersten Vorführung 1714, ausschließlich Arbeiter (und keine Maschinen!) stundenlang damit beschäftigt, durch Ziehen und Schließen ein Klappen- und Schleusensystem zu bedienen, um die Wasserspiele in Gang zu setzen. 350000 Liter Wasser rauschen dann - wild schäumend hier, dann wieder zu glashellen Folien gespannt - die großen Kaskaden hinunter. Das meiste davon strömt aus dem obengelegenen Sichelbachteich, der allein über 40000 Kubikmeter fasst. Von ihm aus führen zwei Systeme kommunizierender Röhren zum Oktogon, und in dessen nördlichen Vorrat, den Unglücksteich (so heißend, seit dort 1714 ein Handwerker verunglückte und starb).

Trotz dieser Einmaligkeit der Wasserspiele sowie der gesamten Anlage in der damaligen Zeit, nimmt sich erst Landgraf Friedrich II., Regent von 1760 bis 1785, des inzwischen auf Wilhelmshöhe umgetauften Karlsbergs an. Gerade zurückgekehrt aus dem Siebenjährigen Krieg, lässt er die eben virulenten Strömungen von Aufklärung und Empfindsamkeit in seine Planungen einfließen. Philosophentempel und Denkhallen werden aufgestellt. Die Grotte des Pluto wird um eine Höllenszene bereichert. Und auch die irdische Welt und Gegenwart hält in Nachbildungen Einzug in Karls Mythengarten. Schon entsteht eine maßstabsverkleinerte Moschee mit Kuppel und Minaretten an einem Abhang auf Südost unterm Schloss. Und ebenfalls dort siedelt sich rund um eine Windmühle ein Kleinstdorf im chinesischen Stil samt Pagoden und kantonesischen Katen an; der Name des Orts lautete Mulang - und verballhornte so das französische Wort für Mühle, Moulin.

Die Bewohner dieses original chinesischen Unterhaltungsdorfes waren übrigens weder - wie man vielleicht vermuten möchte - gelb angemalte Schauspieler aus Kassel, noch direkt importierte Chinesen. In Ermangelung echter Asiaten befahl Friedrich II. kurzerhand einigen am Hof vorhandenen "Mohren", ihm in Mulang die Chinesen zu geben. Die schwarzen "Rundaugen" genügten seinem Durst nach exotischer Parkbevölkerung auch vollauf.

Doch auch den Park selbst will Friedrich verschönern: Während seiner Regentschaft werden umfangreiche Pflanzungen durchgeführt; die Gartenanlagen ergrünen, Labyrinthe entstehen. Die Wasserspiele aber interessieren Friedrich wenig.

Als dann Wilhelm IX., als Landgraf und späterer Kurfürst Wilhelm I. die Regentschaft übernimmt, findet er den Garten als das vor, als was wir ihn auch heute noch lesen können: ein früher Themenpark von Mythen und Geschichte. Gleich wie Karl als der pathetische, Friedrich als der schwurbelnde Gartengestalter erinnert wird, so ist es Wilhelm IX., der die Wilhelmshöhe zur Reife führt und das ihm überlassene Stückwerk zum Park zusammenwachsen lässt. Zwei Mitarbeiter wirken daran unverzichtbar mit. Der eine ist Baumeister Heinrich Christoph Jussow, unter dessen Kommando die Bepflanzung der Wilhelmshöhe zur so artenreichen und vielfältigen gedieh, wie sie auch heute noch vorgefunden wird: Aus Amerika, Japan und Persien stammen die Bäume und Sträucher. Er weist auch Wilhelms Armeechefs an, bei ihren Feldzügen in den Landschaften des Feindgebietes Beute zu machen. Irgendwann, in einer Stunde höchster Euphorie, schlägt er seinem Herrn sein ehrgeizigstes Projekt vor: einen künstlichen Vulkan, der im hinteren Teil des Gartens glühende Kohlenbrocken speit.

Der andere, noch engagiertere Mitstreiter des Kurfürsten ist Karl Steinhöfer. Er, der ehemalige Brunneninspektor, wird bald "Wassergott von Wilhelmshöhe" genannt. Ein kleiner, recht dicker Mann sei er gewesen. Viele Bilder aus der Zeit zeigen ihn, nie ohne ein Riesenschnupftuch als Markenzeichen, am Rand vor seinem Wasserfall stehend - ähnlich einem Alfred Hitchcock in seinen eigenen Filmen. Es wird erzählt, Steinhöfer "verstand" die Wasserfälle und Kaskaden, wusste instinktiv, wo der Fehler begraben lag, wenn ein Wasserspiel streikte. Es heißt sogar, Steinhofer habe mit dem fallenden Wasser "geredet".

Seine Hinterlassenschaft, der nach ihm benannte Steinhöfer-Wasserfall, rauscht noch heute über ein bewachsenes Felsenmeer ab. Dort setzt sich aus seiner Gischt der vielfache Blick aus der Luke unter der Keule des Herkules wieder zusammen und klimpert müd, will schlafen; zu Hause, in Kassel, der Stadt.

Joachim Bessing, 1971 im schwäbischen Bietigheim geboren, lebt in Berlin. 1999 gab er den Band "Tristesse Royale" heraus, ein Gesprächsprotokoll des "popkulturellen Quintetts", das als Manifest der Popliteratur für Furore sorgte. 2001 wurde auch die Bühnenfassung von "Tristesse Royale" uraufgeführt, im selben Jahr erschien Bessings Debütroman "Wir Maschine" (Deutsche Verlags-Anstalt, München)

Wasser, Stein und Herrschergeste: In Wilhelmshöhe zeigt sich der Wandel im Gestaltungswillen vom Barock bis zur Romantik

Es heißt, der Brunneninspektor verstand die Wasserfälle und Kaskaden - er habe mit dem fallenden Wasser geredet

Besichtigungszeiten der Wasserkünste: Vom 9. Mai bis 3. Oktober Mittwoch und an Sonn- und Feiertagen 14.30-15.30 Uhr. Literatur: Doris Krininger, Michael Wiedemann: Park Wilhelmshöhe. Kassel 1997. Jörg Lantelme, Dirk Zblewski: Wilhelmshöhe. Gudensberg-Gleichen 2001. Jutta Korsmeier: Wasserkünste im Schlosspark Wilhelmshöhe. Regensburg 2000. Internet: www.wilhelmshoehe.de

Bild(er):

Bild: "Der Steinhöfersche Wasserfall mit der Aussicht auf die Löwenburg", Gouache von Johann Heinrich Bleuler aus dem Jahr 1822

Bild: 1793 bis 1798 ließ sich Landgraf Wilhelm IX. die neogotische "Löwenburg" errichten. Foto: Jörg Lantelme

Bild: Einflüsse der englischen Gartenkunst: Blick aus dem Säulenrund des 1782/83 erbauten Merkurtempels

Bild: Barockes Mythentheater: Im Riesenkopfbassin unterhalb des Oktogons liegt der im Gigantenkampf geschlagene Enkelados und prustet hilflos Wasser

Bild: Der siegreiche Herkules triumphiert auf der Spitze des Oktogons über Grotten, dem Riesenkopfbassin und der 250 Meter langen Großen Kaskade

Bild: Aus allen Teilen der Welt ließen die hessischen Landgrafen Gehölze nach Kassel verpflanzen. Auch die Armeechefs sollten grüne Beute machen

Bild: Seit 1826 überspannt die gusseiserne Teufelsbrücke eine Schlucht in der Nähe des Höllenteichs

Bild: Wuchtiger Klassizismus: die dem Garten abgewandte Seite des 1786 bis 1798 erbauten Schlosses Wilhelmshöhe

Bild: Über die 1788 bis 1792 erbaute romantische Ruine eines römischen Aquädukts rauscht das Wasser in eine 43 Meter tiefe Schlucht

Bild: Grandioser Abschluss der Wasserspiele: 60 Meter hoch schießt das Wasser der Großen Fontäne