Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 62-65
Der Haus-Meister
Von Frank Nicolaus
TITEL: Documenta 11 / Das Fridericianum hat schon manchen Documenta-Chef kommen und gehen sehen. Mit ihm müssen sie alle zurechtkommen: Hans-Jörg Weiser, 59, sorgt als Mann im grauen Kittel für Ordnung im Kunst-Tempel
Dem 59-jährigen Hans-Jörg Weiser, Hausmeister im Fri dericianum zu Kassel, wird es schon klamm ums Herz, wenn er nur daran denkt: Jetzt, in den Documenta-Wochen, kommen wieder die nächtlichen Albträume. Es ist immer dieselbe Horrorgeschichte: "Der Traum beginnt ganz harmlos", berichtet er. "Nach einem langen Documenta-Tag gehe ich durch die leeren Säle. Die Besucher haben das Fridericianum längst verlassen, ich bin allein mit der Kunst. Nachdem ich wiederholt überprüft habe, ob auch wirklich alle Fenster und Eingangstüren geschlossen und verriegelt sind, mache ich mich auf den Weg zu meinem Dienstzimmer im Erdgeschoss."
Und dann geschieht es: Plötzlich, wie aus dem Nichts hervorgetreten, steht eine "fremde Person" vor ihm, unbefugt, inmitten der ausgestellten Kunstschätze. Hans-Jörg Weiser: "Ich frage die Erscheinung, woher sie kommt und was sie nachts im Fridericianum zu suchen hat. Sie antwortet nicht, sondern fragt streng zurück: "Und du? Was hast du im Fridericianum zu suchen?`" In diesem Augenblick wacht der Documenta-Hausmeister meistens auf, gruselt sich und grübelt im Dunkeln über eine schlüssige Antwort nach.
Hans-Jörg Weiser sitzt in der acht Quadratmeter großen Hausmeisterloge und schüttelt den Kopf. "Ich weiß wirklich nicht, was sich mein Unterbewusstsein dabei denkt." Wenn die Erscheinung ihn eines Nachts fragen sollte, was er, Hans-Jörg Weiser, aus seinem Leben gemacht habe, wird er bekennen: "Ich war Künstler, bin aber kläglich gescheitert." Er streicht über seinen graumelierten Bart und lacht ohne Bitterkeit: "Doch das ist nicht der Stoff, aus dem meine Albträume sind."
Hans-Jörg Weiser hausmeistert mittlerweile fast genauso hingebungsvoll, wie er einst gemalt hat. Manchmal liebt er den Job geradezu. In Zeiten der Documenta wird diese Liebe freilich oft strapaziert; denn es ist keine geringe Kunst, im weitverzweigten Strom der Besucher den Überblick zu behalten und stets die Ruhe zu bewahren. Als Hausmeister arbeitet er im "Bauch" der Documenta. Er erlebt das Kunstereignis von innen. Und gelegentlich auch von unten.
So war der Streit, den er auf der Documenta 8 mit einem arroganten Leihgeber ausfechten musste, eigentlich weit unter seinem Niveau: Obwohl diesem als Documenta-Leihgeber eine Freikarte zustand, hatte sich der Kontrahent unbefugt durch einen Nebeneingang ins Fridericianum gemogelt. Hans-Jörg Weiser erwischte ihn und stellte ihn zur Rede. Der Eindringling gab sich indigniert, pumpte sich auf und quittierte das Pflichtbewusstsein des Hausmeisters mit dem saalfüllenden Schmähruf "Kleiner Pinscher!" Hans-Jörg Weiser ließ sich nicht lumpen und zeterte zurück. Schon scharten sich Besucher um die Zweikämpfer, und es hätte wohl einen spektakulären Showdown im Fridericianum gegeben, wäre der Leihgeber nicht im letzten Moment von seiner Ehefrau zur Ordnung gerufen worden.
Als lebenserfahrene Privatperson berührt ihn solch grobes Benehmen kaum; als Documenta-Hausmeister aber leidet er sehr unter jedweder Respektlosigkeit in Gegenwart von Kunst. "Es wird immer schlimmer" , klagt er. "Als ich 1972 zum ersten Mal eine Documenta besuchte, herrschte noch eine gewisse Andacht in den Sälen. Mittlerweile geht's hier eher zu wie auf einem Rummelplatz." Er erinnert sich an einen Kasseler Kunstdozenten, der auf der Documenta 7 mit Kind und Kegel die so genannten Pissbilder ("Oxidation Paintings", 1978) von Andy Warhol (1928 bis 1987) inspizierte. "Erst machte die Familie den Geruchstest und drückte ihre Nasen auf den oxidierten Urinspuren platt, dann kratzten die Kinder mit den Fingernägeln an der Kupfermetallfarbe herum." Da es nicht auszuschließen war, dass die Dozentenfamilie das Produktionsprinzip der Bilder als Aufforderung missverstand und auch noch kollektiv an die Leinwand pinkeln wollte, schritt Hans-Jörg Weiser beherzt ein. Die Reißverschlüsse blieben zu.
V ielleicht bin ich auch als Haus meister zu empfindlich", sagt er. "Als Maler war ich es jedenfalls ganz bestimmt. Mir fehlte die innere Robustheit, um mich mit meinen Werken durchzusetzen." Ihm imponiert durchaus die Hartnäckigkeit jener Künstler, die geduldig vor dem Chefzimmer anstehen, um sich ungerufen für einen Seiteneinstieg in die Documenta zu bewerben. "Das hätte ich nie über mich gebracht", sagt er und vergräbt seine Hände in den Taschen des grauen Hausmeisterkittels.
Er war kein "Frühberufener". Schon als Kind erfuhr er, "wie schwierig es ist, von Kunst zu leben". Sein Vater, den er "abgöttisch liebte", scheiterte in Würzburg als Maler altmeisterlich angelegter Landschaftsbilder, verließ die Familie, siedelte in die DDR über und arbeitete dort als Restaurator. Der Sohn sollte - so die Bitte der verlassenen Mutter - einen "anständigen Beruf" erlernen. Hans-Jörg Weiser gehorchte. Nach der Schule absolvierte er zunächst eine Elektrikerlehre und ließ sich anschließend zum Fotografen ausbilden. Nachdem er alte Steine für ein archäologisches Institut und Eheringe für einen südafrikanischen Versandhandel abgelichtet hatte, kehrte er jedoch der bürgerlichen Berufswelt den Rücken, um sein Glück als bildender Künstler zu versuchen.
Gemalt hatte er schon als Lehrling. Hans-Jörg Weiser: "Damals orientierte ich mich am expressionistischen Ungestüm der Brücke-Künstler." Nun wollte er es methodisch angehen. Er bewarb sich bei fast allen Kunstakademien der Bundesrepublik. Fünf Jahre lang. Ohne Erfolg. 1972 wurde er schließlich von der Gesamthochschule Kassel (GhK) erhört. Hans-Jörg Weiser zog um, gerade rechtzeitig zur Documenta 5. Als er die ausgestellten Werke von Rebecca Horn, Mario Merz, Bruce Nauman und den anderen sah, erlitt er prompt "einen Kulturschock": "Ich fühlte mich in eine ganz neue Dimension von Kunst katapultiert, und ich begriff, dass meine eigenen Werke geradezu vorsintflutlich waren."
Während seines Studiums jobbte Hans-Jörg Weiser regelmäßig im Fridericianum: Ausstellungsmacher engagierten den gelernten Elektriker als technische Hilfskraft. Ein Glücksfall. Bei Aufbauarbeiten lernte er etliche namhafte Künstler kennen, unter ihnen A. R. Penck, Sigmar Polke und Gerhard Richter. Besonders beeindruckt war er von Joseph Beuys: "Der hatte eine fast schon magische Ausstrahlung. Ein Großer!" Und auch ein Großzügiger: Auf der Documenta 6 steckte der Meister dem Studenten Weiser diskret einen Hundertmarkschein zu - als Dank für den pfleglichen Umgang mit der "Honigpumpe am Arbeitsplatz".
Die Documenta 7 bescherte der Hilfskraft dagegen ein schmerzliches Schlüsselerlebnis: Ein Bekannter meinte es gut und empfahl dem Ausstellungsleiter Rudi Fuchs den bisher unbekannten Maler Hans-Jörg Weiser so nachdrücklich als Geheimtipp, dass der Documenta-Chef sich schließlich zur Werksbesichtigung in die kleine Weiser-Wohnung begab. Noch heute zieht der Hausmeister irritiert beide Augenbrauen hoch, wenn er von der Visite berichtet: "Rudi Fuchs schaute sich meine Bilder an, ohne auch nur eine einzige Silbe zu sagen. Anderthalb Stunden lang blieb er absolut stumm. Hätte er wenigstens "Alles alter Käse` gebrummt - aber nichts! Auch später hat er kein einziges Wort über den Besuch verloren."
Nach zehn Semestern - mit Unterbrechungen - bestand Hans-Jörg Weiser 1985 die Abschlussprüfung an der GhK. Er war nun studierter Künstler - und "so klug als wie zuvor". In jenem Jahr zerbrachen Träume: Nach zwölfjähriger Ehe trennte sich seine Frau Angelika von ihm; als Erzieherin hatte sie während seiner Studentenzeit den größten Teil des Unterhalts verdient. Eine Zäsur in seinem Leben: Nach der verlorenen Liebe gab er auch die Kunst auf. "Ich fühlte mich leer. Außerdem musste ich mir eingestehen, dass ich nicht die Kraft hatte, mich als mittelloser Maler durchzuschlagen. Meine Selbstzweifel waren einfach zu stark."
Zwei Jahre später, in der Vorbereitungszeit zur Documenta 8, zog er schließlich als festangestellter Hausmeister in das Erdgeschoss des Fridericianum ein. Früher war er den großen Künstlern stets als künftiger Kollege gegenübergetreten, mit Vorfreude und Stolz. Nun begegnete er ihnen im grauen Bedienstetenkittel. Doch er empfand weder Neid noch Scham. Hans-Jörg Weiser: "Hätte ich nicht konsequent einen Schlussstrich unter meine künstlerischen Ambitionen gezogen, wäre ich als Documenta-Hausmeister seelisch schnell zu Grunde gegangen." Mittlerweile besitzt er als Hausmeister das Selbstvertrauen, das ihm als Künstler immer gefehlt hat. Wenn es sein muss, legt er sich auch schon mal mit Chefs an.
Auf der Documenta 9 musste es sein: Ein junger amerikanischer Künstler stieg nachts in den Fahrstuhlschacht des Fridericianum ein, stellte sich auf das schmale Kabinendach und filmte die sausende Fahrt hinauf und hinab mit der Videokamera. Als Hans-Jörg Weiser von der Aktion erfuhr, las er dem Künstler am Tatort die Leviten. "Der Zugang zum Fahrstuhlschacht ist Unbefugten strengstens verboten", zitierte er die einschlägige Vorschrift. "Wenn Ihnen etwas passiert, kann ich als Hausmeister dafür haftbar gemacht werden." Der Lift-Surfer berief sich jedoch auf die Freiheit der Kunst und sauste weiter Nacht für Nacht durch den Schacht. Entrüstet beschwerte sich der Hausmeister schließlich beim damaligen Documenta-Leiter Jan Hoet. Es kam zu einer kurzen, aber lautstarken Grundsatzdebatte.
Jan Hoet: "Es wird weiter gesurft. Die Kunst darf alles." Hans-Jörg Weiser: "Wenn ein Unfall passiert, ist mein Leben ruiniert." Jan Hoet: "Die Kunst darf trotzdem alles." Hans-Jörg Weiser: "Ich finde diese Einstellung dumm und gefährlich!" Das Ergebnis der Erörterung: Jan Hoet durfte alles. Er ließ weiter surfen.
Der Hausmeister hat das damalige Ärgernis längst zum Abenteuer verklärt. Als Sympathisant der buddhistischen Wiedergeburtslehre nimmt er menschliche Unzulänglichkeiten ohnehin nur bedingt ernst. In diesem Leben ist er als Künstler gescheitert. Was möchte er im möglichen nächsten Leben sein - vielleicht Documenta-Leiter? "Um Himmels willen, nein!" Warum nicht? "Weil ich nicht ständig Zoff mit dem Hausmeister haben will."
Mittlerweile hausmeistert Hans-Jörg Weiser ebenso hingebungsvoll, wie er einst gemalt hat
Bild(er):
Bild: Weiser im heimischen Musikzimmer: Früher malte er, heute greift er gelegentlich in die Tasten
Bild: Klagt über respektlose Ausstellungsbesucher: Der Hausmeister Weiser in seinem Reich, der Halle des Fridericianums. Fotos: Ingo Bulla
