Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 131

Güldene Zinnen am Wohnturm

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Architektur: Hans Kollhoffs Frankfurter "Main Plaza" schwelgt im Design der dreißiger Jahre

Von Projekt zu Projekt gibt sich Hans Kollhoff zunehmend konservativer. Die Rückkehr zu alten Stilen handhabt der Architekt, der augenblicklich zu den meistbeschäftigten Entwerfern Deutschlands zählt, souverän und mit Lust an der Provokation. Er sucht sich das jeweils Passende aus den Musterbüchern der Historie und adaptiert es geschickt an neue Inhalte. Wenn beispielsweise die Aufgabe lautet, mit dem Bau der thüringischen Landeszentralbank in Meiningen den Eindruck einbruchssicherer Solidität zu erzeugen, nimmt Kollhoff dafür als Vorbild einen italienischen Renaissance-Palazzo mit martialischem Rustikasockel. Und wenn ein reicher Berliner Bauherr ein Edel-Domizil ordert, stellt ihm Kollhoff eine schamlos nachempfundene neoklassizistische Villa hin.

Für den Frankfurter Luxus-Wohnturm "Main Plaza" am Deutschherrn-Ufer, der sich am lebhaften Stilmix der New Yorker Hochhäuser aus den dreißger Jahren orientieren sollte, war Hans Kollhoff also genau der Richtige. Bereits in Berlin hatte er mit dem plastisch abgestuften Ziegel-Hochhaus am Potsdamer Platz seine Vorliebe für den amerikanischen Stil alter Schule demonstriert. Das Bekenntnis zum Retrodesign fiel dort allerdings noch vergleichsweise zaghaft aus. In Frankfurt konnte er dagegen unübersehbar Flagge zeigen. Gegenüber der Skyline der glatten Geld-Glastürme auf der anderen Mainseite war eine charaktervolle Alternative gefragt.

Obwohl aus einer Melange von Zitaten entwickelt, besitzt der Main-Plaza-Turm eine Qualität, die aus dem Material, der Verarbeitung und der Form resultiert. Die erste Überraschung im Frankfurter Einerlei - ein polygonaler Schaft, der sich über einem achteckigen Sockel erhebt. Die Ecken sind mehrfach gegeneinander verdreht - das ergibt im Ganzen eine komplex gefaltete geometrische Figur, die der Vorstellung von einem wirklichen Turm (der kein bloßer hochkant gestellter Quader sein soll) auf ideale Weise entspricht. Um das kompakte Gebäude mit 24 Geschossen und knapp 90 Metern Höhe ästhetisch überzeugend zum Abschluss zu bringen, beginnt Kollhoff schon nach dem fünften Geschoss mit der Reduktion des Turmdurchmessers. Jener Rücksprung schafft zudem Platz für Terrassen.

Nach dem 20. Geschoss verjüngt sich die Turmgestalt ein zweites Mal, wodurch weitere Terrassen in großer Höhe entstehen. Weitere Rücksprünge - von Geschoss zu Geschoss bis zum 24. - bewirken, dass die Turmkrone mit einer markanten Silhouette aufwarten kann. Doch die Form ist nicht alles. Mutet die Verkleidung der Betonkonstruktion mit handwerklich perfekten Mauerwerksfassaden aus hartgebrannten Ziegeln schon reichlich rückwärtsgewandt an, so wirken die 146 vergoldeten Turmzinnen bei einem Bauwerk des dritten Jahrtausends regelrecht albern.

Das "Main Plaza" wird als eine Mischung aus Hotel und Apartmenthaus betrieben. Es gibt 136 Suiten, Maisonetten und Penthousewohnungen zwischen 35 und 146 Quadratmetern Größe. Die Hälfte der Wohnungen ist möbliert. Man kann wochenweise, monatsweise und länger mieten. Die Preise liegen bei 1227 bis 5930 Euro pro Monat "kalt". Im Haus befinden sich ein First-Class-Restaurant, eine "New York Bar", eine Bibliothek sowie Bankett- und Konferenzräume. Viel Kirschholz und viel polierter Naturstein in den verschiedensten Farbtönungen prägen das auf "Club-Atmosphäre" getrimmte Interieur, für das zwar Hans Kollhoff keine Verantwortung trägt, das seinem Hang zur Nostalgie und dem "zeitlos Gediegenen" jedoch entgegen zu kommen scheint. Gleiches gilt für die üppige Ebenholz- und Marmorausstattung der wegen der zahlreichen Ecken teilweise kurios geschnittenen Apartments und Suiten.

Der Service ist umfassend: Bei Bedarf erledigt das Personal sogar die täglichen Einkäufe für die betuchten Bewohner. Und in der Lobby - die mit plumpen (aber kannellierten) Säulen prunkt - hat der sehr höfliche Portier ein wachsames Auge auf die Mieter, auf gebetene und ungebetene Gäste. Für den Lift braucht man eine codierte Karte.

Bild(er):

Bild: Anleihen beim New Yorker Hochhausbau der dreißiger Jahre: "Main Plaza"

Bild: Gediegen speisen im Wohnhaus: Das Rivercafe steht auch Nichtmietern offen