Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 136-137
Leben im Konjunktiv
Von
Taufschein, Heiratsurkunde, Eintrag im Sterberegister, dazu ein paar Notizen flüchtiger Bekannter, Mitgliedschaften in Berufsverband und Bürgerwehr, ein Haufen Schuldscheine sowie drei Dutzend Arbeitsproben - wer fühlte sich wohl getroffen, wenn anhand solcher Dokumente sein Leben erzählt würde? Alle Forschung zu Jan Vermeer (1632 bis 1675) leidet daran, dass die Zahl der biografischen Quellen in umgekehrtem Verhältnis zu seiner Malkunst steht. Kein Brief, keine Erinnerung von Freunden, keine Skandalchronik berichtet von dem angesehenen Bürger und Familienvater.
Anthony Bailey sucht nun den Meister der stillen Interieurs aus dessen Umgebung zu verstehen. Seine Monografie trägt im Original den Untertitel "Eine Ansicht von Delft" und schildert Kanäle und Stadttore ebenso wie Postverkehr und Brauereiwesen, die legendäre Delfter Reinlichkeit, politische und religiöse Konflikte oder die verheerende Explosion des Pulvermagazins. Gelegentlich ermüdet Baileys Gründlichkeit, und sein frischer Stil, den der Schriftsteller John Updike rühmt, ist in der Übersetzung kaum zu spüren. Doch insgesamt liest sich der Band spannend und eröffnet neue Blickwinkel auf die Gemälde. Im Zentrum aber bleibt ein blinder Fleck: Über Vermeers Leben und Arbeitsweise, seinen Charakter, gar seine Gedanken kann auch Bailey nur vorsichtig und im Konjunktiv spekulieren.
Anthony Bailey: Vermeer. Siedler Verlag, Berlin. 304 S. mit 49 SchwarzweißAbb. und 14 Farbtafeln. 24,90 Euro
