Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 88-91
Das letzte Bild ist noch nicht gemalt
Von Kira Van Lil
BASEL UND PARIS: MALEREI IM AUFBRUCH / Vier Ausstellungen feiern das Wiederaufleben der Königsdisziplin
ie im Nahkampf treffen sie aufeinander: Pablo Picasso, der Statthalter der gegenständlichen Malerei, und Jackson Pollock, der Pionier des Abstrakten Expressionismus. Je eins ihrer Werke, beide um die Jahrhundertmitte entstanden, stehen sich nun in Basel gegenüber - und siehe da: Die Kontrahenten nähern sich einander an.
"Glauben Sie, es geht mich etwas an, dass auf einem meiner Bilder zwei Menschen dargestellt sind?º, fragte Picasso. Während er daran male, seien es "nicht länger zwei Personen, sondern Formen und Farbenº. Picasso abstrahiert so stark, dass man kaum mehr die beiden liegenden Frauen am Ufer erkennt, und Pollock findet in seinem Spätwerk zu figürlichen Anklängen zurück. Hinter den beiden Werken sieht man förmlich die urtümliche Energie ihrer Urheber blitzen, der beiden letzten Genies der Malerei.
In ihnen findet die Malerei einen letzten Höhepunkt nach den Jahrzehnten der Avantgarden, in denen sich die Künstler gegenseitig übertrafen und ein ungeahntes Spektrum an Möglichkeiten zwischen Figuration und Abstraktion entwickelten. Kaum eine Sammlung in Europa kann das so beeindruckend belegen wie die des Basler Kunstmuseums. In einer groß angelegten Schau hat Direktor Bernhard Bürgi nun Einzelwerke aus der Sammlung ausgewählt und, ergänzt um rund 40 Leihgaben, neu zusammengestellt.
Nach dem Höhepunkt wird die Malerei bald neu herausgefordert: In den sechziger Jahren proben Künstler den "Ausstieg aus dem Bildº - in den abstrakten Objekten der Minimal Art, den Installationen von Bruce Nauman und im Erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys. Inmitten der Umwälzungen wird die Malerei von einer ganzen Künstlergeneration neu befragt. Die Konsequenz: Malen hat nur noch wenig mit der Netzhaut zu tun.
Nun setzt sich der konzeptuelle Anspruch von Malerei durch, den der zweite Teil der Basler Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst veranschaulicht. Künstler suchen nach der Essenz von Malerei: Daniel Buren mit Streifen, Niele Toroni mit regelmäßigen Pinselabdrücken auf der Wand und Robert Ryman mit der Beschränkung auf weiße Farbe. Andere kommentieren radikal die Situation der Malerei, etwa Gerhard Richter, der in monochrom grauen Pinselstrichen alle Bilder, die je gemalt wurden, zusammen zu mischen scheint.
Es gab aber auch Maler, die sich um das Kreisen der Malerei um ihren Nullpunkt nicht scherten. Einigen von ihnen begegnet man in einer Pariser Ausstellung, die figurative Malerei seit den vierziger Jahren vorstellt. Sie führt unter anderem fünf Einzelgänger ins Feld: Francis Picabia, der als Dadaist an vorderster Front der Avantgarden begann und dann in den vierziger Jahren Gemälde nach Pin-up Fotos hart an der Grenze zum Kitsch machte, Bernard Buffet (art 5/2002), der sich in den fünfziger Jahren über das Dogma der Abstraktion hinwegsetzte, dann der spielerische Zyniker Sigmar Polke und der sich zur dekorativen Malerei bekennende Porträtkünstler Alex Katz. Und schließlich Martin Kippenberger.
Dem 1997 gestorbenen deutschen Künstler kommt eine Schlüsselrolle zu. Nicht zufällig ist er als Einziger in allen vier Ausstellungen von Basel und Paris vertreten. Kippenberger gab den Narren am kapitalistischen Hof der Kunstszene und führte süffisant die Kommerzialisierung und die Orientierungslosigkeit einer Kunst vor Augen, die ihren Platz in der Gesellschaft nicht mehr kannte. "Lieber Maler, male mirº - so auch der Titel der Pariser Ausstellung - heißt eine Gruppe von Bildern, die Kippenberger Anfang der achtziger Jahre bei einem professionellen Filmplakat-Maler in Auftrag gab und sich selbst damit provokativ die Berechtigung als Maler entzog. Doch mit unerschöpflicher kreativer Energie wandte er sich immer neuen Themen zu, malte in immer anderem Stil. Kippenberger verkörpert das Dilemma der Malerei am Ende des Jahrhunderts - aber gleichzeitig auch die Freiheit, lustvoll zu malen.
In dieser Haltung des Dennoch folgt Kippenberger einer Generation nach, die die ganze Bandbreite der Malerei nutzt. Im zweiten Teil der Basler Ausstellung wird auch Gary Hume vorgestellt, der im spektakelsüchtigen London der neunziger Jahre unbeirrt seine Bilder malte, die abstrakt lesbar sind, obwohl sie auf Umrisszeichnungen von gegenständlichen Motiven beruhen. Der Schweizer Adrian Schiess holt mit spiegelnden Farbplatten auf dem Boden den Raum ins Bild, während Luc Tuymans mit seinen auf sanfte Beigetöne reduzierten Bildern brisante Themen wie die belgische Kolonialgeschichte kommentiert. Das letzte Tabu der Naivität bricht die 31-jährige Amerikanerin Laura Owens, die mit den Klischees von Malerei spielt, wenn sie sich scheinbar kindliche Motive und Malweisen erlaubt. Alles ist wieder möglich - am Ende des Jahrhunderts hat die Malerei sich einen neuen Anfang erobert.
Für Künstler, die Wirklichkeit malerisch erfassen wollen, bleibt die Fotografie ständiger Sparringspartner, zumal sie seit Ende der sechziger Jahren unaufhaltsam in den Rang von Kunst erhoben wurde. Dieses Wechselverhältnis macht sich der dritte Teil der Basler Malerei-Ausstellung zum Thema, der in der Kunsthalle ausgerichtet wird. Direktor Peter Pakesch stellt mit dem amerikanischen Fotorealisten Chuck Close einen Künstler vor, der bereits in den sechziger Jahren seine Schnappschüsse von Gesichtern in extremer Nahsicht akribisch auf riesige Leinwände übertrug, so dass die Köpfe geradezu monströs wirkten (art 4/1994).
In die Fussstapfen von Chuck Close treten Künstler wie der auf den Bahamas geborene und in London lebende Maler Alessandro Raho. Er porträtiert seine Freunde nach Fotos, die er selbst inszeniert. "Wenn ich dann anfange, die Personen zu malenº, findet der Künstler, "werden sie realer.º Aufwändig modelliert er die Figuren zu plastischer Wirkung, so dass sein Professor begeistert die klassische italienische Malkunst wieder aufleben sah. Doch Raho übernimmt auch die Ästhetik der Werbung, indem er seine Modelle möglichst sexy aussehen lässt. Diese Haltung des Aneignens unterschiedlicher Vorgaben aus Kunstgeschichte, Popkultur oder Werbung machen sich viele junge Künstler zu eigen.
Dabei kann selbst Funktionsarchitektur wie Wasserkraftwerke, die der Freiburger Martin Kasper malt, zu subjektiven Stimmungsbildern werden. Seine menschenleeren Szenerien erinnern an die Verlassenheit und Einsamkeit in Stadtbildern der Neuen Sachlichkeit. Doch Kasper lädt das nüchterne Motiv mit glühend-sehnsüchtigen Farben auf. Die persönliche Befindlichkeit der Künstler sucht ihren Weg zurück in die Kunst - und findet in der Malerei ihr Medium. Die Königsdisziplin des 20. Jahrhunderts wird neu entdeckt.
Termine: Basel: Kunstmuseum, Museum für Gegenwartskunst und Kunsthalle: 26. Mai bis 8. September; Paris, Centre Pompidou: 12. Juni bis 2. September, anschließend Kunsthalle Wien: 20. September bis 1. Januar 2003. Katalog: Basel: Schwabe Verlag, Basel, 58 Franken. Internet: www.kunstmuseumbasel.ch, www.mgkbasel.ch, www.Kunsthallebasel.ch, www.cnac-gp.fr und www.Kunsthallewien.at
Bild(er):
Bild: Von einem Plakat-Maler ausgeführt: Bild aus Martin Kippenbergers Serie "Lieber Maler, male mir" (300 x 200 cm, 1981)
Bild: Stark abstrahiert: Vielfach gebrochene Formen beherrschen das Bild, die Figuren lassen sich kaum mehr erkennen: Pablo Picasso, "Die Mädchen vom Seine-Ufer, nach Courbet" (101 x 201 cm, 1950)
Bild: Pure Energie: Um die am Boden liegende Leinwand tanzend, schleuderte Jackson Pollock Farbe auf den Bildträger, und doch: In "Nummer 11" (146 x 352 cm, 1951) schleichen sich figurative Elemente ein
Bild: Marvia, Freundin des Künstlers Alessandro Raho, überlebensgroß in fein abgestufter Ölmalerei (173 x 137 cm, 2000) porträtiert
Bild: Subjektives Stimmungsbild: Martin Kaspers einsame "Bar (Rijeka)" (150 x 150 cm, 2001)
Bild: Eine Illustration in einem Geschichtsbuch inspirierte Lucy McKenzie zum Bild "Kerry" (182 x 182 cm, 2001): Statt Napoleon sitzt ihre Schwester in der Bibliothek, und ihr Schatten legt sich über die Europakarte an der Wand. So wird ihr - in Anlehnung an Napoleons Feldzüge - eine große Zukunft vorausgesagt
Bild: Laura Owens erlaubt sich im Bild "Ohne Titel" (104 x 67 cm, 2000) dekorative Motive
Bild: Feinmalerei nach dem Vorbild Alter Meister. John Currins: "Die Landstreicherin" (102 x 81 cm, 1999)
