Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 97

Die Revolution fiel aus, es blieben Traumgespinste

Von Gnter Engelhard

PARIS: LA REVOLUTION SURREALISTE / Günter Engelhard, 65, besuchte für art die große Pariser Surrealismus-Retrospektive im Centre Pompidou

Längst ist die "surrealistische Revolution" verflacht zu skurrilen Collagen, beschaulichen Vexierbildern und süßlichen Traumgespinsten. Nun ruft Werner Spies sie im Centre Pompidou abermals zum Bildersturz. Der Connaisseur der Klassischen Moderne ermöglicht mittels eines monströsen Sortiments von rund 600 fantastischen Kunstprodukten den Test auf die dauerhafte Gültigkeit der Traum- und Mythenfabrikation des 20. Jahrhunderts.

Was der revolutionären Erweiterung des Wahrnehmungsvermögens dienen wollte, konnte Stil nicht werden. Der Surrealismus als methodischer Versuch, eine Epoche zu unterwandern, wird von Spies in seiner ganzen schrecklich schönen Fülle als Artenvielfalt ausgelotet. Und so legen viele tausend Besucher den langen Ausstellungsweg ins surrealistische Abenteuer nach dem Überraschungsprinzip des "cadavre exquis" zurück: "Der köstliche Leichnam wird den neuen Wein trinken" - so lautete, wenig logisch, der erste Satz eines Textes, der von den Aposteln der Bewegung ohne Kenntnis der jeweils vorhergehenden Formulierung fortgesponnen wurde. Heutige Augenzeugen halten es ebenso. Mit dem wissenschaftlichen und religiösen, dem psychoanalytischen und politischen Umfeld dieser Traumbildnerei sind sie meist nur mangelhaft vertraut.

Nie gab es, allen kunsthistorischen Exegesen zum Trotz, mehr freie Hand für Hobby-Psychologen als heute. Es ist ja, zum Beispiel, kein Kunststück, Rene Magrittes "Gigantische Tage" als Allegorie einer schmerzlich misslungenen Verschmelzung der Geschlechter zu entdecken: Verzweifelt versucht sich ein nackter Frauenkörper die männliche Klammerfigur von der Haut zu streifen. Prompt ärgert man sich darüber, dass zu derart surrealen Eindeutigkeiten aus dem Kopfhörer naives Gemeinplatzgeplauder tönt.

Gleich um die erste Ecke des Labyrinths blickt der Besucher dem blinden Seher Teiresias ins schwarz verdeckte Auge: Giorgio de Chirico feierte 1914 auf seinem metaphysischen Gemälde den Dichter Guillaume Apollinaire als Urheber der "surrealistischenº Wahrnehmung. Ende 1924 gründete Cheftheoretiker Andre Breton die Zeitschrift "La Revolution surrealiste".

Breton postulierte das Wesen der Bewegung: Vernunft und damit alle ästhetischen und moralischen Bedenken haben unter dem Diktat des Denkstroms zu entfallen. Das Leben verschmilzt mit dem Tod, das Wirkliche mit dem Eingebildeten, das Gewesene mit dem Kommenden. 1929 forderte er die Zerschlagung von Familie, Vaterland, Religion. Doch eine Revolution konnte daraus nicht werden, weil sich die Künstler jenseits politischer Ambitionen mit ihren Fantasien in eine Über-Wirklichkeit absetzten.

Max Ernst perfektionierte die Romantizismen seiner Collagen, Frottagen, Grattagen und Dekalkomanien ("Europa nach dem Regen"). Salvador Dali betrieb mit extremen Perspektiven und Verzerrungen die "paranoisch-kritische" Methode zur Erzeugung messerscharfer und butterweicher Phantasmagorien. Rene Magritte erfand durch Transplantation und Verspiegelung entgegengesetzter Wirklichkeitsebenen die parabolische Realität. Den Farbkeimzellen des Poeten Joan Miro entsprang ein biomorpher Kosmos.

Im Innern der Kunstbewegung nisten die halluzinativen Gebilde der "ecriture automatiqueº und vielerlei freudianisch beseelte Bedeutungskörper: Yves Tanguys spaltbare Wasserwüstenmonaden, Hans Bellmers parabiotische Puppentorsi, Roberto Mattas Roboter, Wifredo Lams verletzende Dschungelvegetationen ...

Keine Methode fehlt in der konturenscharfen Traumwelt-Rekonstruktion des Werner Spies. Am Ende ist sie derart komplett, dass deutlich wird, wie die Fülle subjektiver Exzesse den kollektiv revolutionären Impuls ersticken musste. Und so unterhält man sich, unter heutigen Gesichtspunkten, in Paris mit den Einblicken in die visionär ambitionierte "pittura obscura" genialer Spekulanten. Ihre "Revolution" blieb folgenlos: Sie war selbst eine Folge dessen, was von Hieronymus Bosch bis Matthias Grünewald über Francisco de Goya und den just 200-jährigen Pariser Ehrenfantasten Victor Hugo durch die Kunst geistert.

Termine: bis 24. Juni, in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen K20: 20. Juli bis 24. November. Katalog: 440 S., 56 Euro, deutsche Ausgabe im Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 58 Euro. Kurzführer: 60 S., 8 Euro. Internet: www.centrepompidou.fr

Bild(er):

Bild: Max Ernst (grüner Anzug) malte das Bild "Rendezvous der Freunde" (130 x 195 cm, 1922) - unter anderem Hans Arp (über ihm), Giorgio de Chirico (oben rechts zwischen Andre Breton und Gala Eluard)