Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 136
Ein Meilenstein
Von
Eines der eindringlichsten Fotos in diesem Bildband der berühmten Agentur Magnum zeigt das Profil einer weinenden Frau. Sie hat die Hände über der Brust zusammengelegt, sie hält ein Taschentuch; in ihrem Gesicht stehen Fassungslosigkeit und Schmerz. In der Unschärfe des Hintergrunds kniet ein Mann, der die Frau im selben Moment von der anderen Seite fotografiert: Sogar der 11. September in New York schien den Medien nicht genug Einzigartigkeit zu bieten - sie teilten die immer gleichen Bilder. Sie teilten Unglück und Leid.
"Magnum ist als Zusammenschluss von Dokumentarfotografen gegründet worden. Das ist unsere Tradition", schreibt der deutsche Magnum-Fotograf Thomas Hoepker in einem der Textbeiträge des Buches, welche die Sprachlosigkeit angesichts der Katastrophe in Worte zu fassen versuchen. "Nach einem fürchterlichen Ereignis wie diesem begreifen wir die Bedeutung dieses Erbes ganz neu." Der Bildband, an dem sich insgesamt 18 der 46 regulären Mitglieder der Fotoagentur beteiligt haben, wolle daher vor allem Zeugnis ablegen, so Hoepker. "In solch einem Augenblick muss man ganz bescheiden sein."
Es ist diese Bescheidenheit des Blicks, die Zurücknahme der künstlerischen Ambition, die das Buch zu einem Meilenstein der Dokumentarfotografie macht. Die kalte Ästhetisierung des Monumentalen, die auch in älteren Fotografien des World Trade Center von Magnum-Fotografen wie Dennis Stock oder Richard Kalvar zum Ausdruck kam, wird in den vorliegenden Bildern der schicksalhaften Tage im September auf ein menschliches Maß zurückgeführt.
Magnum-Fotografen: New York, 11. September. Deutsche VerlagsAnstalt, Stuttgart/München. 144 S. mit 93 Farbfotos. 29,90 Euro
