Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 94-95

Türkische Bäder und Kapellenfenster

Von Petra Bosetti

PARIS: JEAN-AUGUSTE-DOMINIQUE INGRES / Der Louvre zeigt zum ersten Mal alle Entwürfe, die der Klassizist für die Fenster der Kapellen Saint Ferdinand und Saint-Louis gemalt hat

Der "Tod meines so liebenswürdigen Prinzen bricht mir das Herz", schrieb der Maler Jean-Auguste- Dominique Ingres (1780 bis 1867) in einem Brief: Prinz Ferdinand-Philippe, Herzog von Orleans, sein guter Freund und großzügiger Förderer, war auf der Straße von Paris nach Neuilly tödlich verunglückt - die Pferde hatten gescheut und den Adligen aus dem offenen Wagen geschleudert.

Der Maler leistete nach dem Tod des Prinzen eine besondere Form von Trauerarbeit. Im Auftrag der königlichen Familie malte er riesige Entwürfe für die Fenster einer Kapelle, die an der Unfallstelle errichtet werden sollte. Ingres musste sich gewaltig sputen, denn die Kapelle Saint-Ferdinand sollte exakt am ersten Jahrestag des Todes eingeweiht werden.

Und er schaffte es. In nur zwei Monaten malte Ingres ein Dutzend Heilige sowie drei Entwürfe mit den Gestalten der christlichen Tugenden. Ingres war "richtig stolz" auf sein Werk, wie er einem Freund anvertraute, und der König und seine Familie hatten ihm gedankt und "ihre Zufriedenheit und Bewunderung ausgesprochen".

Der Louvre zeigt diese 2,10 Meter hohen "Kartons" genannten Entwürfe, dazu acht weitere für die königliche Kapelle in Dreux, jetzt in einer Sonderausstellung. Diese Entwürfe stellen eine bislang fast unbekannte Seite im Werk des Malers dar, der das klassizistische Schönheitsideal erneuerte, der Wege fand, seine Modelle so naturgetreu wie möglich darzustellen und ihre individuellen Wesenszüge herauszuarbeiten. Ingres, wie man ihn kennt - das heißt großartige Bildnisse, Ehrfurcht gebietende Herrscherporträts, mythologische Szenen, meist in leuchtenden Farbtönen. Einen Höhepunkt stellen im Spätwerk Bilder wie "Das Türkische Bad" dar, in denen Ingres Schönheit und Sinnlichkeit der Frauen feiert.

Ganz anders dagegen die Entwürfe zu den Kapellenfenstern, die sich an mittelalterlicher Malerei orientieren. Die königliche Familie reichte sogleich einen weiteren Auftrag nach. Zum zweiten Jahrestag des Todes Ferdinands sollte die königliche Kapelle in Dreux eingeweiht werden. Ingres verwendete vier Kartons, die er für die Ferdinands-Kapelle gemalt hatte, und entwarf acht weitere Heiligenbilder.

"Mit der Wertschätzung dieser beiden Ensembles haben sich selbst die überzeugtesten Ingristen lange Zeit sehr schwer getan", schreibt der französische Ingres-Biograf Georges Vigne und führt als Gründe die "zurückhaltende Kolorierung und bewusst flache und synthetisierende Zeichnung" an. Lange waren im Louvre, dem die "Kartons" gehören, nur wenige dieser Entwürfe ausgestellt und es gab keine einzige monografische Publikation. Zur ersten vollständigen Ausstellung ist jetzt auch ein Buch erschienen, das laut Ausstellungskurator Jacques Foucart "ein Maximum an Illustrationen und Informationen" über "die Kartons" und die Glasfenster enthält. Und dieses "einzigartige Ensemble" der Entwürfe wird nun stolz als "einer der Schätze des Louvre" gepriesen.

Termin: 24. Mai bis 23. September. Unterstützt von Gaz de France. Katalog: 23 Euro. Internet: www.louvre.fr

Bild(er):

Bild: Links: "Karton" mit dem Heiligen Raphael (210 x 92 cm, 1842), rechts das entsprechende Fenster der Kapelle Saint-Ferdinand

Bild: Göttliche Tugend: Entwurf für das Fenster (Durchmesser 110 cm), auf dem der Glaube dargestellt ist