Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 48-53
Kubas rebellische Tochter
Von Ute Thon
TITEL: Documenta 11 / Für Fidel Castro ist Kuba ein Labor des "Neuen Menschen", ein Paradies unter ewiger Sonne. Die Künstlerin Tania Bruguera zeichnet das Leben auf der KaribikInsel in ganz anderem Licht. Ihre drastischen Performances behandeln die Armut des Landes und die stille Gewalt des Regimes. Den Kubanern gilt die 33-Jährige längst als Volksheldin
Nackt sitzt die junge Frau in einer Holzkiste, die mit rohem, noch blutigem Lammfleisch ausgeschlagen ist. Sie kritzelt Korrekturen in ein offizielles Geschichtsbuch. Dann leckt sie so lange an den Buchstaben, bis sich die Farbe von den Seiten löst und die Buchstaben verschwinden. Schließlich reißt sie das Buch in Stücke und verspeist hektisch die zerknüllten Seiten. Davor wartet derweil eine Traube von Menschen ungeduldig auf das Ende der Veranstaltung. Nicht nur, um die Künstlerin zu ihrer provokanten Vorstellung zu gratulieren - sondern weil sie ein Stück des kostbaren Lammfleischs fürs Abendessen ergattern wollen.
Kunst in Kuba: ein delikater Balanceakt zwischen Fantasie und harter Wirklichkeit. Die Performance mit dem Titel "El Cuerpo del Silencio" ("Der Körper des Schweigens") fand 1998 in Havanna statt. Die Künstlerin Tania Bruguera wollte darin eigentlich die Last der Geschichte, die Angst vor Gerüchten und politischer Zensur behandeln. In Kuba, wo seit dem Ende der russischen Wirtschaftshilfe die "spezielle Periode" genannte Knappheit an fast allem herrscht, wurde die Kunstaktion zugleich zur Demonstration materieller Not.
Für die Documenta plant Bruguera einen ähnlich dramatischen Auftritt. "Es wird ein Stück "Verhaltenskunst` mit speziellem Bezug zu Kassel", sagt sie. "Video, Installation und Performance wirken zusammen." Dann wird sich erweisen, ob ihre theatralische Kunst die größtenteils westlichen Documenta-Besucher ebenso tief beeindruckt wie das Publikum in der Heimat. Dort gilt die 33-Jährige als moderne Jeanne d'Arc - eine Volksheldin, die mit Poesie, Witz und Courage an den Dogmen der Obrigkeit rüttelt. Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern, die aus Frustration über die starren Verhältnisse und den wirtschaftlichen Niedergang das Land verließen, hat Bruguera sich zum Bleiben entschlossen
Ihren Arbeiten handeln von Kubas historischer Verstrickung und seinen brennenden Problemen. Es geht um Emigration und Heimatlosigkeit, Macht und Unterwerfung. Mit Künstlerkollegen wie Carlos Estevez, Luis Gomez, Ricardo Brey und Ruben Torres repräsentiert Bruguera eine neue Szene, die sich bewusst vom Klischee der folkloristisch-farbenfrohen Latinokunst distanziert und mit Installationen und Performances soziale und politische Fragen behandelt. "Unkraut" nennen sie sich selbst - in ironischer Anspielung auf ihre Hartnäckigkeit und Anpassungsfähigkeit. "Ihre Reflexionen reichen von Kosmologie zu zeitgenössischen Problemen, immer aber im Rahmen eines sorgfältig strukturierten Symbolismus", charakterisiert der kubanische Kunsthistoriker Gerardo Mosquera die neue Garde. Gerade bei Bruguera ist diese symbolische Verschlüsselung ein wichtiger Aspekt: Lebensmittelknappheit, Reiserestriktionen und die Einschränkung der Meinungsfreiheit kritisiert sie nicht offen. Statt dessen tauchen in ihren ritualhaften Handlungen Lebensmittel, Boote oder Bücher auf. Lange hat es in Kuba an solchen Stimmen gefehlt. Ende der achtziger Jahre flüchtete eine ganze Generation von Künstlern und Intellektuellen über Mexiko in die Freiheit. "Was blieb, sah aus wie eine vom Krieg verheerte Grabenlandschaft, in der viele von uns, die dageblieben waren, erschöpft, geschlagen oder desillusioniert herumsaßen", sagt Bruguera über den künstlerischen Exodus. "Mit meinen Arbeiten versuche ich, den gesellschaftlichen Prozess, der damals abbrach, wieder anzuregen."
Am Rande der Havanna-Biennale von 1997 lud sie zu einer privaten Performance mit dem Titel "El Peso de la Culpa" ("Die Last der Schuld"), in der sie mit einem Lammkadaver um den Hals Erde mit Salzwasser vermischte und die Dreckklumpen dann langsam verspeiste. "Die Kubaner verstanden auf Anhieb, worum es ging. Ausländische Kuratoren brauchten etwas länger. Einige von ihnen suchten nach kunsthistorischen Referenzen, während die Kubaner die Botschaft sahen", erinnert sich Bruguera. Die Aktion spielte auf eine Legende an, nach der die kubanischen Ureinwohner aus Protest gegen die brutale spanische Okkupation einst Massenselbstmord begingen, indem sie Erde aßen. "Comer tierra", also "Erde essen", bedeutet heute aber auch so viel wie "durch extrem harte Zeiten gehen". Wieder einmal hatte die Kubanerin künstlerische Praxis mit ihrem Lebensalltag vereint.
Tania Bruguera wurde 1968 in Havanna geboren, verbrachte als Tochter eines Diplomaten und einer Übersetzerin ihre Kindheit jedoch größtenteils im Ausland, zunächst in Frankreich und dem Libanon, später in Panama. "Bei uns wurde ständig über Politik diskutiert", sagt Bruguera. "Es war so etwas wie eine Familienangelegenheit." Nach der Scheidung der Eltern kehrte sie im Alter von 12 Jahren mit ihrer Mutter nach Havanna zurück. Als Oberschülerin in einem musischen Gymnasium entdeckte sie die - westliche - Kunst. Vor allem Minimal Art, Konzeptkunst und Land Art der sechziger und siebziger Jahre faszinierten sie.
Bereits während ihres Studiums an der "Academia de Artes Plasticas San Alejandro" und später am "Instituto Superior de Arte" in Havanna organisierte sie provozierende Ausstellungen, darunter auch eine Hommage an US-Filmstar Marilyn Monroe ("Marilyn is alive") und Neuauflagen von Werken der Performance- und Land-Art-Künstlerin Ana Mendieta, einer Exilkubanerin, deren Werk nach ihrem frühen Tod 1985 in New York Kultstatus erreichte, Kubanern dagegen völlig unbekannt blieb. Bruguera begann, die körperbetonte, autobiografische Performance-Kunst im Stil von Künstlerinnen wie Carolee Schneemann oder Yoko Ono mit Elementen afrokubanischer Folkloreriten und Videokunst zu mischen. Material und Thema werden bis heute wesentlich von der jeweiligen Umgebung bestimmt, die zeitliche Begrenztheit der Kunst ist Teil ihres Konzepts.
Inzwischen wird Tania Brugueras Werk auf der ganzen Welt wahrgenommen. In den letzten Jahren war sie Teilnehmerin von Biennalen in Johannesburg, Sao Paulo, Kwangju und Venedig; sie hatte Ausstellungen in New York, London und Kopenhagen. Nach einem Studienaufenthalt in den USA am Art Institute of Chicago nahm sie sich am Lake Michigan einen Zweitwohnsitz. Derzeit weilt sie als Stipendiatin der Kunsthochschule in San Francisco.
Nach jedem Auslandsaufenthalt kehrt Bruguera jedoch in die Heimat zurück. "Es ist wichtig für mich, zu meinen Wurzeln zurückzugehen", sagt sie. "Das gibt mir Energie und Inspiration." Dank einer neuerlichen Entspannung der Reisebedingungen - spätestens mit dem Erfolg der Band "Buena Vista Social Club" und von Wim Wenders' gleichnamigem Film hat Fidel Castro Kultur als gewinnträchtigen Exportartikel erkannt - erleben Kubas Künstler ein größeres Maß an Toleranz. Das Land braucht zum Überleben Dollar und Touristen.
Doch wie Tania Bruguera unlängst erfuhr, hat die kulturelle Freiheit immer noch Grenzen. Das von ihr gegründete Untergrundmagazin "Memorias de la Posguerra" ("Erinnerungen an die Nachkriegszeit") musste nach der zweiten Ausgabe sein Erscheinen einstellen. Und ihre Installation auf der letzten Havanna-Biennale im Winter 2000 wurde nach einem Tag geschlossen. Die Künstlerin hatte in den Katakomben einer ehemaligen Gefängnisfestung einen dunklen Raum mit verrottetem Zuckerrohr ausgelegt. An der Decke zeigten Videomonitore Propagandabilder des "Maximo Lider", während vier nackte Männer im Halbdunkel scheu banale Alltagsrituale verrichteten. Die Kluft zwischen Wirklichkeit und staatlichem Dogma ist nicht mehr zu überbrücken. "Für uns Kubaner ist es schwierig, über Castro direkt zu sprechen, aber wir tun es trotzdem", sagt Bruguera mit einem verschwörerischen Lächeln. "Ich denke, Angst kann auch eine Quelle für Kunst sein."
Die hohe Kunst des Rituals - Tania Bruguera beherrscht sie wie kaum eine andere Künstlerin ihrer Generation
"Buena Vista Social Club" - Tania Bruguera spielt in ihrem Werk die dunklen Lieder ihres Landes
Bild(er):
Bild: Nichts als das nackte Leben: In einer Performance aus dem Jahr 2000 verrichteten vier Kubaner auf fauligem Zuckerrohr Alltags- rituale. Brugueras Systemkritik ist von überwältigender Symbolkraft
Bild: Mit ihrer Installation "Uniformen" (1999) provozierte Bruguera auf drastische Art das kubanische Rechtssystem. In den unterirdischen Gewölben einer ehemaligen Gefängnisfestung hingen blutige Kadaver
Bild: "Die Last der Schuld": In der Performance der Jahre 1997 bis 1999 zeigte sich Bruguera als Opferlamm
Bild: Eine Kiste voller blutiger Geschichten: die Performance "Der Körper des Schweigens" von 1998
Bild: Tania Bruguera arbeitet mit ungewöhnlichen Materialien, die oft symbolisch aufgeladen sind. Für dieses Bild ließ sie Kaffee auf Papier tropfen. Foto: Martha Cooper
Bild: "La Isla en Peso": Brugueras Installation von 2001 war die Umsetzung eines Gedichts des kubanischen Schriftstellers Virgilio Pinera
Bild: Diese Objekte aus Glas und Alabaster gehören zur Serie "Engineer of Souls". Sie erinnern an Folterinstrumente
Bild: Brugueras abgewandelte kubanische Flagge aus Menschenhaar - "Statistik" (1996)
