Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 54-55
Auf Basis von Hoffen und Harren
Von Alfred Nemeczek
über den Start von K21 im sanierten Düsseldorfer Ständehaus
V orsicht: Wenn am Artikel-Beginn ein Taxifahrer mit der Stimme des Volkes spricht, ist das meist die Finte eines allzu forschen Schreibers. Also hebe ich hastig die Schwurhand und beteure: Mein Taxifahrer an diesem Morgen war echt.
Kaum kannte er mein Fahrziel, das "Ständehaus" im Zentrum von Düsseldorf, erfuhr ich, was mich dort sogleich begeistern würde: ein imposanter gläserner Lastenaufzug am Rand einer südlich anmutenden Innenhof-Piazza, das transparente Wabendach in Gestalt eines 450 Tonnen schweren Muldengewölbes und ein unterirdischer Schausaal, gegen dessen sechs Bullaugenfenster das Wasser des angrenzenden Kaiserteichs plätschert.
Drei Stunden hatte mein Fahrer am Tag der offenen Tür vor dem Rohbau Schlange gestanden, um sich ein Bild von der Verwandlung des ehemaligen Landtagsgebäudes (art 4/2002) in ein Museum des Landes Nordrhein-Westfalen zu machen, das er künftig häufig anzufahren hofft, "weil es da vielleicht mal wieder eine Miro-Ausstellung gibt".
Und weil zunächst alles so war, wie es der Taxifahrer vorausgesagt hatte, kam ich mir nach meinem Rundgang durch das erstmals mit Kunst bestückte Haus wie ein Spielverderber vor. Spontan empfand ja auch ich diese knapp 50 Millionen Euro teure "Altbausanierung der besonderen Art" (Bau- und Kulturminister Michael Vesper) als Wagnis, das dem Münchner Architekten Uwe Kiessler bestechend gut gelungen ist. Doch die Hauptnutzung der restaurierten Immobilie als Experimentierstätte für Kunst des 21. Jahrhunderts ist ein Kompromiss - und leider ein fauler.
Wirklichen Platzbedarf hatte und hat ja in Düsseldorf schon lange das Mutterhaus, die weltberühmte und inzwischen K20 genannte Kunstsammlung NRW am Grabbeplatz. Sie begann als Gemäldegalerie der Klassischen Moderne und fasst inzwischen die Fülle der Skulpturen, Objekte und Bilder des jüngsten Fin de Siecle nicht mehr. Doch eine Erweiterung wurde ihrem Chef Armin Zweite so oft versprochen wie verweigert.
Raum im Überfluss hielt dagegen das schon 1988 vom Landtag aufgegebene Ständehaus aus dem Jahr 1880 bereit, für das lange eine neue Verwendung gesucht wurde. Mal war es als Staatskanzlei, mal als Hotel, und zwischendurch sogar als Spielbank im Gerede. 1998 fiel die Entscheidung zu Gunsten der Kunst, und zügig entstanden 5300 Quadratmeter Ausstellungsfläche.
Aber nicht K20 breitet nun seine Schätze darauf aus, sondern eine Filiale für die museale Hege des Brandneuen. Codename: K21. Dass Zweite nur in der Nähe seines Stammquartiers expandieren will, ist verständlich, macht aber das Ständehaus noch nicht zum idealen Ort für unerprobte Kunst. Anderswo gedeihen solche Laboratorien im Gelände aufgelassener Industrieanlagen; das beste Beispiel aus der Nachbarschaft ist die Kokerei Zollverein in Essen. Auf deren inspirierende Gigantomanie antwortet der Düsseldorfer Schmuckkasten mit konventionellen Galerien, die sich am Vorbild des Berliner Gropius-Baus orientieren, ohne es zu erreichen. In Berlin zweigen vom Innenhof üppige Säle ab; hier lässt die dominierende Piazza nur relativ schmale Kunst-Kammern zu - bestens geeignet für mittelgroße Bilder. Selbst solche hat Julian Heynen, künstlerischer Leiter von K21, nicht in seinem Besitz. Das titelgebende "Startkapital" seiner Eröffnungsschau mit Arbeiten von rund 70 Künstlern haben ihm meist rheinische Sammler geliehen - Simone und Heinz Ackermans, Reiner Speck, Gaby und Wilhelm Schürmann. Mit postmodernen Objekten, von denen im Prinzip keins älter ist als 25 Jahre, überbrückt Heynen so das Warten auf die Kunst von morgen, mit der er die Jahrhundertziffer "21" eines Tages zu rechtfertigen hofft.
Hoffen und Harren als Basis für ein neues Museum? Im Kopf geht die Theorie vielleicht so glatt auf wie der Vorsatz, das Ständehaus nicht zum Ort "schieren Amüsements digitaler Amnesie oder der ästhetischen Entropie" werden zu lassen (Zweite). Auf der Praxis freilich lasten Hypotheken: Perfektion und Eleganz des auch für Staatsempfänge und Veranstaltungen aller Art vorgesehenen Gebäudes begünstigen eher ein stinknormales Schau- und Ausstellungsgeschäft als die Erprobung ungewohnter Vermittlungsformen. Schon zur Premiere hat ja Heynen sein "Startkapital" mehr angelegt als aufs Spiel gesetzt. Was man sieht, kann sich jedoch sehen lassen.
Roter Teppich für Lokalmatadoren: In Basement und Beletage eine Werkschau der Düsseldorferin Katharina Fritsch, bei der auch ihr berühmter Elefant von 1987 nicht fehlt (bis 8. September). In den Umgängen die Heroen der heimischen Fotoszene - von Bernd und Hilla Becher über Candida Höfer, Thomas Ruff und Thomas Struth bis Andreas Gursky. Exemplarisch dokumentiert werden Thomas Schütte ("Grüne Kacheln", 1977/85) und Imi Knoebel. Sein kühler "Genter Raum" von 1980 wirkt heute klassisch. Auch Nam June Paiks frisch bepflanzter "TV Garden" von 1974 mit seiner einst als utopisch empfundenen Sintflut elektronischer Bilder nährt inzwischen Nostalgie. Er gehört jetzt K20 - ebenso wie die begehbare Installation der PR-Abteilung des "Adler"-Museums von Marcel Broodthaers aus dem Jahr 1972, mit der sich der moderne Kunstbetrieb erstmals selber in Frage stellte.
Kaum Bilder der so genannten Neuen Wilden, viel zu wenig von Martin Kippenberger. Aber eindrucksvolle Einzelstücke aus der Sammlung Ackermans (Jeff Wall, Juan Munoz, Robert Gober) und Räume mit fesselnden Querschnitten durch die Kollektionen Speck (Georg Herold, Sigmar Polke, Raymond Pettibon) und Schürmann (Jack Goldstein, Zoe Leonard, Mel Chin).
Gewarnt sei nur vor dem größten, teuersten und belanglosesten Kunstwerk der Schau - Reinhard Muchas Installation "Das Deutschlandgerät" (1990). Diese in pompösen Vitrinen überinszenierte Erinnerung des Düsseldorfer Künstlers an ein aufgegebenes Atelier nervt mich seit ihrem Debüt auf der Biennale von Venedig.
Literatur: Julian Heynen (Hrsg.): Startkapital. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern. 96 Seiten mit 90 meist farbigen Abbildungen. 9,90 Euro. Armin Zeite (Hrsg.): Das Ständehaus in Düsseldorf. DuMont Literatur- und Kunstverlag, Köln. 240 Seiten mit 160 meist farbigen Abbildungen und Plänen. 19,80/ 48 Euro. Katalog Katharina Fritsch. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern. 128 Seiten. 18/29,80 Euro
Neues Institut ohne Sammlung - aber mit Perspektive
Bild(er):
Bild: Auftritt der Lokalmatadorin: Zur Werkschau von Katharina Fritsch gehört der "Elefant" (1987)
