Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 94

Magische Bälle aus der Fabrik

Von Adrienne Braun

KRAICHTAL: TAKASHI MURAKAMI / Die Ursula Blickle Stiftung zeigt "The Japanese Experience - Inevitable"

Takashi Murakami ist ein Künstler mit Geschäftssinn. Er lässt andere für sich arbeiten. In seiner "Hiropon-Factory" übertragen ganze Heerscharen von Künstlern seine Vorzeichnungen auf Leinwände. Die Gemälde "Magic Ball - positive" und "Magic Ball - negative" sehen mit ihren wellenartigen Mustern und den teilweise grinsenden, comichaften Figuren zwar aus wie Visionen aus dem Computer, doch es steckt echtes Handwerk dahinter. Jeder Millimeter auf diesen rund drei mal fünfeinhalb Meter großen Leinwänden ist sorgsam mit feinstem Pinsel gemalt.

Die von Margrit Brehm verantwortete Ausstellung in der Ursula Blickle Stiftung zeigt Murakami und sein künstlerisches Umfeld, aber auch das Vertriebssystem, das dahinter steckt. Denn der Japaner macht sich das kapitalistische Prinzip zunutze, er hat die Strategien der Industrie auf die Kunst übertragen. Seine Kunst ist Ware. Sie wird produziert und vertrieben wie andere Produkte der Vergnügungsindustrie - und manchmal sieht sie auch so aus.

Seine "Hiropon Factory" hat wenig mit der "Factory" von Andy Warhol zu tun. Bei Murakami wird tatsächlich wie in der Industrie produziert, und die Boheme-Atmosphäre wie einst bei Warhol fehlt. Außerdem lässt Murakami aber auch direkt von der Industrie fertigen: Plüschfiguren, Handyanhänger, Postkarten, Uhren oder Schneekugeln, die den üblichen Produkten der Unterhaltungsindustrie auffallend ähneln, aber als Kunstobjekte definiert sind, die er über das Internet vertreibt. Er will das System nicht kritisieren, sondern es subversiv für seine Zwecke nutzen - eine radikale Erweiterung des Kunstbegriffs: "Real art" nennt es der Japaner. In Kraichtal werden seine Konsumartikel an einem Kiosk angeboten.

Gezeigt wird zudem Malerei von ihm und einigen seiner Mitarbeiter der "Hiropon Factory". Sie bedienen sich aus dem globalen Bilderpool wie die Alltagsästhetik auch. Helden aus den Mangas, japanischen Comics, spielen dabei eine große Rolle (art 7/2001). "Superflat" nennt Murakami seine Kunst, die wie ein Comic und ein PC-Bild die plakative Flächigkeit betont - aber auch inhaltlich keine Ambitionen hat, außer zu unterhalten. Aber seine Kunst ist so, wie Cees Nooteboom Japan charakterisiert - "anders anders". Die Ausstellung wird ergänzt durch drei weitere Künstler. Yoshitomo Nara, der in Japan und den USA ein Szene-Star ist, formt aus Kunststoff riesige Kinder, Tiere und Spielzeug. Hiroshi Sugito malt Bilder in bewusst ungelenkem Zeichenstil, die wie Kinderbilder wirken. Jun Hasegawa dagegen hält ihre starkfarbigen Bilder schablonenhaft-plakativ.

Termine: 9. Juni bis 14. Juli. La Fondation Cartier, Paris: 26. Juni bis 29. September. Katalog: Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, deutsch/englisch 29,80 Euro.

Internet: www.ursula-blickle-stiftung.de und Homepage Murakami: www.kaikaikiki.co.jp

Bild(er):

Bild: Ein Factory-Mitglied mit dem Pseudonym "Mr." malte "Nancicannyo" (130 x 162 cm, 1997)

Bild: Sorgsam gepinselt: "Magic Ball - negative" (290 x 549 cm, 1999) von Takashi Murakami