Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 42-47
Proteste gegen die perfekte Kunst
Von Gerhard Mack
Documenta 11 - TITEL: Documenta 11 / Seine Objekte fertigt Thomas Hirschhorn aus einfachsten Materialien, die er nachts auf den Straßen sammelt. Derart wird auch sein Documenta-Beitrag sein: ein Monument für den Philosophen Georges Bataille
D ie Universität Zürich-Irchel ist ein Labyrinth. Treppen und Flure folgen endlos aufeinander. Immer wieder stehen Studenten mit Pappbechern da und nicken einem freundlich zu. Am Ende des Suchmarathons wartet Thomas Hirschhorn. Die Augen funkeln listig durch die dunkle Brille: "Ah, Sie haben es gefunden", stellt er mit beiläufigem Erstaunen fest, als wäre er Kafka persönlich. Er hat seine Arbeit gerade beendet: Hinter ihm steht ein begehbares Häuschen aus Pappkarton, mit braunem Klebeband krude zusammengeflickt. Darauf sind Kopien von Bildern und Texten befestigt.
Innen läuft ein Videofilm über die russische Künstlerin Ljubow Popowa. Hocker, Lederkissen und ein Gestell voller Bücher laden zum Lesen ein. Die Wände sind mit bunten Kopien von Stoffmustern verkleidet, auf denen Kopien von Textilentwürfen und Gemälden der hochbegabten Konstruktivistin kleben. Der 1924 mit gerade mal 35 Jahren g estorbenen Künstlerin hat Thomas Hirschhorn einen "Kunstkiosk" gewidmet, wie Ingeborg Bachmann, Robert Walser, Meret Oppenheim und anderen zuvor. Es sei eine "Hommage" an eine Frau, in deren Werk sich der revolutionäre Elan der Zeit ausdrückt, erläutert Hirschorn.
Der Kiosk passt in die sterile Umgebung des Hochschulbaus ungefähr so gut wie ein paar Holzschuhe zum Wiener Opernball. "Ich will eine andere Art von Raum anbieten, der in dieser neutralen, sauberen Forschungsatmosphäre drinsteht wie ein Kiosk im Krankenhaus oder im Gefängnis: Man braucht ihn nicht existentiell, aber er öffnet ein Fenster nach draußen in eine andere Welt." Dasselbe Prinzip wendet Hirschhorn jetzt in Kassel an.
Zur Documenta steuert er ein Denkmal für den französischen Philosophen und Surrealisten Georges Bataille (1897 bis 1962) bei. Hirschhorn verehrt ihn, weil er dem Denken neue Felder eröffnet habe. "Bei Bataille geht es um die Maßlosigkeit, den Verlust, die Gabe, sich zu verausgaben in einer aggressiven, offenen, den anderen einschließenden Art", sagt er. Platziert wird es allerdings nicht an einem der Hauptspielplätze der Riesenausstellung, sondern weit ab in einem Wohnviertel in der Nordstadt.
Die Siedlung an der Friedrich-Wöhler-Straße ist ein Arbeiterquartier mit einem hohen Ausländeranteil. Wer hier wohnt, hat mit Surrealismus im Allgemeinen und Bataille im Besonderen nichts zu tun. Das weiß auch Hirschhorn. Er versteht seine Arbeit aber als Anregung von außen. Dabei will er weder Volkshochschule anbieten, noch ein Pausenprogramm gegen die Sommerhitze. "Ich bin kein Animator, ich bin kein Sozialarbeiter", stellt er klar. Wenn er mit Anwohnern zusammenarbeitet, tut er es nicht, weil es unter Künstlern heute so schick ist, das Publikum zu integrieren, sondern deshalb, weil er Mitarbeiter braucht, um sein Projekt zu realisieren.
Denn das Monument für Georges Bataille ist keine einfache Figur, wie man sie von Denkmälern kennt. Es umfasst eine ganze Szenerie aus acht Elementen. Dazu gehören eine Ausstellung zu dem Philosophen in einem roh gezimmerten Unterstand, eine Bibliothek, die seinen Namen trägt, eine Skulptur in Form eines abstrahierten Baumes, der seine Wurzeln nach oben streckt, eine Imbissstube mit Kebab, ein Live-Fernsehstudio, zusammen mit dem Offenen Kanal Kassel, Workshops mit Jugendlichen und ein Fahrdienst mit Gebrauchtwagen, der Besucher und Anwohner zu den zentralen Ausstellungsorten der Documenta bringt.
Vier Webcams verbinden über zwei Internetseiten das kleine Quartier mit der weiten Welt. Die einzelnen Stationen des Denkmals in der Siedlung sind durch bunte Lichterketten miteinander verbunden und zeichnen so einen imaginären Raum, der den philosophisch gesellschaftskritischen Anspruch mit Straßenfestatmosphäre verbindet. Kitsch ist für Hirschhorn keine negative Kategorie. Er hat schließlich einmal einen Flipperkasten mit zwei großen Tränen gebaut. In dem, was man leichthin abtut, ist Energie zum Widerstand verborgen.
Dass Kritiker dem 1957 in Bern Geborenen dennoch vorwerfen, er mache mit seiner Kunst "Weltschmerz wie aus "Bravo' oder dem Poesiealbum", findet er "ein tolles Kompliment", weil der Kitsch so gar nicht in die vornehme Kunstwelt mit ihren neunmalklugen Akteuren passt. Hirschhorn kommt in Fahrt, wie man es einem Berner, der in Davos aufgewachsen ist, nicht zugetraut hätte, und stimmt, obwohl enorm belesen, ein Hohelied auf die Dummheit an: "Sie bringt das Denken auf die erste Dimension zurück. Denn ohne erste Dimension ist die zweite nicht möglich. In der vierten kann ohnehin keiner leben". Hirschhorn will keinen Schnickschnack. Er will Probleme griffig machen. Und er wehrt sich gegen perfekt gemachte Kunst: "Sobald die Frage auftaucht, wie etwas gemacht ist, langweile ich mich."
Er selbst fertigt seine Werke denn auch aus einfachsten Materialien, auf die jeder Zugriff hat. Die ersten Arbeiten waren aus Karton. Das Verpackungsmaterial steht für Hirschhorn in der Tradition von Kurt Schwitters und Joseph Beuys, die für ihn als jungen Künstler wichtig waren. Es wird von Pennern und Bettlern genauso benutzt wie von der Industrie. Und es kommt in der ganzen Welt zum Einsatz. Den Karton, der sich auf dem Boden seines Pariser Ateliers schichtet, findet er abends zusammen mit ausrangierten Möbeln in den Straßen des Stadtteils St. Denis, wo er wohnt. Später sind Holz, Papier, Stoff, Silberpapier und Alufolie hinzugekommen.
Die Mischung aus spröder Anmutung und Hemmungslosigkeit ist inzwischen längst zum Hirschhorn-Stil geworden: Viel Karton, jede Menge Klebeband und Alufolie, wie Müll montiert und durch Stellwände voller Kopien von Texten über die Horrorwelt von Politik und Wirtschaft beklebt, das ist schon eine Marke wie die High Heels und Einkaufstüten der Sylvie Fleurie. Der Protest gegen die Machtstrukturen der Welt verhakelt sich in den Massen aus Material. Thomas Hirschhorn hört das nicht gerne. Er schaut streng durch seine Dolce-&-Gabbana-Brille und redet von Handarbeit und von Arbeit überhaupt. "Ich bin Künstler, Arbeiter, Soldat", deklamiert er sein Selbstverständnis, und: "Ich kämpfe gegen Ungerechtigkeit und gegen Ungleichheit."
Dafür spuckt er auch in die Hände und bastelt drauf los, wenngleich er kein Bastler sein will: "Meine Haltung ist die eines Fans, ich bin kein Wissenschaftler und kein Historiker." Sieben Tage die Woche steht er um neun im Atelier, wenn er nicht gerade irgendwo in der westlichen Hemisphäre Werke aufbaut. Dabei entstehen Installationen, Monumente und das Material für Straßenaltäre, wie Fans sie für verunglückte Popstars aufs Trottoir legen. Je größer ein Werk ist, desto widerstandsfähiger werde es. Glaubt Hirschhorn. Er hält nicht viel von den eleganten Reduktionen in der zeitgenössischen Kunst, die sich so gut in den Kunstmarkt einfügen: "Nur durch Überaktivität und Oberflächlichkeit kann man geheime Zusammenhänge aufdecken."
Also bombardiert er die Besucher seiner Ausstellungen mit Materialmassen, die niemand erfassen kann, und beendet Werke erst, wenn er sich selbst völlig verausgabt hat. "Ich habe keine Angst vor Arbeit", sagt Hirschhorn. Er befürchtet eher, dass er zu wenig Energie in ein Werk investiert. Kunst wird da Hochleistungssport; Zufriedenheit kommt erst mit der Erschöpfung. Was das heißt, hat Thomas Hirschhorn dem internationalen Kunstpublikum 1999 bei der Biennale in Venedig gezeigt. Da machte er mit der Installation "Flugplatz Welt" das internationale Netz aus Fluglinien und Flughäfen zum Sinnbild der Globalisierung. Ein riesiger Tisch diente als Landebahn und Flugzeugträgerdeck. Die Flugzeuge darauf sahen sich alle ähnlich, nur die Bemalung mit den jeweiligen Hohheitszeichen unterschied nach geografischer Herkunft und politischer Bedeutung. Flughäfen sind neutrales Terrain und "störungsfrei", sagt Thomas Hirschhorn; da kann man wegschauen, wenn ringsum die Waffen knallen. Da er das nicht will, stellte er einen Kontrollturm dazu und verband ihn mit zahllosen weiteren Elementen, die Informationen einspeisten: Stellwände mit Zeitungsausschnitten, Drucksachen und Bildern zu Kriegen im Kosovo und anderswo. Die Betrachter mussten sich in engen Gängen an dem Material vorbeischlängeln und waren in seiner Masse verloren.
Genau diesen Effekt will Hirschhorn erreichen. Er baut seine Werke so, dass "möglichst kein Raum da ist zum Zurücklehnen, zum Überblick, zum Fußwippen, zum Distanznehmen." Atemlos sollen wir uns in der Fülle verheddern, an den Informationen stoßen und unsere Hilflosigkeit spüren: "Ich will dem Betrachter keine Luft, keine Ruhe, keine Zeit lassen." Denn dann könnte der beschaulich werden und Kunst genießen. Und das wäre das Schlimmste, was passieren könnte. Kunst soll "ein Werkzeug sein, um die Welt kennen zu lernen", um sich "mit der Realität auseinanderzusetzen". Kunst ist Kampf, und der Betrachter duckt sich weg, damit er nicht erwischt wird.
Wenn ihm jemand Kitsch vorwirft, bedankt er sich für das Kompliment
Internet: www.bataillemonument.de und www.hirschhorn.documenta
Bild(er):
Bild: Idyll im Hirschhorn-Stil: "La Maison Commune" (2001), eine Mischung aus "Sprödigkeit und Hemmungslosigkeit"
Bild: Hommage an eine Schriftstellerin: "Ingeborg Bachmann Altar" (1998) aus Hirschhorns Reihe der "Kunstkioske"
Bild: Im Netzwerk der Globalisierung: "Flugplatz Welt" hieß die Hirschhorn-Installation auf der Biennale in Venedig 1999
Bild: Karton, Plastik, Aluminium und einen Fernseher verschnürte Hirschhorn mit Klebeband zur "Sculpture direct II"
Bild: "Ich bin Künstler, Arbeiter, Soldat": Thomas Hirschhorn in seinem Atelier im Pariser Stadtteil St. Denis. Foto: Michael von Graffenried
Bild: Kunst-Info im Arbeiterviertel: Mit dieser Stellwand sucht Hirschhorn Mitarbeiter für sein BatailleMonument
