Ausgabe: 06 / 2002
Seite: 70

"Der schönste Posten in Deutschland"

Von Axel Hecht

Finanzminister Hans Eichel war als Oberbürgermeister von Kassel dreimal im Aufsichtsrat der Documenta

Hans Eichel, 60, seit drei Jahren Bundesminister der Finanzen, hat eine enge Bindung an die Documenta: Seit 1964 Mitglied der SPD, war er von 1975 bis 1991 Oberbürgermeister von Kassel, anschließend Ministerpräsident des Landes Hessen, bis er 1999 in das Kabinett der Rot/Grünen-Koalition nach Berlin wechselte. Als OB bekleidete Eichel auch das Amt des Aufsichtsratsvorsitzenden der Documenta-GmbH. Dreimal - zu Zeiten der D 6, D 7 und D 8 - hat der ehemalige Studienrat die Weltausstellung der Gegenwartskunst unmittelbar begleitet. Über seine Erfahrungen sprach art-Redakteur mit dem Minister.

art: Herr Eichel, Sie haben den Gründer der Documenta noch persönlich erlebt. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Arnold Bode?

Eichel: Arnold Bode war ein Schrecken fürs Kasseler Rathaus. Wann immer uns die Nachricht erreichte, Bode sei im Anmarsch, zogen sich viele schon zurück. Da war es dann oft mein Schicksal als Oberbürgermeister, ihn zu empfangen. Er war ein ungeheuer kreativer, unruhiger und fordernder Mensch. Eines fehlte ihm - die präzise Beziehung zum Geld. Und darauf muss auch ein Rathaus Wert legen. Ich erinnere mich an eine Episode: Arnold Bode hatte alle für die Documenta Engagierten eingeladen, um für seine Idee zu werben, die Documenta nach Amerika und Japan auf Tournee zu schicken. Dafür gebe es, so Bode, vier Millionen. Auf meine Frage: Mark oder Dollar? antwortete er nur: Weiß ich nicht. Und das zu einer Zeit, als der Dollar vier Mark kostete.

Als Oberbürgermeister von Kassel waren Sie dreimal Chef des Aufsichtsrates der Documenta-GmbH. War das für Sie ein lästiges Amt?

Es war ein lustvolles Amt. Ich habe immer geglaubt, dass der Posten des Oberbürgermeisters in Kassel der schönste Posten dieser Art in Deutschland ist - weil man eben auch Vorsitzender des Aufsichtsrates der Documenta ist. Aber es war manchmal auch ein Kampf zwischen vielen Fronten. Die wichtigste Entscheidung fiel immer bei der Auswahl des künstlerischen Leiters. Davon versteht man als Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender nicht viel - aber man trägt am Schluss die Verantwortung.

Von Ihnen stammt das Motto "Leiter der Documenta ist man nur einmal im Leben". Sie waren es aber auch, der den eigenen Leitsatz gebrochen hat. Warum?

Ich halte das Motto unverändert für richtig. Aber als 1984 der Holländer Edy de Wilde und der Schweizer Harald Szeemann, der ja bereits Leiter der D 5 gewesen war, gemeinsam die Documenta 8 machen wollten, da zerbrach dieses Team nach kurzer Zeit. Eine äußerst schwierige Situation. Harald Szeemann, von mir gefragt, wollte die D 8 nicht allein machen; da habe ich, um die Documenta nicht verschieben zu müssen, Manfred Schneckenburger, den Leiter der D 6 gefragt, ob er das Amt noch einmal übernehmen wolle.

Welches Kunstwerk hat Sie besonders berührt und fasziniert?

Für mich war es das Werk, das am stärksten in die Stadt gewirkt hat - die Aktion "7000 Eichen" von Joseph Beuys. Das war ein richtiger Kampf. Durften die Steine auf dem Friedrichsplatz liegen oder nicht? Das hat die Kasselaner gewaltig geärgert und umgetrieben. Doch dann ließ das Schimpfen nach. Nicht etwa, weil die Zahl der Steine abnahm, sondern weil im Stadtbild Alleen auftauchten. Das wurde von den Bürgern außerordentlich positiv aufgenommen. Ohne das städtische Gartenamt hätte sich das Projekt aber auch nicht umsetzen lassen. Das musste Joseph Beuys erkennen. Diese Arbeit war eben auch das Kunstwerk, das die Stadt am stärksten verändert hat.

Was war Ihre erste Reaktion, als Sie hörten, dass Walter De Maria 1977 auf dem Friedrichsplatz ein Bohrloch von einem Kilometer Tiefe in Richtung Erdmitte treiben wollte?

Als die örtliche Zeitung eine Fotomontage mit dem Bohrturm vor dem Fridericianum veröffentlichte, ging die ganze Debatte in die falsche Richtung. Als ob der Bohrturm das eigentliche Kunstwerk sei und der Stadt damit auf Dauer erhalten bliebe. Ganz Kassel war unter der Decke - und wir hatten drei Wochen später Kommunalwahl, und eine hitzige Diskussion darüber, ob der Oberbürgermeister das nicht verbieten müsse.

Wie sind Sie denn aus diesem Dilemma herausgekommen?

Wir haben den Friedrichsplatz für die Zeit der Vorbeitungen zum Documenta-Gebiet erklärt. Damit war jede politische Intervention von vornherein verboten, denn die Freiheit der Kunst wird vom Grundgesetz garantiert.

Also kein Wahlkampfthema?

Doch. Aber das haben wir gemeinsam durchgehalten, weil Dr. Rolf Lucas, der Fraktionsvorsitzende der CDU, gleichzeitig Geschäftsführer der Documenta war und mir das Projekt ja selbst auf den Schreibtisch gelegt hatte.

Eine schöne Kumpanei zum Wohle der Kunst.

Ich habe Lucas gesagt: Wenn deine Partei jetzt im Wahlkampf versucht, daraus Kapital zu schlagen, dann werde ich überall erzählen, dass ihr Fraktionsvorsitzender den Gestattungsantrag unterschrieben hat. Das hat disziplinierend gewirkt. Fairerweise muss ich aber auch sagen, dass Lucas ein sehr guter Geschäftsführer war und engagiert für die Documenta eingetreten ist. Wir hatten ja gar keinen Streit, wir mussten nur eben andere im Zaum halten.

Aber wie war denn Ihre eigene Reaktion?

Ich empfand das Projekt intellektuell als eine große Herausforderung an die Fantasie. Aber für den Realpolitiker war das natürlich eine ungeheure Provokation - eine Million Dollar für ein Kunstwerk, das nachher niemand sieht. Ich habe dann natürlich in jeder Wahlversammlung erklären müssen, dass diese Summe gar nicht von uns, nicht aus Steuermitteln, sondern von der Dia Art Foundation in New York kommt. Das hat mir von den Künstlern den Vorwurf eingebracht, ich sei ein Banause, weil ich mich nicht zu dem Kunstwerk bekenne. Aber weiter wäre man damals in der politischen Debatte nie gekommen. In dieser aufgeheizten Situation war es ganz schwierig, überhaupt den Freiraum für die Documenta zu behaupten.

Sehen Sie von der Radikalität des Projekts her eine Verbindung zur Aktion "7000 Eichen"?

Beide Aktionen waren extreme Interventionen in die Stadt - im einen Fall in das Denken und das Vorstellungsvermögen der Bürger, im anderen Fall in den lebendigen Organismus, als Soziale Plastik, wie Beuys seine Arbeit ja genannt hat.

Sie haben als Oberbürgermeister viele Künstlerinnen und Künstler persönlich kennengelernt. Wer hat Sie am stärksten beeindruckt?

Die Künstler habe ich eher oberflächlich kennengelernt. Wirklich intensiv war der Kontakt zu den Documenta-Leitern. Da ist es zu spannenden Gesprächen mit allen gekommen.

Welche Bedeutung hat die Documenta für den OB Eichel gehabt?

Allem voran ist es natürlich eine ungeheure Herausforderung für eine Stadt von 200000 Einwohnern, die Weltausstellung der Gegenwartskunst zu beheimaten. Eine Herausforderung an den Geist einer Stadt, an die Offenheit ihrer Bürger, an die Fähigkeit, sich tolerant mit Kunst auseinanderzusetzen. Kein Kasselaner kommt um die Documenta herum. 1977 haben wir beim "Vertikalen Erdkilometer" ja exemplarisch gezeigt, dass Kunst Freiräume braucht. Und in diesem Zusammenhang weise ich darauf hin, dass Walter De Maria mit einem ähnlichen, aber viel kleineren Projekt 1972 in München gescheitert ist.

Natürlich spielt auch der Wunsch eine Rolle, Kassel in der Welt bekannt zu machen und andere Menschen nach Kassel zu holen. Das ist für mich auch ein absolut zulässiges Argument.

Haben die Erfahrungen, Herr Eichel, die Sie mit der Kunst sammeln konnten, Ihnen auch etwas für Ihren Beruf als Politiker gebracht?

Im Vorfeld der beiden großen Projekte von Walter De Maria und Joseph Beuys kamen wir an die empfindlichste Stelle in Bezug auf die Frage: Sind wir ein freiheitliches Gemeinwesen, ein Gemeinwesen, das die Freiheit der Kunst gewährleistet? Die streitbare Debatte um die Kunst, die muss stattfinden. Aber so ärgerlich manches Kunstwerk sein mag, der politische, der zensierende Eingriff in die Kunst, der ist nicht erlaubt. Das ist auch der sensibelste Punkt, an dem man früh erkennen kann, ob Freiheit gefährdet ist. Und hier muss der Politiker wach sein und sagen: Finger weg.

Ihre letzte Documenta schloss 1987 mit einem Defizit von 910 000 Mark ab. Was sagt der Finanzminister in Ihnen heute zu diesem Schuldenberg?

Verglichen mit dem Schuldenberg, den ich hier von der Vorgängerregierung übernommen habe, ist das kein Berg, kein Hügel, kein Häuflein, sondern nur ein Staubkorn. Natürlich muss man sich fragen, hat man penibel gewirtschaftet? Und dann muss man auch prüfen, ob die Ausstellung ein großer Publikumserfolg war. Wir hatten keine kritische Situation.

Werden wir Sie zur Eröffnung der Documenta 11 in Kassel treffen?

Natürlich.

"Die Aktion ,7000 Eichen` von Beuys hat die Stadt am stärksten verändert"

"Die streitbare Debatte um die Kunst, die muss stattfinden"

Bild(er):

Bild: Reden über Kunst mit dem Finanzminister: Hans Eichel im Gespräch mit

Bild: Extreme Eingriffe in die Stadt: Vor dem Fridericianum stehen die erste und die letzte der 7000 Eichen aus der Beuys-Aktion. Im Foto unten die Abdeckung des "Vertikalen Erdkilometers" von Walter De Maria im Durchmesser von fünf Zentimetern

Bild: Löste 1977 lautstarke Bürgerproteste aus: Bohrturm für den "Vertikalen Erdkilometer" von Walter De Maria

Bild: Noch heute im Kontakt zur Documenta: Im Berliner Arbeitszimmer von Finanzminister Hans Eichel hängen die Plakate sämtlicher DocumentaAusstellungen. Foto: Rainer Klostermeier