Ausgabe: 04 / 2002
Seite: 13

"Wenn einer schon fragt, ob er Fotograf werden soll, sage ich eher nein'

Von Silke Mller

"Wenn einer schon fragt, ob er Fotograf werden soll, sage ich eher nein' Viele Wege zum Ziel / FOTOGRAF: DIRK REINARTZ

Silke Müller

Dirk Reinartz hat seinen Traumjob bei einem Fotowettbewerb gewonnen - zumindest indirekt: Der Sieger des Wettbewerbs "Jugend fotografiert Forschung" wurde nämlich weder mit einer Kamera noch mit Geld belohnt, sondern durfte einen "Stern"-Reporter auf einer Reise in ein Land außerhalb Europas begleiten. Da war es um den 23-jährigen Studenten des damaligen Fotografie-Papstes Otto Steinert geschehen. Mit dem heute legendären Fotojournalisten Eberhard Seeliger fuhr Dirk Reinartz nach Japan, überzeugte den Senior-Fotografen des Magazins von seinen Fähigkeiten und heuerte als jüngster Fotograf in der Geschichte des Blattes in der Hamburger Redaktion an.

"Das war für mich eine entscheidende Begegnung", erinnert sich der heute als Professor für Fotografie an der Kieler Muthesius-Hochschule lehrende Reinartz. "Seeliger beeindruckte mich mit seinem unglaublichen Wissen. Er war ein "Stern"-Mann der ersten Stunde, und für einen Fotografen war das damals der Olymp. Er hatte keine Star-Allüren und reflektierte seine Arbeit in einer Art, wie es zu der Zeit überhaupt noch nicht üblich war."

Mehrere Jahre arbeitete Reinartz als Bildreporter für den "Stern" und reiste mit der Kamera um die ganze Welt. Doch das für den Journalismus so typische atemlose Produzieren machte den jungen Fotografen nachdenklich: "Du reist von Grönland nach Hamburg und dann in die Sahara, und am Ende hast du ein Gefühl im Kopf wie sonst nur im Magen, wenn du von allem zu viel durcheinander gefuttert hast." Das Schlüsselerlebnis kam auf dem Rückflug von Lagos, wo sein Team eine Reportage über die Piraterie im Hafen produzieren sollte: "Ich fand es dort so grauenhaft, hatte mir einen Virus eingefangen und schwebte dann mit fiebrigem Kopf über Düsseldorf-Lohausen ein und sah aus dem Fenster diese typisch deutschen spitzgiebeligen Häuser mit Vorgarten und hatte schlagartig das Gefühl, mein Gott, hier bist du zu Hause, darüber musst du arbeiten. ,Stern` - das war die Welt als Supermarkt."

Reinartz schmiss den Job und begab sich auf Spurensuche. 1989 erschien sein Buch "Kein schöner Land". Die ehemaligen deutschen Konzentrationslager, das Städtchen Bismarck in Amerika oder das Phänomen der öffentlichen Sitzbank - Reinartz nähert sich dem Thema Deutschland aus sehr verschiedenen Perspektiven. Seit der Nullnummer im Jahr 1979 arbeitet er auch für art - aus seinen Begegnungen mit Künstlern sind nicht nur wunderschöne Doppelseiten im Magazin geworden, sondern auch ein Buch. Heute sieht er sich in seinem Weg bestätigt: "Ich habe mein Studium abgebrochen und bin später beim ,Stern` ausgestiegen. Ich glaube, es war wichtig, mich immer selbst zu fragen, was ich eigentlich will." Sein Tipp an die nächste Generation: "Wenn einer schon fragt, ob er Fotograf werden soll, sage ich eher nein. Man muss es einfach wollen."