Ausgabe: 02 / 2002
Seite: 119

Bedeutungsvolle Leerstellen

Von

Zeitschrift: "Der Schock des 11. September - Das Geheimnis des Anderen - von "Lettre international"

Die Bilder des einstürzenden World Trade Center waren die Fortsetzung des Terror-Anschlags mit anderen Mitteln: in Endlosschleifen über die TV-Schirme geflimmert, haben sie sich ins Bewusstsein der Menschen eingebrannt und den brutalen Anschlag auf Lebenszeit in der Erinnerung verankert. Kann man mit Bildern auf diese eiskalte Inszenierung überhaupt antworten? 29 Künstlerinnen und Künstler haben es versucht - auf Einladung der in Berlin erscheinenden Kulturzeitschrift "Lettre international".

Unter dem Titel "Der Schock des 11. September - Das Geheimnis des Anderen" versammelt das Heft 55 (IV/2001; bis Mitte März am Kiosk) unter anderem Beiträge von Jörg Immendorff, Robert Longo, Michelangelo Pistoletto und Rebecca Horn. Den Titel des Magazins gestaltete der 1963 in Rio de Janeiro geborene Roberto Cabot: Ein Flugzeug am Himmel, leicht verschwommen im Dunst freundlicher, blauweißer Wolken. Harmlos an sich, doch mit dem Wissen um den 11. September plötzlich bedrohlich. Der deutsche, in New York lebende Künstler Hans Haacke, 65, entwarf ein Poster, aus dem die Silhouetten der Zwillingstürme ausgestanzt sind. Im Stadtraum von New York plakatiert, gewinnen alltägliche Annoncen durch die "Leerstellen" hindurch an Bedeutung. Und Marina Abramovic, 55, aus Belgrad stammende Künstlerin mit Wohnsitz in Paris und Amsterdam, lieferte mit ihrer Zeichnung den Titel der Aktion: Das "Geheimnis des Anderen" beginnt im Kleinen und schließt alle Unterschiede mit ein. Und wenn man sich auf den Kopf stellt: Das Nicht-Verstehen bleibt.

Bildunterschrift: Kann man mit Bildern auf Terroranschläge antworten? 29 Künstler haben es versucht. Unter den Ergebnissen: Marina Abramovic' "yes-no", Roberto Cabots "anti-ikarus" und Hans Haackes Entwurf für eine Plakataktion /