Ausgabe: 09 / 2001
Seite: 52-59
Der letzte Futurist
Von Ralf Schlter
Poppig, elegant, surreal: Die Entwürfe des Designers Marc Newson, Jahrgang 1963, machen Science-Fiction-Träume wahr. Im nüchternen Design der neunziger Jahre galt der Australier als Einzelgänger. Doch nun hat die Askese ein Ende - und seine organisch gerundeten Fantasie-Objekte sind gefragt wie nie zuvor
Gut möglich, dass Marc Newson einen geheimen Plan schmiedet. Mit einem Piloten aus Russland steht er in regem Austausch. Gerade ist wieder Post von ihm eingetroffen, ein kurzer Brief mit beigelegtem Buch, einer russischen Neuerscheinung über Raumschiffe. Newson beherrscht die Sprache nicht, aber er blättert mit großen Augen. Arbeitet er insgeheim schon am Design eines Raumgleiters? Er grinst: "Könnte sein."
Überraschend wäre das nicht. In 15 Jahren hat sich der australische Designer, Jahrgang 1963, vom Kleiderbügel über Liegen und Sessel zum Flugzeugdesign vorgearbeitet. Er ist vom Ehrgeiz besessen, den Alltag vollständig neu zu entwerfen und dabei einzulösen, was die Science-Fiction-Filme immer prophezeit haben. Eine Welt, rückwärtsgewandt und futuristisch zugleich, irgendwo zwischen James Bond und Verner Panton: Newsons Liegen sind organisch geformt und leuchten in satten Farben, die Sitze in seinem Falcon Jet 900B glänzen silbern im Raumkapsel-Design. Selbst ein banaler Türstopper wirkt bei Newson wie ein Bote aus der Zukunft: Hielte "Rock" von 1997 am Boden nicht die Tür fest, könnte man ihn auch für die allerneueste Konsole eines Videospiels halten.
Im Jahr 2001 haben Visionen Konjunktur, Marc Newson ist ein gefragter Mann. Die führenden Design-Unternehmen von Alessi bis Nike, von Cappellini bis Flos reißen ihm seine poppig-bunten Objekte aus den Händen. Sie sind ihm dankbar dafür, dass er dem Design, das zehn Jahre lang im Zeichen des Minimalismus stand, Farbe und Fantasie zurückgegeben hat.
Immer noch muss Newson bei dem Gedanken lächeln, wie ihm Mailand letztes Jahr zu Füßen lag. Das Publikum der Möbelmesse verzieh ihm sogar, dass er gar kein Möbelstück mitbrachte, oder vielleicht war es ihm gerade dafür dankbar. Marc Newson zeigte statt dessen ein Auto - und was für eins. Es leuchtete giftgrün und sah aus wie eine Kreuzung aus Spielzeugauto, Trabi und Mondfahrzeug. Die Gänge wurden per Knopfdruck eingelegt. Der Kofferraum hatte keine Klappe, sondern wurde wie eine Schublade herausgezogen. Der Innenraum sah aus wie ein Cafe, die Türen ließen sich wie bei einem Schrank nach links und rechts öffnen.
Neun Monate hatte Newson an der Kleinwagen-Studie 021C für Ford gearbeitet. "Ich wollte das Auto so entwerfen, wie es ein Kind machen würde", sagt er. Als der Wagen 1999 auf der Tokyo Motor Show erstmals präsentiert wurde, schaute er in die skeptischen Augen der Ford-Designer - und er sah die Begeisterung der Besucher und Journalisten. "Weder hier noch sonst irgendwo hat man jemals so ein Auto gesehen", schrieb das "Time Magazine".
Seit vier Jahren lebt und arbeitet Marc Newson in London. "Das liegt nahe für einen Australier", sagt er. "Kulturell fühle ich mich in England zu Hause." Das Büro seiner Firma "Marc Newson Ltd." ist im Zentrum, nur fünf Minuten entfernt vom Piccadilly Circus, einem der lautesten Plätze Europas. Doch hier im weißgestrichenen Loft herrscht himmlische Ruhe, der Blick geht zum Hinterhof, in der Küche schäumt Milch für Cappuccino. An der Tür zum Studio klebt außen ein Schild, Aufschrift: "Danger! Marcs Room".
Ein klassischer Teenagerwitz - so warnen pickelige 16-Jährige ihre Eltern vor unbefugtem Betreten ihres Territoriums. Und wirklich: In "Marcs Zimmer" könnte mal wieder aufgeräumt werden. Am Fenster sind kleine Figuren und Fundstücke aus Kramläden und Flohmärkten aufgereiht, in der Ecke lehnt ein Surfbrett. Der Schreibtisch quillt über von Fotos, Magazinen, vergilbtem Faxpapier. Hier sitzt er, macht die Tür zu und zeichnet seine Modelle in den Block, "dabei ist es geblieben, obwohl ich für die Ausarbeitung auch Computer benutze". Marc allein zu Haus - so war es eigentlich immer. Er kam aus dem Nichts, gehörte keiner Gruppe oder Bewegung an, stand in keiner Tradition. "Ein junger italienischer oder deutscher Designer hat immer eine Geschichte, auf die er sich beziehen kann", sagt er. "Einem Australier fehlt das. Es ist ein bisschen so, als ob man ohne Vater aufwächst."
Nicht nur im übertragenen Sinne stimmt das bei Marc Newson: Wenige Monate nach seiner Geburt verlässt sein Vater die Familie, der Junge wächst bei seiner Mutter Carol auf, in einem Vorort von Sydney. Sie arbeitet bei einem Architekten als Sekretärin, und der Junge kommt zum ersten Mal bewusst mit Design in Berührung: "Im Büro standen all die eleganten Möbel aus Europa herum, ich durfte mich in den Wassily-Chair von Marcel Breuer setzen."
Eine Kindheit in den sechziger Jahren: Die Zukunft wird gerade erfunden, und sie glitzert silbern. Die Amerikaner bauen eine Rakete für die Reise zum Mond, und im Jahr 1968 fliegt der Regisseur Stanley Kubrik schon mal vor. Sein Film "2001: Odyssee im Weltraum" bietet auch eine Vorschau auf das Möbeldesign des neuen Jahrtausends: Er lässt die Kinobesucher von Interieurs träumen, die aussehen wie die elegant geschwungenen, synthetisch-glatten Innenräume einer Station im All. Nie waren sich Weltraum und Wohnzimmer näher. Als Marc Newson den Film zum ersten Mal sieht, hat sein Kopf Nahrung für Jahre: "In genau so einer Umgebung wollte ich sein. Jedes Detail war perfekt."
Nach der Schule geht er ans College of the Arts in Sydney. Dort gibt es auch eine Fakultät für industrielle Formgebung, aber Newson, Enkel eines Zimmermanns, belegt lieber Kurse in Bildhauerei und Schmuckdesign. "Da hatte man mehr Freiheiten, musste sich nicht so sehr mit Vorgaben und Regeln befassen." Erst will er Künstler werden, nach dem Abschluss 1984 wechselt er zum Design. Das erworbene Wissen über die Skulptur kann er gut gebrauchen. Zwar war auch Newsons Interesse an Technik immer stark, "ich bin auf diesem Gebiet ein permanent Lernender". Doch bei seiner Arbeit ging es von Anfang an um das, was im Englischen "shape" heißt - Form, Gestalt.
Gleich das erste Möbelstück, das er nach dem Studium 1986 herausbringt, wirkt wie ein seltsames Tier, das sich jeden Moment bewegen kann: Die Chaiselongue heißt "Lockheed Lounge", weil ihre Oberfläche aus lauter kleinen, scheinbar aneinandergenieteten Aluminium-Stücken besteht und wie die Außenhülle eines Flugzeugs aussieht. Die Liege ist auf Anhieb ein Erfolg: Die Pop-Sängerin Madonna räkelt sich im Video zu ihrem Song "Rain" darauf. Der französische Stardesigner Philippe Starck ist so begeistert, dass die Lockheed Lounge für das von ihm eingerichtete Paramount-Hotel in New York ordert.
Zu den Newson-Fans der ersten Stunde gehört auch der japanische Unternehmer Teruso Kurosaki, dessen Firma Idee bald die meisten seiner frühen Möbel produziert. Newson arbeitet fieberhaft, findet seine Rolle - der Designer als Bildhauer des Alltags. Im Jahr 1988 nennt er einen seiner Stühle "Embryo Chair", das Möbel ist gekrümmt wie ein Fötus. Newson ist zu dieser Zeit "regelrecht besessen" von der Grundform, die er "Orgone" nennt. Die Liege "Orgone Lounge" von 1989 etwa sieht aus wie ein Surfbrett mit Taille, der "Orgone Chair" von 1993 variiert dieses Schema in ausladenden Formen und wirkt wie eine erwachsene Version des Embryo-Stuhls.
"Mein Kopf ist voller Formen", sagt Newson. "Viele davon hängen mit dem Meer zusammen. Als Kind habe ich selbst gesurft, und auch später viel Zeit am Strand verbracht. Es gab damals eine spezielle Surf-Kultur in Australien, ähnlich wie in Kalifornien. Sie hatte viel mit Stil und Attitüde zu tun, mit einem Gefühl für Coolness." Newson benutzt die Formen der Körper und Sportgeräte, die Farben und Materialien, das bunte Plastik der Strände. Er arbeitet mit Stoffen, die eigentlich für Badehosen verwendet werden.
Die achtziger Jahre gehen gerade zu Ende, und mit ihnen eine Ära: In fast zehn Jahren revolutionierten die bunten, verspielten, poetischen Möbel und Objekte der italienischen Gruppe "Memphis" das Design. Nun haben sich die Konsumenten am Feuerwerk der Formen sattgesehen, ein neuer Minimalismus kündigt sich an. Vorreiter ist der Brite Jasper Morrison, Jahrgang 1959, dessen spartanische Holzmöbel zu den Ursprüngen des Entwerfens zurückgehen.
Marc Newson setzt sein schnelles, buntes Design dagegen. Er lebt mal in London, mal in Paris und dann wieder in Tokio, bleibt Einzelgänger, erweitert die Palette seiner Produkte ständig. Bei den Auftraggebern spricht sich herum, dass der Mann keine Grenzen kennt. Seine Popularität wächst langsam, aber stetig. Bald gibt es von ihm Uhren und Interieurs, Kleiderbügel und Seifenschalen, Liegen, Tische und Sessel. Sein Ziel: ein Designer für alles zu sein.
Die besonderen Erlebnisse werden seltener - Erlebnisse wie vor zwei Jahren, als er im fertig montierten Jet Falcon 900B mitfliegen konnte, dem ersten Flugzeug, das er komplett entworfen hatte. Ein Unternehmer gab ihm den Auftrag dafür und spendierte ein stattliches Budget. Newson nahm die Herausforderung an, eine "wirklich coole" Maschine zu erfinden. Der Jet war ein Traum. Newson nennt ihn "mein 40-Millionen-Dollar-Baby". Demnächst wird er das Design einer ganzen Fluglinie entwerfen. Auf die Frage, vor welchem Gegenstand er vielleicht doch zurückschrecken würde, fällt ihm nichts ein.
Bisher einzige Monografie: "Marc Newson" von Richard Allan (Hrsg.). Mit einer Einleitung von Alice Rawsthorn, 220 Seiten, Booth-Clibborn Editions, London 1999
Newson traut sich alles zu, von der Liege bis zum Jet
Mit seinen skulpturalen Möbeln wurde Newson zum Bildhauer des Alltags
Newsons Plastik-Welten entstehen nicht am Computer, sondern auf Papier
Bildunterschrift: Ein Zukunftstraum in Gelb: Für die "Pod Bar" in Tokio (links) entwarf Marc Newson 1989 die Innenausstattung. Der Designer (oben) lässt sich von Filmen, Videos und Modemagazinen anregen / Das erste und bis heute bekannteste Möbelstück von Newson: die Chaiselongue "Lockheed Lounge" von 1986 / Innenansicht des Jets Falcon 900B von 1999: leuchtendes Grün und glänzendes Silber für ein "wirklich cooles" Flugzeug / Die "Orgone Stretch Lounge" von 1993 besteht aus Aluminium - dem idealen Material für fließende, weiche Formen / Der Kofferraum ist eine Schublade, die Türen lassen sich wie bei einem Schrank öffnen: Blick ins Innere des Zukunftsautos / Statt zweier Einzelscheinwerfer zieht sich eine Lichtleiste über die gesamte Front: Vorderansicht der Kleinwagenstudie 021C für Ford, die 1999 vorgestellt wurde / Modell-Raum mit Newson-Möbeln: bunt und bizarr wie die Pop-Welten Verner Pantons / Spiel mit der Urform des menschlichen Körpers: der "Embryo Chair" von 1988 / Wie Surfbretter auf Beinen: Die in verschiedenen Farben produzierte Liege "Orgone Lounge" von 1989 ist Newsons Hommage an die Kultur der australischen Strände / Brotkästen waren das Vorbild für die Regale: Newsons Design für "W&L.T." - eine Pariser Bouti- / que des belgischen Modedesigners Walter van Beirendonck, 1996/97 / Die "Super Guppy Lamp" baute Newson 1987 nach dem Ready-Made-Prinzip: Er stellte eine japanische Straßenlaterne auf einen Stahlbügel - fertig war die Stehlampe / Auch den gewöhnlichsten Dingen verleiht Newsons Design utopischen Glanz. Oben drei Objekte aus dem Jahr 1997, von links nach rechts: der Geschirrständer "Dish Doctor", der Türstopper "Rock" und die Taschenlampe, die Newson für die italienische Firma Flos entwarf /
