art-Heftarchiv

Heftarchiv - Ausgabe: 4 / 2001

Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 52-56

"Die Museumsleute haben mich tief gekränkt"

Von Axel Hecht

Ursprünglich wollte der westfälische Sammler Jan A. Ahlers seine Sammlung der Öffentlichkeit übergeben. Weil er auf Unverständnis stieß, verkaufte er seine Expressionisten an zwei Händler. Kenner sprechen von einem Preis zwischen 100 und 120 Millionen Mark

Der Textil-Industrielle Jan A. Ahlers aus Herford hat in über 35 Jahren eine der größten und geschlossensten Privat-Sammlungen des Expressionismus zusammengetragen. Jetzt verkaufte der 66-Jährige die mehr als 100 Werke umfassende Kollektion an die beiden Kunsthändler Christoph Graf Douglas (Frankfurt) und David Nash (New York). Einem größeren Publikum wurden die Werke durch eine Ausstellungstournee von Berlin über München, Frankfurt, Duisburg, Emden und Bielefeld bekannt. Dass Ahlers, der auch seltene Bücher und rare Erstausgaben sammelt, seine Expressionisten nicht von einem der großen Auktionshäuser versteigern ließ, hat in der Kunstszene für Aufsehen gesorgt. Über Motive und Hintergründe sprach art-Redakteur mit Jan A. Ahlers und Christoph Graf Douglas.

art: Herr Ahlers, warum trennt sich ein Mann, der mit allen Fasern Jäger und Sammler ist, von seinen Expressionisten?

Ahlers: Genug ist genug, hat Billy Wilder einmal gesagt. Bei mir ist das ähnlich. Ich habe meine Sammlung sehr sentimental und subjektiv aufgebaut. Als ich in meiner Jugend Gabriele Münter auf der Eichenallee in Murnau begleitete, die sie einst mit Kandinsky gegangen war, und sie mir die wunderbaren Motive erläuterte, die ich auf jeder Bergspitze wiedererkennen konnte, da hat mich das sehr romantisch begeistert. Heute machen mich diese Bilder eher traurig.

Aber werden Ihnen die langvertrauten Werke nicht fehlen?

Ahlers: Die Bilder hingen ja nie in meiner Wohnung. Sie waren immer als Leihgaben in Museen oder wurden auf Ausstellungen unserer Sammlung gezeigt. Dabei konnte ich sie so viele Male sehen und habe sie auch liebgewonnen. Es mag für Außenstehende vielleicht arrogant klingen - aber ich habe sie mir auch leid gesehen, und so ist eine große Bürde von mir genommen.

Neigten Sie in der Vergangenheit zu Spontankäufen, oder sind Sie zielstrebig und bedacht vorgegangen?

Ahlers: Ich gelte als der große Zögerer, habe immer wieder die Fachleute gefragt und mich bei den Händlern unbeliebt gemacht. Ich habe sehr kritisch geprüft und ließ mir jedes Bild zur Ansicht geben. Es kam zuerst auf die Staffelei, das war die Anklagebank. Ich habe es mir dann bei Sonnenlicht angeschaut, später am Abend bei einem Glas Rotwein. Und wenn ich wusste, das Bild will ich haben, dann ging es erst einmal an den Händler zurück.

Warum diese Trennung?

Ahlers: Damit ich die Preisverhandlung objektiv führen konnte und nicht Opfer meiner eigenen Rotweinlaune wurde. Wenn ich dann den richtigen Preis bekam, dann habe ich mich gefragt, was das Bild denn wirklich wert sei. Ich bin ja Kaufmann und wurde von meinem Vater konservativ erzogen. Als letztes habe ich geprüft, ob ich, wenn ich das Kunstwerk morgen verkaufen müsste, nicht mehr als 25 Prozent daran verlieren würde. Hatte ich das Gefühl, ich würde 40 Prozent verlieren, dann habe ich nicht gekauft.

Eine Menge an Sicherungen.

Ahlers: Das war häufig, wenn Sie an die siebziger Jahre denken, ein Fehler. Viele Bilder sind mir durch diese pingelige Preisberechnung auch entgangen - was ich heute sehr bedaure.

Trotz dieser Versäumnisse wirkt Ihre Sammlung recht geschlossen.

Ahlers: Ich habe immer subjektiv gesammelt und geprüft, wie sich ein Bild zu den anderen Werken verhielt, ob es ins Ensemble passte. Ich hatte stets Angst vor meiner Sammlung.

Sie wirken aber gar nicht ängstlich.

Ahlers: Mir fehlte die Kennerschaft, ich bin ja Textilkaufmann. Und Textilleute neigen ohnehin zu emotionalen Entschlüssen. Daher hatte ich Angst vor mir - und vor meinem Buchhalter. Der wollte kein Bild, der wollte 300 Nähmaschinen kaufen.

Haben Sie sich mit dem Kunstkauf für die anfangs ungeliebte Karriere im elterlichen Betrieb entschädigt?

Ahlers: Ich wollte ursprünglich nicht Textilkaufmann werden, sondern nach dem Abitur Malerei studieren. Das konnte ich meinem Vater abringen. Dann hatte ich aus heutiger Sicht das große Glück, mit meinen Arbeiten an der Kunstakademie abgelehnt zu werden. Die akademischen Ansprüche, die damals noch gestellt wurden, die fand ich ganz grässlich.

Wie haben Sie denn auf diesen Schock reagiert?

Ahlers: Erst mal kehrte ich reumütig zu meinem Vater zurück und sagte: Ich will jetzt doch Kaufmann werden. Wenig später musste ich als Lehrling in der Packerei einer Münchner Mantelfabrik antreten und mir den ganzen Tag die Hände dreckig machen. Das war schon ein grausamer Absturz aus den Höhen meiner elitären Künstler-Träume.

Dennoch stammen aus dieser harten Lehrzeit wohl prägende Erlebnisse?

Ahlers: Ich fuhr an den Wochenende nach Murnau zu Gabriele Münter und konnte mich bei der alten Dame ausweinen. Den Kontakt hatte meine Mutter hergestellt, denn Gabriele Münter stammte wie ich aus einer Textilfamilie in Herford. Sie war fast 80 Jahre, ich war 20, und wir hatten ein wunderbares freundschaftliches Verhältnis. Die Münter hat mir von August Macke und Franz Marc erzählt und mich in die Welt des Blauen Reiters eingeführt. Da wurde ich neugierig.

Also kamen Sie über einen kleinen Umweg doch zum Ziel.

Ahlers: Ich habe meine kreative Fähigkeit eben aufs Sammeln verlegt. Serge Sabarsky, der große New Yorker Händler, der zu meinem Mentor und Freund wurde, hat mich mal zu einer Ausstellung meiner Sammlung im Museum überredet. Erst habe ich mich geziert und erwidert, "deine Schiele-Sammlung ist viel besser". Doch als ich dann alle Bilder im Berliner Käthe-Kollwitz-Museum zum ersten Mal zusammen sah, da bin ich fast zusammengebrochen vor der Qualität meines eigenen Auges.

Nach Lothar-Günther Buchheim hatten Sie in Deutschland die größte Sammlung expressionistischer Kunst in Privathand. Bestand da nicht der Wunsch, das Erreichte zusammenzuhalten?

Ahlers: Diesen Wunsch gab es tatsächlich. Ich habe mit einigen Museen verhandelt, ihnen auch sehr großzügige Angebote über Dauerleihgaben oder günstige Finanzierung gemacht. Doch ich bin zurückgewiesen, manchmal sogar ge- demütigt worden. Ein Museumsdirektor wollte die Gemälde; die Grafik, so sagte er, die passe nicht zu seinem Haus. Aber der Expressionismus kommt doch von der Grafik, der ist ohne Grafik gar nicht denkbar. Andere Museumsleute wollten kleinlich Aussortierungen vornehmen, das hat mich tief gekränkt.

Nun plant Ihre Heimatstadt Herford ein neues Museum, das von dem Amerikaner Frank O. Gehry entworfen werden soll. Gab es auch hier Kontakte?

Ahlers: Dort, so unser Ziel, hätte die Sammlung als Dauerleihgabe hängen können. Wir hätten uns ausbedungen, dass bei der Besetzung des Direktorenpostens ein Kunsthistoriker mit profunder Kenntnis des Expressionismus gesucht würde. Dann hat man uns eines Tages Jan Hoet präsentiert. Der ist sicher ein großer Kenner der zeitgenössischen Kunst, aber im Bereich der Klassischen Moderne nicht sehr engagiert. So haben wir uns dann zurückgezogen.

Sie mussten also nur deprimierende Erfahrungen machen?

Ahlers: Mit einer großen Ausnahme. Helmut Friedel vom Lenbachhaus in München hat die Sammlung immer geschätzt. Der war auch sehr enttäuscht, dass ich jetzt verkauft habe. Aber er hat meinen Schritt verstanden. Bei ihm in der Stiftung ( Anm. d. Red. in der "Gabriele Münter-Stiftung") haben wir auch noch Arbeiten hängen.

Sie engagieren sich aber auch noch am Franz Marc-Museum in Kochel am See. Dort bemüht man sich ja besonders, das verschollene Marc-Gemälde "Der Turm der blauen Pferde" wiederzufinden. Sind Sie dabei vorangekommen?

Ahlers: Wir ahnen, wo sich das Gemälde befindet. Außerhalb der deutschen Grenzen.

In Osteuropa?

Ahlers: In der Schweiz - vielleicht in einem Banksafe unter der Zürcher Bahnhofstraße.

Wird man es von dort zurückholen können?

Ahlers: Wir hoffen das und haben auch schon Verhandlungsbereitschaft signalisiert.

Gibt es schon Zeitvorstellungen über eine mögliche Rückführung?

Ahlers: Dazu ist es noch zu früh.

Herr Ahlers, dem Katalog zur Wanderausstellung mit den Werken Ihrer Sammlung haben Sie ein Wort des kunstsinnigen Milliardärs J. Paul Getty vorangestellt: "Schöne Kunst ist das schönste Investment." Hat nach dem jahrelangen Vergnügen jetzt auch der Preis gestimmt?

Ahlers: Ja, ich bin sehr zufrieden. Über die Höhe des Preises haben wir gemeinsam Stillschweigen vereinbart.

Warum sind Sie nicht den klassischen Weg gegangen, Ihre Sammlung von einem großen Auktionshaus versteigern zu lassen? Sie selbst haben doch immer wieder aus dieser Quelle geschöpft?

Ahlers: Wir haben sicherlich einen besseren Gesamtpreis bekommen, als wir ihn auf einer Auktion hätten erzielen können. Außerdem wollte ich die Publizität einer öffentlichen Auktion vermeiden. Schon die mögliche Kränkung, dass einige Werke zurückgegangen wären, wollte ich mir ersparen.

Graf Douglas, Sie und Ihr Partner David Nash sind jetzt reich an Kunst. Hatten Sie beide 100 Millionen Mark auf dem Sparbuch?

Douglas: Über den Preis ist ja Vertraulichkeit vereinbart. Aber eine Bank hat uns bei der Finanzierung geholfen. Dabei kam uns zugute, dass die Sammlung Ahlers einen hervorragenden Ruf besitzt und durch Ausstellungen sehr bekannt ist. Außerdem wussten auch die Banker, dass es nicht mehr sehr viele Werke des Expressionismus im Handel gibt. Die meisten befinden sich bereits in Museen.

Haben deshalb die Preise in den vergangenen Jahren so stark angezogen?

Douglas: Die Preise für diese raren Bilder sind noch gar nicht ausgereizt. Ein gutes, frühes Beckmann-Bild kostet noch heute etwa ein Zehntel dessen, was man für ein Picasso-Gemälde aus derselben Zeit bezahlen muss. Ich halte Beckmann aber für ebenso gut wie Picasso.

Deutet Ihre Partnerschaft mit David Nash darauf hin, dass Sie sich das Feld aufteilen werden: Er kümmert sich um nordamerikanische Interessenten, Sie um die in Europa?

Douglas: Genau. Dazu kommt freilich, dass wir befreundet sind. Unsere bisherigen Geschäfte haben wir stets mit Handschlag besiegelt.

Graf Douglas, Sie erwarben en bloc und werden en detail verkaufen. Haben Sie schon Interessenten?

Douglas: Ja, mehr als wir uns erhoffen konnten. Für die Hauptwerke wie für die Grafik. Und jetzt ist es natürlich schwierig zu entscheiden, wen man zuerst anspricht. Ich denke, in zwei Jahren ist die Sammlung verkauft. Wir stehen nicht unter Zeitdruck.

Sind unter den Interessenten auch Museen?

Douglas: Ein Museum aus dem deutschsprachigen Raum. Leider sind die meisten Direktoren keine Jäger mehr, sondern sie warten, bis Ihnen etwas offeriert wird.

Wie schlägt man denn die aggressiven Akquisiteure der großen Auktionshäuser als Einzelkämpfer aus dem Feld?

Douglas: Indem man Diskretion walten lässt und den Verkäufer vor negativen Erfahrungen bewahrt. Die Auktionshäuser setzten das Limit gern gering an. Dann steht ein Bild, das 100000 Mark wert ist, mit 40000 im Katalog - nur damit der spätere Zuschlag bei 105000 Mark als Ergebnis eines sensationellen Bietgefechts verkauft werden kann. Aber eigentlich hat das Bild ja nur den Preis erzielt, den es wirklich wert ist. Außerdem gibt es für den Verkäufer noch ein Risiko: Bei einer Versteigerung können sich Ringe bilden - Bieter, meist Händler, sprechen sich ab und von mehreren Interessenten steigert nur einer. Plötzlich geht das 100000-Mark-Bild dann für nur 40000 weg.

Herr Ahlers, was bleibt jetzt von 35 Jahren Sammlertätigkeit außer dem Geld?

Ahlers: Erinnerungen - auch an wichtige Zeitgenossen der Künstler. Ich hatte noch das Glück, Beckmanns Frau Quappi kennenzulernen. 1958, acht Jahre nach dem Tod des Künstlers, habe ich sie in New York besucht. Das Atelier wirkte so, als hätte Beckmann gerade das Zimmer verlassen. Ich kam dann mehrmals zum Tee, und jedesmal zeigte mir Quappi andere Bilder. Und an einem Tag zog sie aus einer Schublade auch das Bild "Quappi in Blau im Boot" heraus, nahm das Werk schnell zurück und sagte: "Das ist noch nichts für Sie, dazu sind Sie noch zu jung." Ich war damals 22 und sie eine wunderbare Dame von 54.

Später konnten Sie dann gerade dieses Gemälde erwerben.

Ahlers: Eines Tages rief mich die Enkelin Mayen Beckmann an und offerierte mir das Bild aus dem Nachlass. Und da hab' ich am Telefon spontan zugegriffen.

Plötzlich galt das Prinzip der zögerlichen Prüfung also nicht mehr?

Ahlers: Ja, das war für mich seit 1958 ein Sehnsuchtsbild - außerdem stimmte natürlich der Preis. Das Bild war damals sehr günstig.

Wann war das?

Ahlers: Vor etwa zehn Jahren. Ich habe über 30 Jahre auf das Bild gewartet.

Welche Werke haben Sie nicht verkauft?

Ahlers: "Die Asiatin" von Jawlensky. Ein wichtiges Bild mit einer sentimentalen Geschichte. Dies Werk, das die Frau des Künstlers zeigt, habe ich direkt vom Sohn Andreas gekauft. Dabei machte er zur Bedingung, dass es bis zu seinem Tod im Tessin, in Locarno bleibe, wo er lebte. Das traf sich gut, denn meine Mutter wohnt auch im Tessin, einige Häuser weiter, und so konnte Andreas das Bildnis seiner Mutter immer besuchen. Er kam dann zu meiner Mutter zum Tee. Und wenn ich das verkauft hätte, wäre ich mir wie ein Schuft vorgekommen.

Stimmt es, dass Sie den Erlös jetzt wieder in Kunst investieren werden?

Ahlers: Zum Teil zumindest. Ich werde mich jetzt auf die zeitgenössische Kunst konzentrieren und auf Strömungen, die ich versäumt habe. Ich habe Schwitters versäumt, diesen Künstler habe ich unterschätzt, sogar abgelehnt und seine Werke für Klebebildchen gehalten. Genauso habe ich die Kunst von Dieter Roth versäumt.

Wie kamen Sie mit Dieter Roth in Verbindung?

Ahlers: Ganz persönlich. Dieter Roth war mit meinem Schwiegersohn befreundet. Roth war unter Sammlern ja als schwierig verschrien, aber wir hatten nie Probleme miteinander und wir fanden uns auch über unsere gemeinsame Liebe zu Heinrich Heine.

Und dann passierte noch etwas sehr seltsames: Eines Tages sagte er mir: Du bist doch Klamottenfabrikant, kannst du mir nicht ein paar Hemden und Hosen schicken? Die bekam er dann auch, und als er die bezahlen wollte, lehnte ich ab. Ich bat ihn allerdings, dass er mir später die abgetragenen Hemden mit ein paar persönlichen Zeichnungen darauf zurückschicken möge. Und so habe ich eine wunderbare Sammlung von drei Hemden mit Collagen von Dieter Roth. Unabhängig davon halte ich Dieter Roth für einen der wichtigsten Künstler seiner Generation. Das wird zwar noch 30 Jahre dauern, bis sich diese Wertschätzung durchgesetzt hat, aber sie wird kommen.

"Auf mein Sehnsuchtsbild, die "Quappi in Blau im Boot` von Beckmann, habe ich über 30 Jahre gewartet"

"Mein Buchhalter wollte kein Bild, der wollte 300 Nähmaschinen kaufen"

Bildunterschrift: Partner aus Diskretion: Sammler Jan A. Ahlers (rechts) und Händler Christoph Graf Douglas beim Interview in Herford / Max Beckmanns Gemälde "Quappi in Blau im Boot" (89,5 x 59 cm) von 1926/1950 / Ernst Ludwig Kirchner: "Mädchen mit Katze, Fränzi" (88,5 x 119 cm) von 1910 / GroßstadtKlassiker: Ernst Ludwig Kirchners Gemälde "Brandenburger Tor, Berlin" (50 x 70 cm) von 1915 hat Museumsqualität / Die Kunst des "Blauen Reiters": "Stier" (1913, 39 x 44 cm) von Franz Marc /