Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 128

Geisterjäger von Dessau

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KOMMENTAR

Angenommen, jemand käme auf die Idee, sich die Bezeichnung "Weimarer Klassik" schützen zu lassen. Dann könnte der Debüt-Band eines jungen Lyrikers, der laut Entscheidung einer hochkompetenten Jury "im Geist Goethes und Schillers" reimt, mit diesem Etikett erscheinen. Der Leser hätte sozusagen eine Marke gekauft; er wüsste, was er hat, noch bevor er das Buch überhaupt aufschlägt. Nach dieser merkwürdigen Logik funktioniert das neue Label "bauhausdessau". Dass sich findige Menschen mit fragwürdigen Methoden Rechte an Bauhaus-Klassikern sichern wollen, ist wenig originell - in der Geschichte dieser Möbel hat es etliche Prozesse gegeben. Dass jedoch neu entworfene Produkte unter dem Namen einer längst historisch gewordenen Schule vermarktet werden, ist ein verblüffender Schachzug. Die dahinter stehende Vorstellung hat etwas Rührendes: dass der "Geist des Bauhauses" vergeben werden kann wie der Freischwimmer oder die TÜV-Plakette. Der auf diese Weise sanft entmündigte Konsument schwelgt im total qualitätsbewussten, von der Jury abgestempelten Weniger-ist-mehr-Feeling.