Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 103

Eine Revolution von oben

Von Hans Pietsch

AUSSTELLUNGEN IM APRIL - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / LONDON: DER GENIUS VON ROM / Barocke Pracht in der Royal Academy of Arts: ein Wiedersehen der vier großen Maler, die um 1600 in Rom lebten und arbeiteten

Diese Kunst kann Tony Blair gefährlich werden. Als der britische Premier die Ausstellung "Der Genius von Rom" besuchte, wollte ihn ein Fotograf vor dem "Herkules am Scheideweg" von Annibale Carracci ablichten. Aber ein Staatschef am Scheideweg von Tugend und Laster? Blairs Berater verhinderten die Aufnahme. Auch Caravaggio war ihnen zu riskant: Mit dessen androgynem Jüngling sollte sich der Premier besser nicht blicken lassen.

Offensichtlich haben die Bilder des Barock auch nach vier Jahrhunderten noch eine enorme Sprengkraft. Besonders der Provokateur Caravaggio (1571 bis 1610) erregt mit seinen drastischen, auch vor blutigen Details nicht zurückschreckenden Darstellungen bis heute die Gemüter. In der Ausstellung ist zu verfolgen, wie der 21-Jährige mit seinem krassen Realismus die Malerei komplett umkrempelte, als er 1592 nach Rom kam. Die Stadt war damals wohl das lebendigste Kunstzentrum: Der Vatikan war reich und leitete durch lukrative Aufträge für Kirchen und Paläste den Barock ein - eine Epoche, in der das katholische Europa noch einmal ungeheure Pracht und Vielfalt entwickelte. Die Londoner Schau zeigt rund 145 Arbeiten, eine in dieser Fülle sonst nicht zu sehende Zusammenstellung. Ein Dutzend davon sind von Caravaggio. Erstaunlich, wie in jedem Raum, in dem ein Bild von ihm hängt, dieses mit seiner Mischung aus malerischer Feinheit und brutaler Offenheit das Auge magisch auf sich zieht.

In starkem Kontrast zu dem jungen Revoluzzer steht der überhöhte Stil seines Konkurrenten Annibale Carracci (1560 bis 1609) aus Bologna. Mit dem Flamen Peter Paul Rubens (1577 bis 1640) und dem Deutschen Adam Elsheimer (1578 bis 1610) führt die Kuratorin Beverly Louise Brown das große Quartett der Barockmaler in Rom um 1600 wieder zusammen. Die vier ragen heraus aus der Masse der hier präsentierten 50 Maler, deren Bilder die Wände der Royal Academy fast bis zur Decke füllen. Weniger wäre mehr gewesen: Bei so viel Kunst ist nicht alles von erster Qualität. Die thematische Gliederung der Schau ist überzeugend, bildeten sich doch Genreszene, Landschaft und Stillleben damals zu eigenständigen künstlerischen Genres heraus. Gleichzeitig wird die beginnende Trennung von weltlicher und religiöser Malerei schlüssig dokumentiert. Im letzten Raum beschwören 17 großformatige Altarstücke die Atmosphäre einer barocken Kirche herauf. Auch hier triumphiert wieder Caravaggio, diesmal mit seiner monumentalen "Grablegung" (etwa 1602 bis 1603). So nahe wie auf diesem Bild kommt einem der Tod in der Kunst nur selten.

Termin: bis 16. April, anschließend in Rom (Mai bis August). Katalog: 24,95 Pfund, auf deutsch im Buchhandel mit dem Titel "Die Geburt des Barock" (Belser Verlag, Stuttgart) bis 31. Juli 128 Mark, danach 168 Mark. Internet: www.royalacademy.org.uk

Bildunterschrift: Provokateur Caravaggio: "Die Falschspieler" (um 1595, 92 x 128 cm) /