Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 66-73
Girl Power
Von Christian Schaernack Thomas Hpker
Junge Malerinnen sind in New York die Stars der Saison. Sie erobern nicht nur die Galerien, sondern auch die Society. art traf die Künstlerinnen in ihren Ateliers / THOMAS HÖPKER (FOTOS)
Fotosession für ein deutsches Magazin? "Yeah - klingt nach Spaß!", so die einhellige Zusage von New Yorker Malerinnen wie Cecily Brown und Inka Essenhigh. Sie fühlen sich wohl vor der Kamera, sind publicityerprobt. Im Blitzlicht bewegen sie sich gekonnt und routiniert.
Seit Monaten kann die amerikanische Presse nicht genug bekommen von ihren "Glamour Girls" mit Pinsel und Palette. Längst haben "Vogue", "Vanity Fair", die auf Hochglanz polierte Wochenendausgabe der "New York Times" und "Harper's Bazaar" auf ihrer unermüdlichen Suche nach fotogenem Nachwuchs die Kunstszene wiederentdeckt und sich auf ein halbes Dutzend junger Künstlerinnen eingeschossen. Alle hübsch, alle um die dreißig: Cecily Brown & Company. Die Londoner Szene hat Damien Hirst und ihre "Y.B.A.'s" ("Young British Artists"), New York konterte mit den "B.Y.T's" - den "Beautiful Young Things".
Der Run auf die Girls begann 1999. Für das "New York Magazine" und den Starfotografen Timothy Greenfield-Sanders posierten Brown und Essenhigh mit ihren männlichen Malerkollegen Damian Loeb, 30, John Currin, 38, und Wayne Gonzales, 43. Erinnerungen an die New York School um Jackson Pollock und Willem de Kooning wurden wach - die Gruppenfotos der Abstrakten Expressionisten etablierten während der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts das klischeehafte Bild der Malerheroen in martialischer Pose.
Als "Gruppe" wollen sich die neuen New Yorker Nachwuchsstars allerdings nicht verstanden wissen: "Wir kennen uns und reden über unsere Arbeit", erzählt Inka Essenhigh. "Aber unsere Malerei ist so unterschiedlich, dass wohl das Einzige, was uns wirklich zusammenhält, dieser ganze Pressewirbel ist." Auch von einem "Boom" zeitgenössischer Malerei wollen sie nichts wissen - höchstens davon, dass es weltweit wohl nur ein Pflaster gebe, auf dem sich eine Künstlerin derart ungestört entfalten könnte: New York City.
Brown, deren Gemälde "Twenty Million Sweethearts" ("Zwanzigmillionen Schätzchen") von 1998/99 erst auf der letzen Herbstauktion von Sotheby's einen Spitzenpreis von 87 000 Dollar erzielte, und Essenhigh sind Zöglinge des Manhattaner Szene-Impresarios Jeffrey Deitch, 48. Der langjährige Hoflieferant des Londoner Großsammlers Charles Saatchi hatte 1997 auch Shahzia Sikander entdeckt und der damals 28-Jährigen in seinen Projekträumen zum Ausstellungsdebüt in SoHo verholfen. Doch auch die Konkurrenz bewies ein gutes Auge. So gilt bis heute die Gruppenschau "Another Girl, Another Planet" im März 1999 in der Galerie Lawrence Rubin - Greenberg Van Doren Fine Art als Meilenstein in New Yorks postfeministischen Kunstannalen. Bemerkenswert war nicht nur die Leistung der zwölf ausgestellten Nachwuchsfotografinnen, sondern auch die Avantgarde eines neuen Künstlerinnen-Typus unter den 500 Vernissage- Gästen: Die gestrenge Kunstschaffende hat abgedankt, angesagt sind gewagte Stöckelschuhe von Gucci und Prada.
Damals hatte James Reginato, leitender Redakteur beim Modemagazin "W", das Motto für den New Yorker Galerienrummel der späten Neunziger ausgegeben: "Glamour ist okay. Die Zeiten, in denen man sich für seine Kunst selbst zu opfern hat, sind vorbei." Passe scheint damit auch, was der in New York lebende Kunstkritiker Robert Hughes einst als "Feminist Identity Art" bezeichnet hatte: Die gequälten Frauenkörper der Bildhauerin Kiki Smith oder plakative Betroffenheitsrhetorik a la Barbara Kruger ("Die Welt ist klein - aber nicht wenn man sie putzen muss", heißt ein Werk von 1990).
"Feminismus ist kein Thema mehr", sagt Cecily Brown heute selbstbewusst. "Gleichberechtigung betrachte ich als etwas völlig Selbstverständliches." Und dennoch: Das Rendezvous mit den Blitzlichtern gestaltet sich nach wie vor als Spiel mit dem Feuer. "Männer können unverhohlen mit ihrer Sexualität spielen, ohne dass dies ihrer Karriere als Künstler schadet. Wir hingegen kommen da sofort in ein schiefes Licht", ärgert sich Cecily Brown. "Ich gehe schließlich auch gerne auf Partys und ziehe mir irgendwelche scharfen Klamotten an - na und?"
Doch beim Fototermin ist der kokette Augenaufschlag tabu, die Schultern bleiben meist verhüllt. Die Missverständnisse lauern im Detail - auch im emanzipierten New York. "Es wäre ja gelogen, zu sagen, dass einem der ganze Rummel nicht schmeichelt. Aber die Leute sollen sich gefälligst zuerst einmal unsere Arbeiten angucken", sagt Inka Essenhigh. "Es kann ja wohl nicht angehen, dass über uns nur wegen unseres Aussehens gesprochen wird." Künstler-Kollegin Lisa Yuskavage, 38, will sich gar nicht mehr fotografieren lassen. Auch Interviews mit der Presse gibt es derzeit nicht.
Schon einmal, während des Kunstmarkt-Booms der achtziger Jahre, hielten Glitzer und Glamour Einzug in die Malerateliers von New York. Damals freilich gaben die Männer auf den Seiten der Hochglanzmagazine den Ton an: Julian Schnabel, Jean-Michel Basqiuat und David Salle. Heute stehen die Zeichen auf Weiblichkeit und auf einen offensichtlichen Trend: Das Verschmelzen von Kunst, Mode und Entertainment. Das Guggenheim Museum zeigt "Giorgio Armani" und in Trend-Magazinen wie "Smock" oder "i-D" räkeln sich Künstler wie Supermodels.
"Let's Party like it's 1989?", fragte kürzlich das Insider-Blatt "Art & Auction" in einer Schlagzeile und zog besorgte Parallelen zum überhitzten Kunst-Boom der Achtziger. "Das mit dem Rummel ist ja alles schön und gut", erwidert Inka Essenhigh. Jeden Tag trottet die Künstlerin in ihr kleines Atelier in einem ehemaligen Schulgebäude an Manhattans Lower East Side. Es ist ein grauer Februarnachmittag - mal wieder ist die Heizung ausgefallen. "Aber letztlich ist das Bildermalen doch ein ganz schön einsames Geschäft."
KÖRPERMALERIN
Dass Cecily Browns Bilder etwas mit dem nackten menschlichen Körper zu tun haben, ahnt der Betrachter schon von weitem: Mit getupfter, gestrichener, gespachtelter und gekneteter Farbe erzeugt die Künstlerin eine pastose Oberfläche, die etwas Fleischliches hat. Wie drastisch sie den entblößten Körper zeigt, erschließt sich jedoch erst aus der Nähe: Aus den abstrakten Farbflächen kristallisieren sich stellenweise erotische Szenen heraus. "Sexualität ist reines körperliches Empfinden", sagt Brown: "Nichts anderes versuche ich in meinen Bildern zu zeigen." Über den Körper gelangt sie zu ihrem eigentlichen Thema: "Humanity" - dem Menschlichen.
Motive für Vorzeichnungen und Skizzen findet Cecily Brown fast ausschließlich in Porno-Magazinen. Den Verdacht, es handele sich bei ihren eigenen Werken um Pornografie, weist die Engländerin allerdings strikt zurück. Brown: "Ich benutze dieses Material, um den Körper zu studieren. Dabei interessiert mich der emotionale Gehalt dieser Vorlagen."
Die 31-Jährige zeigt sich begeistert von den Zeichnungen der Alten Meister, von Francisco de Goya und Giambattista Tiepolo. Als Tochter des angesehenen englischen Kunstkritikers David Sylvester fiel der Zugang zur Kunst leicht. Der Vater nahm Cecily mit in Ausstellungen von Willem de Kooning oder Francis Bacon. Die Bacon-Retrospektive 1985 in der Londoner Tate Gallery hinterließ einen bleibenden Eindruck: "Von da an wusste ich, dass ich Malerin werden wollte."
Cecily Brown kam 1994 aus dem Londonder Szeneviertel Brixton nach New York. Ein britischer Wettbewerb für Nachwuchskünstler machte es möglich - und ein Traum sollte wahr werden: "Der erste Preis waren 1000 Pfund. Wenn ich den gewonnen hätte, dann hätte ich erst einmal meine Schulden zurückzahlen müssen. Der zweite Preis war ein Ticket nach New York - viel besser!"
Galerie: Gagosian Gallery, 555 West 24th Street, New York 10011. Tel. + 1212/7411111, Di-Sa 10-18 Uhr
SCIENCE-FICTION-SURREALISTIN
Inka Essenhigh nahm die New Yorker Kunstwelt wie im Sturm. 1994 beendete die heute 31-Jährige an der School of Visual Arts in Manhattan ihr Studium der Malerei. Seitdem führte der Weg steil nach oben - zuletzt unter die Fittiche der Grande Dame des New Yorker Galeriebetriebes, Mary Boone.
Essenhigh kam aus der amerikanischen Provinz: "Was es in Ohio zu sehen gibt?", fragt die Künstlerin: "Nichts!" Oder doch? "Was mich wohl geprägt hat, sind diese anonymen Kleinstädte, die Schilder und Lichtreklamen, das ganze Plastikzeug." Aus ihren Gemälden scheint alles Natürliche verbannt. Amorphe Formen, die zwar menschliche Züge tragen, aber doch eher an Science-Fiction-Wesen aus fernen Galaxien erinnern, mutieren wie im schwerelosen Raum - in einem neonfarbenen Bildraum auf der flachen Leinwand. Manches erinnert an die entrückten Traumlandschaften des französich-amerikanischen Malers Yves Tanguy (1900 bis 1955). Statt "Surrealismus" hatte die amerikanische Kunstkritik für Essenhighs Gemälde derweil andere Vokabeln parat: "Menschliche Deformationen" oder "Cyber-Mutationen".
Dabei will die Künstlerin ihre Malerei nicht als abstrakt verstanden wissen: "Es geht mir schließlich immer um die Darstellung des menschlichen Körpers - allerdings in einer verfremdeten, künstlichen Form. Bei Beginn eines neuen Gemäldes kann ich nie absehen, welche Formen diese Gestalten auf meiner Leinwand tatsächlich einmal annehmen werden." Umso kontrollierter geht es bei Inka Essenhighs zweiter Passion zu: dem Zeichnen von Porträts - "fast nur von Männern", wie die Malerin zugibt. "Frauen sehen mir meistens zu langweilig aus."
Doch egal, ob Porträts oder Comic-Welten - anregen lässt sich die Künstlerin von Leonardo da Vinci: "An seinen Anatomischen Studien kann ich mich nicht satt sehen!"
Galerie: Victoria Miro Gallery, 16 Wharf Road, London N1 7RW. Tel. + 4420/73368109, Di-Sa 10-18 Uhr, Internet: www.victiria-miro.com
DIE ABSTRAKTE
"Es ist jedes Mal so, als ob ich in meinen Elfenbeinturm steige", erzählt Elliott Puckette. Gemeint ist das luftige Studio im siebten Stock eines ehemaligen Lagerhauses im Stadtteil Brooklyn - direkt am East River, an den gewaltigen Pfeilern der Manhattan Bridge. Für das brachliegende Industrie-Quartier, wo sich inzwischen zahlreiche Künstlerateliers befinden, haben die New Yorker längst eine Abkürzung : "DUMBO" - "Down Under Manhattan Bridge Overdrive".
Puckette wirkt wie ein Fremdkörper auf den Straßen des rauhen Kiezes. Fast elfenhaft - blond, mit zarten Gliedern und weißem Teint - erscheint die Malerin in der dröhnenden Betonlandschaft. Eine Highway-Auffahrt zur Hängebrücke vibriert im Takt der Rush-Hour.
Die Arbeiten der 33-Jährigen strahlen Ruhe und Kontemplation aus. Als Bildträger dienen massive und meist oval geschnittene Holzpaneele, auf die dünne Schichten farbiger Tintenlösung aufgetragen werden. So verläuft der Hintergrund zu sphärischen Schleiern. Anschlie-ßend zückt Puckette die Rasierklinge: "Es geht mir dabei nicht darum, die Oberfläche gewaltsam zu verletzen. Ich gehe ganz behutsam vor", erklärt die Malerin. Die Farbe wird eingeritzt und es entstehen abstrakt-organische Muster: wie Spuren von Schlittschuhen auf dünnem Eis. "Obwohl die Linienführung so spontan aussieht, brauche ich für diese Zeichnungen oft Wochen oder gar Monate. Ich arbeite langsam und kontrolliert. Das ist wie eine Form der Meditation."
An den weißen Studiowänden hängen zahllose Fotografien von Gräsern und Halmen. Mitten im Großstadtmoloch beschäftigt sich die Künstlerin mit organischen Formen und Pflanzenmotiven. "Der Spektakel da draußen auf der Brücke ist mir vollkommen egal", sagt Elliott Puckette. "Ich mache einfach die Tür zu - und hab' Ruhe."
Galerie: Paul Kasmin Gallery, 293 Tenth Avenue (27th Street), New York 10001. Tel. + 1212/125634474, Fax + 1212/5634494
IDENTITÄTSSUCHERIN
Das Studio von Shahzia Sikander: ein unendlicher Bilderwald - der Boden übersät mit bemalten Schnittmustern auf dünnem Pergamentpapier, an den Wänden Zeichnungen, gegenüber der Eingangstür ein riesiges Gemälde. So komplex das Werk der 31-Jährigen auch ist - in der Bilderwelt der aus Pakistan stammenden Malerin dreht sich alles um eins: kulturelle Grenzen. Das Spiel mit übernommenen Formen wird zur Metapher für die Findung der eigenen Identität in einer fremden Gesellschaft.
Die Künstlerin aus Lahore kam 1998 nach einem Studienaufenthalt im texanischen Houston in die Metropole. Eine Ausbildung in fernöstlicher Miniaturmalerei hatte sie da bereits hinter sich. Die Werke stecken denn auch voller Reminiszenzen: verschleierte Frauenfiguren, seidige Trachten.
Daneben setzt sie amerikanische Symbole, etwa einen roten Cowboystiefel. Ähnlich wie die in New York lebende iranische Video-Künstlerin Shirin Neshat, 43, lässt die Künstlerin westliche und östliche Ästhetik aufeinanderprallen. Symbol ihrer Kunst ist "Chillava", ein geflügeltes Fabelwesen. Sikander: "Es hat viele Identitäten und steht für die Fragen, die mich beschäftigen. Bin ich nun Muslimin, Pakistani, asiatisch-amerikanisch oder was genau?"
Galerie: Deitch Projects, 76 Grand Street, New York 10013. Tel. + 1212/3437300, Fax + 1212/3432954
HUNDE- UND KATZENFREUNDIN
"Solange ich denken kann, hantiere ich mit Farben und Pinseln herum", erinnert sich Ellen Berkenblit. "Ich kann meine Finger einfach nicht davon lassen." Bei ihren Motiven springt die Künstlerin mühelos zwischen einer abstrakten Ölmalerei mit kräftig aufgetragenen Primärfarben und einer idyllischen Figurenwelt, bewohnt von drolligen Katzen, Hunden und Schmetterlingen: "Ich zeichne diese Tiere seit meiner frühesten Kindheit. Und wenn ich ehrlich bin, hat sich an deren Aussehen auch nicht sehr viel geändert", erzählt die 32-Jährige - Freunde fürs Leben also. Und anhaltender Kindheitstraum zugleich.
So zählt auch ein wohlgeformtes Mädchen mit Stupsnase zur Stammbesetzung, mal mit kokettem Hüftschwung, mal als melancholisch dreinblickendes Aschenputtel. In gewisser Weise seien das auch Selbstporträts: "Genauso wie im alltäglichen Leben suche ich in meinen Bildern nach einer Art perfektem Gleichgewicht, nach meinem ganz persönlichen Arkadien." Berkenblits Comic-Welt der Tiere und Mädchenträume kommt ganz ohne Sprechblasen aus.
Die Malerin lebt zurückgezogen. Das kleine Apartment an der New Yorker Lower East Side ist Wohnraum und Atelier zugleich. "Ich kann gar nicht daran denken, mir ein eigenes Studio zu leisten", erzählt Ellen Berkenblit, die sich wie viele Künstlerkollegen im teuren Manhattan nur mit einem Zweit-Job über Wasser halten kann. Berkenblit näht - und zwar Dessous. Ihr großer Arbeitstisch ist übersät mit rosaroter Reizwäsche, Nylon und Seide stehen zu Ballen gerollt neben unbemalten Leinwänden in einer Zimmerecke. Die New Yorkerin hat ihre Klientel und fertigt nur nach eigenen Entwürfen: "Die perfekte Abwechslung zum Malen!"
Galerie: Anton Kern Gallery, 558 Broadway, New York 10012. Tel. + 1212/9651706
"Das mit dem Rummel ist ja alles schön und gut. Aber letztlich ist das Malen doch ein ganz schön einsames Geschäft." - Inka Essenhigh
Bildunterschrift: Ellen Berkenblit malt ihre farbkräftigen Abstraktionen in einem kleinen Apartment an der Lower East Side. Das zwingt die Künstlerin zu handlichen Formaten / Umgeben von seltsamen Wesen: Inka Essenhigh arbeitet in einem Studio an der Lower East Side an ihren fantastischen Comic-Welten / Große Gesten: Cecily Brown in ihrem Atelier an der West 14th Street. Ihre teils großformatigen Leinwände sprühen vor expressiver Energie - das Material holt sie aus Porno-Magazinen / Gute Aussichten: Elliott Puckette arbeitet im Schatten der mächtigen Manhattan Bridge. Ihre Bilder überzieht sie mit kalligrafischen Ornamenten / Hintersinnig: Shahzia Sikander spielt mit Figur und Abbild. Die aus Pakistan stammende Künstlerin beschäftigt sich mit wechselnden Identitäten /
