Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 102
Kein Durchkommen im Dickicht der Städte
Von Hans Pietsch
AUSSTELLUNGEN IM APRIL - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / LONDON: CENTURY CITY / art-Korrespondent , 56, über die erste Wechselausstellung der Tate Modern zu neun Kulturmetropolen
Ein Spaziergang durch neun Metropolen, auf der Suche nach kulturellen Energien, die im 20. Jahrhundert zu künstlerischen Explosionen führten - der Gang durch diese Ausstellung führt im Zeitraffer einmal um die Welt. Die Idee von "Century City": Es gibt keine global gültige Epochenrechnung; jede Stadt hat ihre eigene Glanzzeit. Die Kunst erscheint nicht isoliert, sondern im kulturellen Umfeld.
Das funktioniert bei einem im Westen wohlbekannten Schauplatz wie dem Wien der Jahre 1908 bis 1918 noch am besten. Die im Sterben liegende Habsburger Monarchie als schlechter Traum - Dr. Freuds Psycho-Couch in einem Raum zusammen mit den ausgemergelten Figuren von Egon Schiele und Oskar Kokoschka. Auch in der Abteilung zu Paris (1905 bis 1915) erklärt sich, wie eine großstädtische, weltoffene Haltung der Kunst neue Impulse zu geben vermochte: Die Kubisten traten mit ihrer intensiven Farbigkeit auf die Bühne, exemplarisch zu sehen in Robert Delaunays Panoramabild "Die Stadt Paris" (1910/12).
Warum aber muss dann Moskau allein die zwanziger Jahre vertreten - wo liegt Berlin auf dieser Landkarte der starken Städte? Schließlich ist die Wirkungsstätte von Otto Dix und George Grosz zum Sinnbild für Urbanität geworden. Statt dessen wird diese Epoche reduziert auf die tragische sowjetische Entwicklung (1916 bis 1930), die von Kasimir Malewitschs Abstraktionsexperimenten zu dem von Stalin verordneten Sozialistischen Realismus führte. Da fühlt sich der Spaziergänger vom vielköpfigen Kuratorenteam gegängelt. Andererseits wird der europäische Besucher aber gerade da im Stich gelassen, wo er einen Fremdenführer benötigt hätte. Zum Beispiel im Lagos nach dem Beginn der Unabhängigkeit Nigerias (1955 bis 1970), präsentiert von Documenta-Chef Okwui Enwezor. Um diese komplexe Kultur zu vermitteln, wäre mehr nötig gewesen, als ein paar an die Wand gepinnte Familienfotos ohne Erklärung. Dazwischen hängt ein bisschen Kunst, zum Dekor erniedrigt. Ebenso ergeht es den Künstlern aus Rio de Janeiro (von 1950 bis 1964): Ihre Arbeiten werden auf Illustrationen des Bossa-Nova-Lebensgefühls reduziert.
Spätestens hier scheitert der interdisziplinäre Anspruch der Ausstellung: Kunst und Alltagskultur erklären einander nicht, sondern nehmen sich die Kraft. Die Zeitgeistdoktrin verstellt den Blick auf die Bilder. In der Sektion Bombay (1992 bis 2001) wird schließlich kaum noch die Kunst, sondern vorrangig die Filmindustrie gefeiert.
In Tokio (1967 bis 1973) und New York (1969 bis 1974) langweilen die Kuratoren mit politischer Korrektheit. Die kulturelle Strahlkraft der japanischen Studentenrevolte ist nun wirklich begrenzt. Daran ändert nicht einmal der augenzwinkernde Charme von Yoko Onos Werken etwas. Und in New York dürfen weder Abstrakter Expressionismus noch Pop Art die Stadt als Kunstmetropole vertreten. Nein: Die politische Kunst nach 1968 soll das tun.
Ärgern muss sich der Besucher auch in der letzten Abteilung der Schau. Die Londoner Kunst zwischen 1990 und 2001, der unaufhaltsame Aufstieg der Brit Art, wird anhand einiger Randfiguren aufgerollt. Die wenigen Stars werden schon wie Legenden zelebriert: Tracey Emin und Sarah Lucas dürfen sich auf Video an ihre bettelarme Anfangszeit erinnern. Es wird einfach vorausgesetzt, dass diese Kunst von Dauer sein wird.
Solche Beliebigkeit ist das Kernproblem dieser Schau. Alles wird gleichwertig - Oskar Kokoschka und Sarah Lucas, der Konstruktivismus in Moskau und das Filmplakat in Bombay. Die Wunderkammer ersetzt das historische Denken. Und der Spaziergänger bekommt keine Chance zu verstehen, was er sieht.
Termin: bis 29. April. Katalog: 29,99 Pfund. Internet: www.tate.org.uk/modern
Bildunterschrift: Impulse der Großstadt: Robert Delaunays "Die Stadt Paris" (1910 bis 1912, 267 x 406 cm) / Alltagskultur neben großer Kunst: ein Plattencover mit den "Top Hits" aus Nigeria /
