Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 104

Ein Blick auf die Schattenseite der Kunst

Von Joachim Hauschild

AUSSTELLUNGEN IM APRIL - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / MÜNCHEN: SCHATTENRISSE / Der Kunstbau des Lenbachhauses zeigt einen Abriss der Geschichte des Scherenschnittes von Johann Caspar Lavater über Henri Matisse bis Christian Boltanski

Ho ho, sni sni, bah bah": Das stammt nicht etwa aus einem dadaistischen Lautgedicht von Kurt Schwitters, sondern ist auf einer winzigen Notiz zu lesen, die Georg Christoph Lichtenberg 1775 verfasste. Neben die hämischen Silben sind in Strichmännchenmanier Gesichter gemalt. Das Blatt ist wie Lichtenbergs 1783 erschienene Schrift "Fragment von Schwänzen" eine beißende Satire auf die "Physiognomischen Fragmente" (1775) des Zürcher Pfarrers Johann Caspar Lavater. Lavater sah in der schwarzen Binnenform des Schattenrisses "das wahreste und getreueste Bild, das man von einem Menschen geben kann".

Doch der Schattenriss hat nichts Altväterliches, wie die von Marion Ackermann organisierte und locker arrangierte Ausstellung im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses zeigt. Auch zeitgenössische Künstler arbeiten damit, wobei sie stärker als die Alten das Dunkle, Bedrängende thematisieren, das zum Wesen des Schattens gehört.

Enzyklopädische Vollständigkeit war nicht angestrebt, und so bewegt sich der Besucher zwischen den Vitrinen und sparsam verteilten Stellwänden zunächst einmal eher unbefangen und staunend; hin und her gerissen zwischen winzig kleinen Stücken und überraschend großen, zwischen Amüsement und Verwunderung.

Da ist die lebensgroße, getuschte Silhouette, die Johann Wolfgang Goethe um 1783 von dem jungen Freiherrn von Stein anfertigte, der aus seinen Fingern schattenspielend einen Hasen formt; da sind zwei Weißschnitte des Kindes Pablo Picasso (um 1890), wunderbare "Cutouts" von Henri Matisse und die Weißschnitte von Philipp Otto Runge, dessen Pflanzendarstellungen besonders anrühren. Filigran auch die Risse, die der heute vergessene Jean Huber (1721 bis 1786) von dem Aufklärer Voltaire verfertigte, gelegentlich auch in karikierender Übertreibung.

Genauso zart schneidet ein junger Künstler wie der Brite Simon Periton. Doch da ist es schon, das Bedrückende, denn wenn Periton zwei Lungenflügel zeigt, die er "Atemlos" nennt, wirkt das verstörend. Christian Boltanski gar führt mit minimalen Mitteln ein Schattenspieltheater auf, in dem die tanzenden Figürchen zu großen, bedrohlichen Gespenstern werden. Das Filmprogramm wiederum führt Heiteres und Dunkles zusammen: mit Ausschnitten aus Lotte Reinigers Schattenspielfilm "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" und Arthur Robisons "Schatten" (beide von 1923).

Termin: bis 6. Mai. Katalog: Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 323 Seiten, 68 Mark (im Buchhandel 98 Mark). Internet: www.lenbachhaus.de

Bildunterschrift: Henri Matisse: "Weiße Alge auf rotem und grünem Grund", 1947 / Adolph Menzel: "Brustbild eines Mädchens", vor 1845 /