Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 95
Zu Gast bei einem Unbehausten
Von Ralf Schlter
AUSSTELLUNGEN IM APRIL - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / HANNOVER: STEPHAN HUBER / Im Kunstverein Hannover baut der Münchner Installationskünstler eine imaginäre Wohnung - eine Retrospektive der besonderen Art
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr" - die berühmte Rilke-Zeile könnte als Motto über dem Werk Stephan Hubers stehen. Seine großen, manchmal riesenhaften Installationen zeigen Zustände des Unbehaustseins: Bei "Arbeiten im Reichtum, 10" von 1984/95 wartet die mit einem Kronleuchter beladene Schubkarre nur auf jemanden, der sie weiterschiebt; die "Melancholische Skulptur" von 1984 besteht aus zwei riesigen Hüten, die auf scheinbar hastig abgestellten Koffern und Werkzeugkästen liegen; bei der "Rotwand: Diaphan" von 1996 hängt der Parkettboden an der Decke - die häusliche Ordnung steht auf dem Kopf.
Der 49-jährige Münchner Künstler, der gerne seine starke Bindung an die bayerische Heimat betont, hat nichts gegen zugige Treppenhäuser und anonyme Zweckbauten. Im Gegenteil: Diese Nicht-Orte scheinen der ideale Raum seiner Kunst zu sein. Skelette erinnerten im Mittelalter an den Tod, die Berggipfel begründeten einst den Mythos Bayerns - und wer trägt eigentlich heute noch Hut? Huber wurde damit bekannt, dass er alte, als überkommen geltende Symbole auf der Bühne der modernen Leere präsentierte: das Abendland im Transit.
Jetzt scheint es, als wolle gerade dieser Künstler sesshaft werden: Stephan Huber baut sich nun doch noch ein Haus. Im Kunstverein Hannover ist die Groß-Installation "7,5 Zi.-Whg f. Künstler, 49 J." zu sehen. Hubers bisher größte Ausstellung ist eine Retrospektive der besonderen Art: Bereits bekannte Werke werden zusammen mit neuen integriert in eine Gesamtinstallation, die der Idee einer Wohnung folgt.
Der geplante Rundgang beginnt mit dem Elternhaus des Künstlers. Der Betrachter sieht es auf Farbfotos als Modell in einer Eiswüste. Weiter geht es durch ein Zimmer, in dessen Wände verschieden große Türen eingesetzt sind, in einer Passage sieht er ein künstlich pumpendes Herz, in einem Oberlichtsaal die Gipsmodelle von Berggipfeln. Der Besucher wird durch ein Labyrinth aus großformatigen Landkarten geführt - erneut ein Verweis auf das Reisemotiv. Folgen soll schließlich ein Raum, in dem "Ich liebe dich" von 1983 neu inszeniert wird - und am Schluss eine Tür. Dahinter erwartet den Besucher eine flammende Überraschung.
Vertrauen einflößend ist das alles nicht. Es sieht so aus, als werde in Hubers Wohnwelt keine rechte Behaglichkeit aufkommen. Der Künstler ist auch dann auf dem Sprung, wenn er Zimmer einrichtet.
Termin: 31. März bis 3. Juni. Katalog: Textband 64 Seiten. Bildband 48 Seiten. Internet: kunstverein-hannover. kulturserver.de
Bildunterschrift: Aufbauarbeiten: Der Künstler legt Hand an /
