Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 96-97

Die Kunst des richtigen Moments

Von Kerstin Schweighfer

AUSSTELLUNGEN IM APRIL - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / AMSTERDAM: SAMMLUNG HEITING / Im Rijksmuseum dokumentieren 85 Stillleben und Porträts die Entwicklung der Fotografie

Von Man Ray bis Robert Mapplethorpe, von Julia Margaret Cameron bis William Henry Fox Talbot - alle großen Namen sind vertreten in der Fotosammlung von Manfred Heiting. Sie gilt als eine der besten Privatsammlungen der Welt. Davon profitiert auch das Amsterdamer Rijksmuseum: Dessen Kustodin Mattie Boom hat die Erfahrung gemacht, dass sich Heiting "bei Leihgaben immer sehr großzügig zeigt". Lange brauchte sie den deutschen Sammler und Publizisten denn auch nicht zu überreden, sich vorübergehend von 85 herausragenden Werken zu trennen, allesamt Porträts und Stillleben: "Als klassisches Museum wollten wir uns auf zwei klassische Genres beschränken."

Die Ausstellung soll anschaulich machen, wie sich die Fotografie zu einer eigenständigen Kunstgattung entwickelte. Lange Zeit hatte sie sich an der Malerei messen lassen müssen. Deren jahrhundertealte Regeln galten: Ein Porträt etwa hatte ein repräsentatives Charakterbild zu sein, für das zahlreiche Vorstudien nötig waren. Unmöglich für die Fotografen - sie mussten sich eine eigene Bildsprache erkämpfen, in der Umgebung, Hintergrund und Beleuchtung ebenso wichtig waren wie der Gesichtsausdruck. Die Aufnahmen etwa, die Heinrich Kühn 1901 von seinem Kindermädchen Mary Warner machte, sind weniger Bildnisse als stimmungsvolle Hell-Dunkel-Kompositionen.

Den Durchbruch brachte 1925 die Erfindung der Leica-Kleinbildkamera. Erstmals seit den Anfängen der Fotografie 1839 ermöglichte sie ein spontanes Arbeiten ohne langwierige technische Vorbereitungen. Der Titel eines Buches, das der französische Fotograf Henri Cartier-Bresson 1952 veröffentlichte, wurde zum Schlüsselbegriff: "The Decisive Moment" - der entscheidende Moment. Die Möglichkeit, flüchtige Augenblicke festzuhalten, zeichnete das neue Medium vor dem älteren aus.

Auch die Fotografen von Stillleben übernahmen zunächst traditionelle Elemente aus der Malerei: Adolphe Brauns "Jagdstillleben" von 1865 etwa erscheint wie die Kopie eines 200 Jahre älteren Gemäldes von Willem van Aelst. Im Laufe des 20. Jahrhunderts jedoch wurden Reklame- und Modebranche für die Fotografen ein neuer, wichtiger Auftraggeber, und seitdem haben sich nicht nur die Formate geändert, sondern auch die Bildinhalte: Statt Früchten, Blumen oder Muscheln sind nun Autos, Staubsauger oder kunstvoll arrangierte Hüte zu sehen. Seit den siebziger Jahren bläht Irving Penn selbst unbedeutende Gegenstände wie Zigarettenkippen zu großformatigen Fotostillleben auf. Und inzwischen ist das Selbstvertrauen der Fotokünstler so gestiegen, dass sie wieder ganz bewusst auf traditionelle Elemente aus der Malerei zurückgreifen - allerdings nur noch, um mit ihnen zu spielen: Calum Colvin etwa versieht seine Fotostillleben demonstrativ mit Gemälderahmen.

Termin: 7. April bis 24. Juni. Katalog: 128 Seiten, 69,50 Gulden. Internet: www.rijksmuseum.nl/uk/index.htm

Bildunterschrift: Hell-Dunkel-Kompositionen: das Stillleben "Mondrians Pfeife und Brillen" (1926) von Andre Kertesz und "Dame im Biedermeierkostüm (Mary Warner)" (1901) von Heinrich Kühn / Über das Bildnis entscheidet der Fotograf, nicht die Porträtierte: "Lottes Auge" (1928) von Max Burchartz (1887 bis 1961) / Alles wird zum Stillleben: "Schaufensterpuppen", aufgenommen um 1930 von dem Fotokünstler Werner Rohde /