Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 125
Tausche Kunst gegen Absolution
Von
Sammler: Museumspläne von Friedrich-Christian Flick in Zürich unter Beschuss
Die Sammlung gibt sich rebellisch: Arbeiten des Spießerschrecks Martin Kippenberger, ganze Werkgruppen des einst mit Schimmel berühmt gewordenen Fluxus-Künstlers Dieter Roth und Objekte aus den Disneyland-Alpträumen des kalifornischen Brachial-Performers Paul McCarthy gehören dazu. Und ausgerechnet diese Kollektion künstlerischer Attentate wider den bürgerlichen Geschmack soll einen Namen salonfähig machen, der mit Zwangsarbeit, Waffenindustrie und der Ausplünderung besetzter Gebiete untrennbar verbunden ist? Friedrich-Christian Flick, deutscher Milliardär mit Wohnsitz in der Schweiz, glaubt an das gesellschaftliche Prestige zeitgenössischer Kunst: Er will in Zürich ein Museum für seine "Flick Collection" bauen lassen und sei, so zitierte ihn jüngst die Süddeutsche Zeitung, davon "überzeugt, dass mit dieser kulturellen Leistung der Name Flick auf eine neue und dauerhaft positive Ebene gestellt" würde.
Doch in Zürich regt sich Widerstand. Das Direktorium des Schauspielhauses, Christoph Marthaler, Stefanie Carp und Anna Viebrock, warnt vor einer kulturellen Nebelbombe: "Wir können den Gedanken nicht verdrängen, dass die Exponate dieser Sammlung mit Kriegsverbrecher-Geld und enteignetem, arisiertem jüdischem Vermögen bezahlt wurden."
Friedrich-Christian Flick ist der Enkel von Friedrich Flick (1883 bis 1972), dem Begründer der Dynastie. Der Rüstungslieferant Adolf Hitlers beutete in seinen Waffenschmieden Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge aus. 1947 wurde er bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen zu sieben Jahren Haft verurteilt, doch bereits 1950 wieder entlassen. Der Flick-Konzern war 1985 für rund sechs Milliarden Mark an die Deutsche Bank verkauft worden. Bis heute weigert sich die Flick-Dynastie, sich an der Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter zu beteiligen.
Enkel Friedrich-Christian Flick gilt als Schöngeist. Mitte der siebziger Jahre begann er, Kunst zu kaufen. Zunächst Bauhaus-Fotografie, später unter anderem Arbeiten von Gerhard Richter, Sigmar Polke und Georg Baselitz. Anfang der neunziger Jahre begegnete Flick dem Schweizer Galeristen Iwan Wirth. Seitdem zählen die Stars der Zürcher Galerie Hauser & Wirth & Presenhuber zu den Lieblingen des Sammlers - und der Großeinkäufer darf sich der Zuneigung der Händler inklusive ihres New Yorker Partners David Zwirner sicher sein.
Im Januar bestätigte eine lapidare Pressemitteilung, was als Gerücht bereits in der Kunstszene kursierte: Flick wünscht den Bau eines Privatmuseums in Zürich und hat den holländischen Star-Architekten Rem Koolhaas mit der Planung beauftragt. 2004 soll Eröffnung sein. Das ehemalige Modellmagazin der Sulzer-Escher Wyss AG gehört Flick bereits, im Januar zog das gut zehnköpfige Museumsteam ein.
Diskret hatte Flick bereits 1998 in Dresden angefragt, ob der Freistaat Sachsen ihm ein Museum baue, wenn er die Sammlung stelle. Doch Sachsen, so Reiner Zimmermann, Leiter der Abteilung Kunst im Ministerium für Wissenschaft und Kunst, habe abgelehnt.
Im Sommer kommenden Jahres soll der Schleier über der Sammlung gelüftet werden - mit einer Präsentation im Münchner Haus der Kunst. Dessen Direktor Christoph Vitali setzt auf das Geschichtsbewusstsein des "netten, weltoffenen, liberalen" Friedrich-Christian Flick: "Ich glaube schon, dass Flick, der ja erst 1945 geboren wurde, mit seinem Museum ein bisschen Wiedergutmachung leisten will. Und ich halte dies für einen sinnvollen Weg, sich von einer historischen Schuld zu befreien. Wenn es um die Entschädigung der Zwangsarbeiter geht, steht der Vater Friedrich Karl Flick in der Verantwortung."
Bildunterschrift: Aus der Sammlung Flick: "Bär und Kaninchen" von Paul McCarthy, 1991, 269 x 188 x 127 cm / Der Sammler und seine bevorzugten Galeristen auf der Kunstmesse "Art" in Basel (oben, von rechts): Friedrich-Christian Flick, David Zwirner und Iwan Wirth. Großvater Friedrich Flick (links) bei der Eröffnung des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses /
