Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 101

Papier speichert die Vergangenheit

Von Petra Bosetti

AUSSTELLUNGEN IM APRIL - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / ERFURT: ANDREAS VON WEIZSÄCKER "OMERTA" / Der in München lebende Künstler, 44, holt Denkmäler vom Sockel und macht die Abwesenheit von Dingen zum Thema - eine Ausstellung in der Kunsthalle

Einen Monat lang werden Passanten in Erfurts Straßen auf merkwürdige Objekte stoßen - Koffer, Taschen, Rucksäcke aus schwerem Eisenguss. Der in München lebende Künstler Andreas von Weizsäcker (art 3/1997) will damit die Aufbruchstimmung in Thüringens Landeshauptstadt symbolisch darstellen. "Auch die Menschen sind noch auf dem Weg - an irgendeinem Punkt ihrer DDR-Biografie abgereist, doch noch nicht wirklich angekommen in den neuen Verhältnissen", erläutert Kai Uwe Schierz, Kurator von Weizsäckers Einzelausstellung "Omerta". Den Titel, der das Gesetz des Schweigens in Mafia-Kreisen meint, bezieht er "auf die öffentliche Kultur des Schweigens und Verschweigens" in Deutschland.

Weizsäckers Lieblingsmaterial ist Papier. Damit sichert er Spuren der Vergangenheit; er fertigte zum Beispiel Frottagen von Botschaften, die russische Zwangsarbeiter in Wolfsburger Bäume geritzt hatten. Ein Machtsymbol wie das Reiterstandbild des mecklenburgischen Großherzogs Friedrich Franz II. formte er mit Zellstoff nach ("Läufer schlägt Springer", 1993). Vom Herrscherbild bleiben nur Stiefel sowie Beine und Schweif des Pferdes, der Machtanspruch ist verwirkt. In dem Ensemble "Spielhölle" (1999) aus mit Leim gehärteten Leinen verweisen weiße Möbelüberwürfe nicht nur auf die fehlenden Tische und Stühle, ein Abdruck in der Sitzfläche des Sessels etwa steht auch für den abwesenden Menschen.

Termin: bis 29. April. Katalog: 136 Seiten, 35 Mark. Internet: www.kunsthalle-erfurt.de

Bildunterschrift: Teil der Installation "Spielhölle" (1999) aus leimgehärtetem Leinen / Installation "Läufer schlägt Springer" (1993) /