Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 98-99
Lieber Grashalme als Götter
Von Jeanette Zwingenberger
AUSSTELLUNGEN IM APRIL - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / PARIS/SAARBRÜCKEN: LANDSCHAFTSMALEREI / Der Grand Palais und das Saarland Museum zeigen, wie sich die Landschaftsmalerei in Italien und Frankreich zwischen 1780 und 1886 entwickelte
Amüsiert berichtet der Dresdner Maler Ludwig Richter (1803 bis 1884) in seinen Lebenserinnerungen von einer internationalen Künstlergruppe, die sich Mitte der zwanziger Jahre im Garten von Tivoli bei Rom an die Erforschung der Natur machte: "Die Franzosen jagten den vergänglichen Luft- und Lichteffekten nach, während die deutschen Landsleute sich in jeden Grashalm und zierlichen Zweig verliebten und mit einem harten, spitzen Bleistift die Umrisse bis ins feinste Detail wiedergaben." Künstler aus den nördlicheren Regionen Europas zog es hinaus aus ihren Akademien, nach Italien, in das klassische Land des Humanismus. Doch sie interessierten sich weniger für die Ruinen der Antike als für Natur unter südlicher Sonne.
Die Ausstellung im Pariser Grand Palais skizziert mit 190 Werken die Ursprünge der Freilichtmalerei ab 1780 in Rom und Neapel. Wie sich das Genre in Frankreich zwischen 1830 und 1886 weiterentwickelte, ist im Saarland Museum an 50 Ölbildern und 20 Fotografien nachzuvollziehen.
Der Aufbruch in die Natur im späten 18. Jahrhundert bedeutet einen Bruch mit der alten Vorstellung vom Landschaftsbild. Seit der Renaissance träumten die Künstler von Arkadien: der idealen, von den Göttern der Mythologie bevölkerten Landschaft. Die neue Künstlergeneration - Alexander Cozens, Camille Corot oder Leo von Klenze - malte dagegen üppige Gartenlandschaften, Zypressen, Zitronen- und Olivenhaine. "Wolken, Sonne und Regen", lehrt der französische Maler und Theoretiker Pierre-Henry de Valenciennes (1750 bis 1819), seien nunmehr die Hauptfiguren. Die Begeisterung der Zeit für physikalische Phänomene schlägt sich in der Kunst nieder.
Im Laufe des 19. Jahrhunderts gewinnt das Landschaftsbild immer mehr an Bedeutung. Im aufkommenden Industriezeitalter wächst die Sehnsucht nach unberührter Natur und einfachem Leben. Wie in der Saarbrücker Schau zu sehen, wurde für die Einwohner von Paris der Wald von Fontainebleau zum Sinnbild für das verlorene Paradies. Hier trafen sich Künstler wie Gustave Courbet, Camille Corot, Armand Guillaumin und Theodore Rousseau. Diese Maler beobachteten die Landschaft genau, aber auch ihre Bewohner: Bauern auf dem Feld, angelnde Fischer, Hafenarbeiter.
Termin Grand Palais: Italienische Landschaften 1780 bis 1830, 5. April bis 9. Juli, im Palazzo Te in Mantua vom 1. September bis 16. Dezember. Katalog: zirka 50 Euro. Internet: www.rmn.fr
Termin Saarland Museum: Die Entdeckung des Lichts. Landschaftsmalerei in Frankreich 1830 bis 1886, bis 1. Juli. Katalog: 48 Mark. Internet: www.kulturbesitz.de
Bildunterschrift: Bei Armand Guillaumin sind die Wolken die Hauptfiguren. In Saarbrücken ausgestellt: "Am Quai de Bercy in Paris" (56 x 72 cm, um 1847) / In Paris zu sehen: die Papierarbeit "Das Gewitter" (18 x 23 cm, 1780) von Pierre-Henry de Valenciennes / Die Landschaftsmaler folgen im 19. Jahrhundert immer stärker ihrer subjektiven Wahrnehmung. Schließlich zerlegen die Impressionisten Farben und Flächen. Claude Monet: "Felder im Frühling", (174 x 93 cm, 1887) /
