Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 92-95
Nur die Lust am schönen Bild
Von Stefan Koldehoff
AUSSTELLUNGEN IM APRIL - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / HAMBURG: FRÜHE PRIVATSAMMLUNGEN 1890-1933 / Die Hamburger Kunsthalle erinnert an die Förderung der Klassischen Moderne in der Hansestadt vor dem Zweiten Weltkrieg
Manchmal, sagt Ulrich Luckhardt und deutet auf die Schwarzweiß-Aufnahmen vor sich auf dem Tisch, sei es ihm selbst schwer gefallen, zu glauben, was er sah: "Diese ungeheure Qualität der Kunstwerke, ihre Vielzahl, die großzügige Selbstverständlichkeit, mit der die Sammler in der eigenen Wohnung mit diesen Meisterwerken gelebt haben - und dann die Erkenntnis, dass der Krieg fast nichts davon übrig gelassen hat." Sein Blick wandert auf das Gemälde, das neben ihm auf einer Staffelei steht, Pablo Picassos "Das blaue Zimmer" von 1901, ein Hauptwerk der Blauen Periode des Malers: "Dieses Bild hing einst im Haus von Max Leon Flemming, wenige hundert Meter von hier entfernt, an der Alster. Heute gehört es zu den unbezahlbaren Hauptwerken der Phillips Collection in Washington, aber wir können es wenigstens für diese Ausstellung noch einmal in Hamburg zeigen."
Viele Monate lang hat Luckhardt, Kustos an der Hamburger Kunsthalle, in ungezählten Archiven der Stadt geforscht, Lebenserinnerungen gelesen und mit Menschen gesprochen, die sich noch an jene Zeit erinnern konnten, in der Hamburg eine Kunststadt mit ausgeprägter Sammlerkultur war. Sein Ziel: Die Ausstellung "Picasso, Beckmann, Nolde und die Moderne" sollte zum ersten Mal die Geschichte der privaten Kunstsammlungen der Hansestadt nicht nur erzählen, sondern mit Werken von Auguste Renoir bis Pablo Picasso, von Paul Cezanne bis Leopold Survage auch opulent illustrieren.
Dabei galt die Stadt, was ihre Kollektionen angeht, lange Zeit eher als Wüste denn als blühender Kunstgarten. "Hamburg hat keine Sammler von Weltruhm", schrieb noch 1917 die Kunsthistorikerin und Expressionisten-Fördererin Rosa Schapire, "wohl aber eine größere Anzahl von Menschen, die einzelne schöne Bilder besitzen." Tatsächlich sammelte man in Hamburg anders als zur gleichen Zeit in anderen Teilen Deutschlands. Wer sich privat für Kunst engagierte, tat dies nicht - wie beispielsweise in der Hauptstadt Berlin oder im Rheinland üblich - um Reichtum repräsentativ nach außen zu tragen, sondern aus Lust am schönen Bild.
Die Hamburger Ausstellung belegt das gleich zu Beginn mit zahlreichen niemals zuvor veröffentlichten Innenaufnahmen, die Sammlerwohnungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigen. Zu den faszinierendsten gehörte die des Kaufmanns Max Leon Flemming (1881 bis 1956): Über der Anrichte hängt Pablo Picassos frühe kubistische "Vase mit Blumen" (1908), neben dem Vitrinenschrank Paula Modersohn-Beckers "Stillleben mit Kürbisscheibe" (1906), eine Murnau-Ansicht von Wassily Kandinsky und ein Holzschnitt von Franz Marc. Vor allem der französische Impressionismus fand in Hamburg schnell Freunde: Der Unternehmer Oskar Troplowitz besaß Gemälde von Auguste Renoir und Alfred Sisley. Der Kaufmann Henry B. Simms engagierte sich für ihre deutschen Kollegen Lovis Corinth und Max Beckmann, das Ehepaar Martha und Paul Rauert konzentrierte sich auf die Expressionisten der Künstlergemeinschaft "Brücke". Von Paul Cezanne lassen sich zehn, von Vincent van Gogh sogar 14 Arbeiten in Sammlungen der Hansestadt nachweisen - heute hat Hamburg keinen einzigen mehr. Fünf van Goghs erwiesen sich später allerdings als Fälschungen.
Dass der Beginn des Nationalsozialismus für die meisten der fortan als "entartet" geltenden Hamburger Privatsammlungen das Ende bedeutete, belegt ausführlich das ausstellungsbegleitende Katalogbuch: Der Witwe des Bankiers Henry P. Newman (1868 bis 1917), der unter anderem Gemälde von Claude Monet und Paul Cezanne, Max Liebermann und Edvard Munch besaß, wurden während des Krieges sechs Bilder aus einem Banktresor gestohlen. Die Erben der Bankiersfamilie Behrens konnten eine Reihe von Werken retten. Sammler Behrens verdankt die Hamburger Kunsthalle seit 1924 eines ihrer berühmtesten und wichtigsten Gemälde, das Kokotten-Porträt "Nana" (1877) von Edouard Manet. Als allerdings auch der Ankauf von Adolph Menzels "Hochaltar der Damenstiftkirche zu München" aus dem Besitz der Familie Behrens für das Museum überlegt wurde, lehnte der zuständige Senator von Allwörden ab. Auf den entsprechenden Antrag der Behörde für Volkstum, Kirche und Kunst schrieb er knapp: "Der Staat kann nicht beim Juden kaufen."
Termin: bis 17. Juni. Katalog: 288 Seiten, 45 Mark, Christians Verlag, Hamburg. Internet: www.hamburger-kunsthalle.de/seiten/privat.htm
Bildunterschrift: Eins von fünf Werken von Pablo Picasso im Haus des Sammlers Max Leon Flemming: "Das blaue Zimmer" (1901, 50 x 62 cm) / Aus der Sammlung Rauert: "Nächtliche Häuser, Hamburg" (1912, 96 x 87 cm) von Karl Schmidt-Rottluff / Aus der Sammlung Sauerlandt: "Das Paar vor den Menschen" (1923, 150 x 101 cm) von Ernst Ludwig Kirchner / Leben mit der Kunst: Picassos "Vase mit Blume" (1908, 92 x 73 cm, rechts) hing in der Wohnung von Kaufmann Max Leon Flemming an der Alster (linke Wand) / Aus der Sammlung Behrens: "Nana" (1877, 154 x 115 cm) von Edouard Manet gehört heute der Hamburger Kunsthalle /
