Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 103

Afrikanisches Lehrstück

Von Silke Mller

AUSSTELLUNGEN IM APRIL - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / MÜNCHEN: DAS KURZE JAHRHUNDERT / In der Villa Stuck werden die afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen 1945 bis 1994 dokumentiert

Die Hauptsprache der Kongolesen hat nur ein Wort für gestern, heute und morgen. Und blickt man auf die Geschichte Afrikas, so scheinen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft stets nebeneinander zu existieren. "Das kurze Jahrhundert", dessen Aufarbeitung Documenta-Chef Okwui Enwezor anstrebt, dauerte von 1945 bis 1994: vom Beschluss der Mitglieder des 5. Panafrikanischen Kongresses, dass Afrika unabhängig werden müsse, bis zum Ende der Apartheid in Südafrika 1994.

Enwezor versucht, diese Entwicklung anhand von Dokumentation und Fiktion, von Fotografien, Plakaten, Fernsehbeiträgen, Spielfilmen, Büchern und den Werken von 57 Künstlern zu belegen. Die Ausstellung setzt ein hohes Maß an Kenntnissen und Konzentration beim Betrachter voraus. Lange Filmbeiträge werden über- und nebeneinander ausgestrahlt, zum Teil ohne Ton. In den Bildlegenden tauchen Dutzende von afrikanischen Namen auf - wer weiß hierzulande schon, welche Rolle sie in den Befreiungsbewegungen der einzelnen Länder spielten? Je näher die Ausstellung der Gegenwart kommt, desto stärker wird sie durch freie künstlerische Produktionen dominiert. Was die Schau kaum zu leisten vermag, bietet der Katalog umso mehr: Aufklärung über die Zeitläufe im kolonialen und postkolonialen Afrika. Ein Fall für lange Lektüre-Nächte.

Termine: bis 22. April, anschließend in Berlin (Haus der Kulturen der Welt, 18. Mai bis 22. Juli), Chicago und New York. Katalog: nur auf englisch. Prestel-Verlag, München, 496 Seiten, 75 Mark (im Buchhandel 128 Mark). Internet: www.theshortcentury.com

Bildunterschrift: Kosmopolit aus Kairo: Gazbia Sirry, "Der Märtyrer" (1961, 134 x 50 cm /