Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 58
"Turm der blauen Pferde" jetzt entdeckt
Von Axel Hecht
Franz Marcs Meisterwerk des Expressionismus ging nicht - wie bisher vermutet - in den Kriegswirren verloren. Es lagert in einem Zürcher Banksafe
Als die Staatsgalerie Stuttgart im vergangenen Jahr bei ihrem ehrgeizigen Ausstellungsprojekt "Franz Marc - Pferde" eine beispiellose Motivschau des früh gestorbenen Expressionisten eröffnete, da konnte Museumschef Christian von Holst zwar mit 129 Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafiken zum Thema Pferd glänzen - doch das Spitzenwerk musste auch er den 153844 Besuchern vorenthalten: Franz Marcs Zwei-Meter-Gemälde "Turm der blauen Pferde" gilt seit 1945 als verschollen.
Das berühmte Hauptwerk des Expressionismus ist seit Jahrzehnten Gegenstand von Spekulationen und intensiven, aber erfolglosen Recherchen. Der Karlsruher Kunsthistoriker Klaus Lankheit, einst Nachlassverwalter und kenntnisreicher Biograf von Franz Marc (1880 bis 1916), erklärte das Gemälde in seinem 1976 publizierten Standardwerk "Franz Marc. Sein Leben und seine Kunst" gar für unauffindbar.
Doch das Gemälde ist nicht in den Kriegswirren verbrannt oder verschollen, sondern existiert ganz offensichtlich: Im art-Interview dieser Ausgabe (Seite 52) nennt der Unternehmer und Expressionismus-Sammler Jan A. Ahlers den Ort - einen Banksafe unter der Zürcher Bahnhofstraße.
Dort, so steht zu vermuten, hat derjenige das Gemälde deponiert, der es 1945 in Berlin entwendete. Weiter kann spekuliert werden, der unrechtmäßige Besitzer habe längst erkannt, dass der "Turm der blauen Pferde" wegen seiner internationalen Bekanntheit unverkäuflich ist. Nur aus Furcht vor Rufschädigung habe er noch keine Rückgabe angeboten. Strafe muss der Besitzer nicht mehr erwarten - die Frist für Unterschlagung von Kriegsbeute ist 1975 abgelaufen.
Ahlers, engagiertes Mitglied im "Franz Marc Förderkreis, Kochel am See", hofft auf Verhandlungen mit dem Besitzer oder seinen Erben. Jedenfalls habe der Förderkreis Gesprächsbereitschaft signalisiert, so der Unternehmer, der schon früher bekannt hatte, dass die Rückführung des Meisterwerks nach Deutschland "die Krönung meines Sammlerlebens" wäre.
So kann denn gehofft werden, dass der "Turm der blauen Pferde" demnächst wieder dort zu sehen sein wird, wo er hingehört: in der Berliner Nationalgalerie. Dort hatten ihn die nationalsozialistischen Eiferer abgehängt, um das Bild 1937 in der Schandausstellung "Entartete Kunst" zu diskriminieren. Freilich war das Bild kurz nach der Eröffnung aus der Ausstellung entfernt worden, weil der Deutsche Offiziersbund gegen die Verunglimpfung des 1916 als Leutnant vor Verdun gefallenen Künstlers protestiert hatte.
Anschließend hatte Reichsmarschall Hermann Göring das Gemälde seiner wirren Kunstsammlung einverleibt. Kurz nach Kriegsende war es von Edwin Redslob, in der Weimarer Republik Reichskunstwart, zum letzten Mal im Berliner Haus am Waldsee mit Billigung der russischen Besatzungstruppen besichtigt worden. Anschließend verliert sich seine Spur. Demnächst wird die Ikone des Expressionismus wohl wieder auftauchen.
Bildunterschrift: Franz Marc, Mitbegründer der Künstlergruppe "Der Blaue Reiter", fiel im Ersten Weltkrieg / Wurde 1945 zum letzten Mal gesehen: Marcs Meisterwerk "Turm der blauen Pferde" (200 x 135) von 1913 /
