Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 22-32
Der Maler, der die Leinwand stürmte
Von Kerstin Schweighfer
"Ich male nicht, ich schlage", lautet einer seiner Sätze, oder: "Ein Kilo rot ist roter als ein Gramm rot." Karel Appel trat an, die Malerei von den Fesseln des Denkens zu befreien - zuerst innerhalb der Gruppe Cobra, später allein, in immer neuen Anläufen. Diesen Monat feiert der holländische Künstler seinen 80. Geburtstag - ein Porträt
Die Rathausbeamten von Ams-terdam verstanden die Welt nicht mehr. Sicher, sie hatten sich ein Wandgemälde für ihre Kantine gewünscht. Aber doch nicht so ein Geschmiere! "Das hätte mein dreijähriger Sohn auch hingekriegt", lautete ein oft gehörter Kommentar zu den "Fragenden Kindern". Ein gängiges Vorurteil gegenüber moderner Kunst - doch in diesem Fall nicht ganz daneben: Das Bild erinnerte an eine riesenhafte Kinderzeichnung, die Gesichter hatte Appel mit Punkten und Strichen gemalt, Farben wogten über die Fläche.
Schon vor der Enthüllung des Werks im März 1949 war in der Presse besorgt gefragt worden, ob es nicht gefährlich sei, ausgerechnet Karel Appel, den wildesten unter den jungen Rebellen der Künstlergruppe "Cobra", mit diesem Auftrag zu betrauen: "Unseren Beamten", so ein Kunstkritiker, "könnten die broodjes im Halse stecken bleiben!" Die jedoch sorgten selbst dafür, dass es nicht so weit kam: Sie bombardierten das verhasste Gemälde so lange mit Essensresten und halbvollen Kaffeebechern, bis den Stadtvätern nur eines übrig blieb: die übel zugerichteten "Fragenden Kinder" eiligst hinter einer neuen Lage Tapete zu verstecken.
Gut 50 Jahre später ist das Wandgemälde längst wieder freigelegt. Und die renommierte Tageszeitung "Volkskrant" verkündete die Einsicht, dass "die Niederlande ihre großen Künstler immer spät erkennen". Stedelijk-Direktor Rudi Fuchs bezeichnet Karel Appel als "einen der berühmtesten noch lebenden niederländischen Künstler" und nennt ihn in einem Atemzug mit Willem de Kooning und Piet Mondrian.
Appel selbst, der anlässlich seines 80. Geburtstages am 25. April mit gleich drei großen Ausstellungen gefeiert wird, hat erstmals seit einem halben Jahrhundert wieder in seiner Heimat gemalt, das Licht und die Luft Hollands eingefangen: In den Dünen hinter Amsterdam entstanden 13 "Hollandsche landschappen", alle in Appels Lieblingsformat, zwei mal 2,60 Meter groß. Und zum ersten Mal, so stellt der Künstler mit Erstaunen fest, waren die heimischen Kritiken ausnahmslos positiv, geradezu euphorisch: "Das ist mir bisher noch nie passiert", meint er und setzt mit einem kleinen Lachen seine Teetasse ab. "Ich könnte Ihnen Kartons voller Zeitungsausschnitte zeigen, in denen ich verrissen und in Grund und Boden gebohrt werde."
Selbst hat er sich deshalb lange als "Verstoßener" bezeichnet, als "Maler ohne Vaterland". Seine Lebensgeschichte hat alle Ingredienzen für einen sentimentalen Künstlerroman. Denn Appel verkörpert das Klischee des verkannten Genies aus einfachen Verhältnissen, das in der Heimat nur auf Unverständnis stieß, deshalb in die weite Welt ziehen musste und diese prompt im Sturm eroberte. Ein Schlösschen in Frankreich, ein Landhaus in der Toskana, Apartments in New York, Connecticut, Paris und Monaco - Appel wurde im Laufe seiner Karriere zum Weltbürger, der seine Frauen in Pelze stecken und sich nur noch in Autos der Marken Jaguar oder Rolls Royce fortbewegen konnte. Inzwischen wird er als einer der wichtigsten europäischen Vertreter der eruptiv-expressiven Malerei gerühmt und gilt als bestbezahlter lebender Künstler der Niederlande: Ein 40 mal 50 Zentimeter großes Appel-Gemälde kostet bis zu 90000 Mark, eine Schwarzweiß-Lithografie im A4-Format bis zu 25000.
Sein Name ist bei Sammlern in aller Welt hoch im Kurs, seine Werke hängen in Museen von Tokio bis Los Angeles, und auch mit 80 arbeitet er immer noch wie ein Besessener. "Meine Produktivität ist hoch", konstatiert er lapidar. Seine große Liebe gilt zwar dem Ölgemälde, aber daneben entstehen "enorm viele" Arbeiten auf Papier, außerdem Assemblagen oder Skulpturen - "die dauern etwas länger". Und wenn er Zeit hat, schreibt er auch noch Gedichte.
Pingo, ergo sum - ich male, also bin ich: So könnte das Lebensmotto des Künstlers lauten. "Ich existiere nur, wenn ich vor der Leinwand stehe", so drückt er es selbst aus. Schon als 14-Jähriger habe er das erkannt, als sein erstes Stillleben entstand, ein Obstkorb. Zu dieser Zeit erteilt ihm sein Onkel Malunterricht und muss schnell erkennen, dass der Neffe weitaus talentierter ist als er selbst. Die Eltern jedoch haben andere Pläne mit ihrem zweitältesten Sohn: Karel soll den Frisörsalon des Vaters in der Dapperstraat übernehmen, einem Kleine-Leute-Viertel im Amsterdamer Osten. Zwei Jahre lang bringt Karel dort tapfer Männerschöpfe in Form, zwölf Stunden täglich. Dann hält er es in diesem Gefängnis nicht länger aus: "Eigentlich wurde ich vor die Tür gesetzt", erzählt er. Furchtbar böse sei sein Vater gewesen, weil der Sohn die Arbeit ablehnte: "Wenn du hier nicht arbeiten willst, kannst du auch aus unserem Haus ausziehen", bekommt er zu hören. "Da bin ich eben gegangen." Keiner seiner drei Brüder hat ihn seitdem in einem seiner Ateliers aufgesucht, auch seine Eltern nicht.
Es folgen Jahre der Armut. Und der Angst, denn im Mai 1940 werden die neutralen Niederlande vom nationalsozialistischen Deutschland besetzt. Karel verkauft in Hafenkneipen Porträts für einen Gulden, tauscht Gemälde gegen einen Teller warmes Essen ein oder eine Gouache gegen zwei Päckchen Tabak. Er sucht im Müll nach Besenstielen und Ofenrohren, aus dener er Skulpturen machen kann, und bemalt alles, was ihm in die Finger kommt, egal, ob Mehlsack oder Holzplanke. Im zweiten Anlauf gelingt es ihm, einen Studienplatz an der Amsterdamer Kunstakademie zu ergattern. Er begibt sich dorthin nicht, um Maler zu werden: "Das kann man oder kann man nicht." Nein, er sei neugierig gewesen auf Ikonografie, Mythologie und Philosophie. "Ich wollte wissen, was vor meiner Zeit in der Welt passiert war. Und ich wollte dem Arbeitseinsatz in Deutschland entgehen. Ein Akademieausweis schützte mich davor."
Mit der Befreiung bricht eine neue Ära an, in der Appel auch "mit dem ganzen altmodischen Getue" aus der Vorkriegszeit Schluss machen will: "Jede Generation wird mit einem bestimmten Basisgefühl geboren, und unser Basisgefühl war das Bedürfnis nach Erneuerung." Zusammen mit anderen jungen Künstlern, darunter seinen Freunden Corneille und Constant, schließt er sich 1948 zur "Experimentele Groep Holland" zusammen. Diese wird allerdings schon ein paar Monate später wieder aufgelöst. Auf einer Paris-Reise stellen die drei jungen Niederländer fest, dass ihr Basisgefühl auch anderswo in Europa lebt: Am 8. November gründen sie in einem Pariser Cafe mit den Belgiern Christian Dotremont und Joseph Noiret und dem Dänen Asger Jorn die Künstlergruppe "Cobra", benannt nach den Anfangsbuchstaben ihrer Heimatstädte: Kopenhagen, Brüssel, Amsterdam.
"Cobra" ist eine Kriegserklärung an jegliche Form von Akademismus: Die Mitglieder wollen sich von allem bisher Dagewesenen befreien, um sich ohne Zensur des Intellekts auf die unverfälschten, primitiven Quellen des Ausdrucks zu besinnen: "Malen ist das Zerstören von allem, was vorausging, das Vernichten von Systemen, Begriffen, von Logik und Routine. Es ist die dynamische und explosive Kraft der Intuition", schreibt Appel im Januar 1949. Inspirieren ließen sich die "Cobra"-Künstler deshalb von Kinderzeichnungen, den Werken psychisch Kranker und der so genannten primitiven Kunst: "Wir wollten wie ein Kind sein, das völlig unbelastet ein Blatt Papier bekritzeln kann." Die Gemälde aus dieser Zeit sind denn auch bewusst naiv, mit Kinderköpfen und fabelartigen Tierfiguren in bunten, leuchtenden Farben wie etwa "Le petit bonhomme du desert" ("Der Junge aus der Wüste") oder "Samen vliegend" ("Zusammen fliegend") beide von 1950. Als sie ihre Arbeiten 1949 erstmals im Stedelijk präsentieren, ernten sie dafür nur Hohn und Spott: "Wer diese Ausstellung gesehen hat", schreibt die Zeitung "Het Vrije Volk", "gibt jede Hoffnung auf, dass es Karel Appel und Corneille () jemals zu mehr bringen werden, als sie bereits sind: nämlich Pfuscher, Schmierer und Betrüger."
irklich schlimm" sei das gewesen, erinnert sich Appel. Ein Jahr später kehrt er Holland deshalb endgültig den Rücken und lässt sich zusammen mit Corneille im Pariser Gerberviertel nieder, in der Rue Santeuil: "Die Straße war voller Ratten, und es stank entsetzlich!" Corneille und er wohnen im ersten Stock, Constant kommt ab und zu vorbei, und nach einer Weile zieht weiter oben der Flame Bram Bogart ein. An die anderen kann er sich nicht mehr erinnern, es sei ja schließlich auch schon mehr als ein halbes Jahrhundert her. "Heute werden wir manchmal als eine Art Pfadfinderclub präsentiert, der sich täglich traf. Dabei haben wir nur unseren Kräfte gebündelt und zusammen ausgestellt, das war alles. Und schon nach drei Jahren gingen wir wieder unsere eigenen Wege."
Die "Cobra"-Gemälde unter seinen Werken erzielen heute zwar die höchsten Preise - "Frauen, Kinder, Tiere" von 1951 etwa, der bisher teuerste Appel, kam 1995 bei Christie's für knapp 800000 Mark unter den Hammer. Doch Appel selbst will nicht mehr viel von dieser kurzen Periode in seinem Leben wissen und schon gar nicht auf das Etikett "Cobra-Maler" reduziert werden. Denn im Laufe der fünfziger Jahre entdeckt er mit New York, "der einzigen wirklich lebendigen Stadt", auch den Abstrakten Expressionismus. Er lernt Jackson Pollock kennen, Willem de Kooning, Francis Bacon, Franz Kline und porträtiert berühmte Jazzmusiker.
Der amerikanische Einfluss ermutigt Appel, die materiellen, sinnlichen Elemente seiner Malerei ins Extrem zu treiben: Die Leinwände werden größer, wie bei Pollock und de Kooning gesehen. Der Farbauftrag wird immer üppiger, bis er sich mit der Leinwand regelrechte Farbschlachten liefert, getreu der Auffassung: "Ein Kilo rot ist roter als ein Gramm rot." Die Kontraste werden drastischer, die bewusste Komposition wird endgültig ersetzt durch intuitives Malen. In Amerika, wo alles größer ist als in Europa, gewinnt Appels Kunst neue Radikalität und Aggressivität. Schien in den ersten Jahren nicht selten kindliche Unschuld durch, macht Appel die Leinwand nun zum Schauplatz dramatischer Auseinandersetzung.
"Ich benutze die Tube als Rakete", lauten berühmte Worte von ihm. Und: "Ich male nicht, ich schlage." Der Umgang mit der Materie Farbe ist für ihn eine körperliche Erfahrung, und deshalb fühlt er sich bis heute von allen modernen Künstlern am meisten mit seinem Landsmann Vincent van Gogh verbunden: "Wenn van Gogh das Blau des Himmels malt, ist es nicht das Blau, das unser Auge sieht, es ist blauer als das Blau des Himmels, es ist das Blau seiner Emotionen. Damit offenbart er uns etwas vom Geheimnis des Lebens."
Appels Siegeszug um die Welt lässt nicht lange auf sich warten: Schon 1953 hat er seine erste große Solo-Ausstellung im Palais des Beaux-Arts in Brüssel, ein Jahr später bekommt er auf der 27. Biennale von Venedig als einziger junger Künstler neben Pablo Picasso und Joan Miro den Auftrag für das UNESCO-Wandgemälde in Paris. 1960 gewinnt er als jüngster Künstler aller Zeiten den Guggenheim International Award, und 1964 sorgt er auf der dritten documenta in Kassel für Furore mit einem Beitrag, der buchstäblich über Nacht entsteht: Die Arbeiten, die er eigentlich zeigen will, bleiben aufgrund von Zollproblemen an der deutsch-französischen Grenze im Zug stecken. So beschließt er zu improvisieren, bestellt Farben in rauhen Mengen und malt eine Nacht lang einen neuen Beitrag. Das Resultat, ein drei mal sieben Meter großes "Eine-Nacht-Gemälde", übersteigt sämtliche Formate der amerikanischen Action Painter und sichert Appel die grenzenlose Bewunderung der perplexen documenta-Organisatoren.
Die Anerkennung zu Hause allerdings lässt auf sich warten - und dafür hat Appel selbst gesorgt: "Ich schmier' mir was zusammen", sagt er in einem leichtsinnigen Moment zu einem niederländischen Journalisten. Nach diesen Worten, die ihn den Rest seines Lebens verfolgen werden, seien auf einmal alle freundlich zu ihm gewesen: "Die dachten sich: ,Endlich gibt er zu, was wir alle schon lange gewusst haben.`" Wie dieses "Zusammenschmieren" vor sich geht, demonstriert er seinen Landsleuten 1961 in einem inzwischen berühmt-berüchtigten Videofilm mit einer in die Leinwand montierten Kamera: Die fassungslosen Zuschauer sehen einen farbverschmierten Künstler auf sich zustürzen, der wie ein Besessener die Leinwand attackiert, sie misshandelt und schlägt, als gelte es ein Untier zu bändigen, und dabei mit Farbe buchstäblich um sich wirft.
In den achtziger Jahren sorgt das "Farbspeiende Ungeheuer", wie er seitdem genannt wird, erneut für einen Skandal, dieses Mal in einer Talkshow: "Wir hatten abgesprochen, über meine Kunst zu reden, statt dessen jedoch wurde ich gefragt, ob mir der Hering noch schmeckt und wie es in der Dapperstraat aussieht." Doch den einfachen Jungen aus dem Volk herauszuhängen, geht ihm gegen den Strich: "Schweig und sei schön", antwortet er. Dann steht er auf und lässt Hollands berühmteste Talkmasterin verdattert sitzen.
Heute erinnern nur noch die blitzenden blauen Augen hinter den Brillengläsern daran, dass das farbspeiende Ungeheuer und der ältere Herr mit Seidentuch und Wams, der sich interessiert die Appel-Sonderbeilage einer Zeitung anschaut, ein und dieselbe Person sind. "Oh, das bin ich mit Königin Juliana! Du liebe Güte, was hatte ich mich damals feingemacht!", ruft er erstaunt beim Durchblättern. "Da ist mein Elternhaus in der Dapperstraat ... und das hier ist Machteld! Was war sie doch für eine außergewöhnlich schöne Frau!"
An einer Rotterdamer Tramhaltestelle hatte er sie kennen gelernt, Machteld, seine große Liebe. 15 Jahre lebte er mit ihr zusammen: "1970 ist sie ganz plötzlich an Krebs gestorben, wir entdeckten es in New York. Gegen diese Krankheit ist der Mensch machtlos." Er nennt Machteld van der Groen seine Frau, aber geheiratet hat er nie, auch nicht seine jetzige Lebensgefährtin Harriet de Visser, mit der er seit 1977 zusammenlebt. "Dazu ist mein Freiheitsdrang zu groß, auch jetzt noch. Ich muss mich frei fühlen können. Deshalb habe ich auch nie an nur einem Ort gewohnt."
Auch seinen Erneuerungsdrang hat er sich bis ins hohe Alter erhalten. Zwar greift er auf sein bewährtes Repertoire zurück: Porträts, Landschaften, Akte. Doch variiert er diese Grundmotive in immer neuen Serien und Werkphasen. In den letzten Jahrzehnten arbeitet Appel sehr zielgerichtet und konzeptionell; seinen Fragen geht er in immer neuen Versuchsanordnungen nach. In den achtziger Jahren etwa verarbeitet er lebensgroße Polaroids in seinen Gemälden und Skulpturen oder malt eine Serie von Aktgemälden, ausschließlich in Schwarz und Weiß, die "black & white paintings". Zehn Jahre später fertigt er Requisiten für die niederländische Oper an, unter anderem für die "Zauberflöte", lässt sich von der Landschaft der Toskana inspirieren oder malt erstmals schwarze Naturstücke mit dicken, drohenden Wolken, die "Japanischen Landschaften".
Dass er 80 wird, kann er selbst kaum glauben: "Verrückt ist das! Ich habe das Glück, gesund und stark zu sein. Ich fühle mich wie 40." Das Rauchen hat er schon vor 35 Jahren aufgegeben, und seitdem isst er auch kein Fleisch mehr: "Die Steaks in Amerika, diese riesigen Fleischlappen mit Fettrand, konnte ich am Ende nicht mehr sehen." Beim Gedanken an eine Lammkeule kommt er zwar regelrecht ins Schwärmen: "Mit viel Knoblauch und Butter in den Ofen, herrlich!" Aber ein Loup de mer sauvage sei auch sehr lecker, oder Spaghetti mit Pesto: "Die Küche in Monte Carlo steht ja schon deutlich unter italienischem Einfluss."
Dort ist jetzt sein Hauptwohnsitz, nachdem er immer mehr Besitz abgestoßen und die anderen Wohnungen verkauft hat. Nur das Atelier in New York hat er noch beibehalten, wo er drei Monate pro Jahr verbringt. Der Gedanke, nach Holland zurückzukehren, sei ihm nie gekommen: "Dort fühle ich mich zu sehr eingeengt. Die Niederlande sind zwar empfänglich für alles, was von außen kommt, aber sie strahlen selbst nichts nach außen aus." Der Kaufmannsgeist seiner Landsleute werde zwar in aller Welt gerühmt, aber ihr Gefühl für Kunst lasse zu wünschen übrig: "In Deutschland gibt es weitaus mehr Sammler, auch sehr viele kleine, da kann ein Künstler von seinem Land leben. Und die deutschen Künstler sind auch viel intelligenter, die wissen ihre Kunst im Ausland an den Mann zu bringen. In Amerika etwa stellen genauso viel deutsche wie amerikanische Künstler aus."
Die 1999 gegründete Karel-Appel-Stiftung allerdings hat ihren Sitz in Amsterdam. Sie will das Gesamtwerk des Künstlers inventarisieren, denn der genaue Umfang - es müssen an die 10000 Arbeiten sein - ist unbekannt. Und sie will die Spreu vom Weizen trennen, da inzwischen unzählige Appel-Fälschungen im Umlauf sind. Regelmäßig bekommt der Künstler Briefe oder Anrufe mit der Bitte nachzuprüfen, ob ein Werk tatsächlich von ihm ist. Die Stiftungsleitung hat Appels Lebensgefährtin Harriet de Visser übernommen. Appel selbst will damit nichts zu tun haben: "Du lieber Himmel, nein", ruft er entsetzt aus, "das wäre viel zu zeitraubend! Dann würde ich mein Atelier nicht mehr sehen." Denn auch mit 80 will der "Maler ohne Vaterland" das tun, was er sein Leben lang getan hat: "Malen - und sonst nichts."
"Jede Generation wird mit einem Basisgefühl geboren. Unseres war das Bedürfnis nach Erneuerung"
"Wir wollten wie ein Kind sein, das völlig unbelastet ein Blatt Papier bekritzeln kann"
"Ich existiere nur, wenn ich vor der Leinwand stehe"
Cobra: Geburt einer neuen Avantgarde
Im Pariser Cafe des Hotels Notre Dame sitzen am 8. November 1948 sechs junge Männer und verfassen unter der Überschrift "Die Sache war beschlossen" ein Künstler-Manifest - die Geburtsstunde der Gruppe Cobra. Der Name wurde von den drei Heimatstädten der Künstler abgeleitet: Copenhagen, Brüssel, Amsterdam. In den folgenden Jahren erscheinen acht Ausgaben der Zeitschrift "Cobra", die Künstler bestreiten mehrere Ausstellungen zusammen. Doch schon 1951 trennen sich die Wege - Cobra löst sich auf.
Ausstellungen: Skulpturen. Cobra-Museum, Amstelveen, 20. April bis 12. August. Gemälde. Stedelijk Museum, Amsterdam, 28. April bis 24. Juni; Arbeiten auf Papier. Gemeentemuseum, Den Haag, 28. April bis 2. September. Literatur: Catherine van Houts: Karel Appel. De biografie. Amsterdam 2000. Katalog Karel Appel. Sculptures without a Hero. Städtische Galerie, Karlsruhe 1999. Karel Appel. Psychopathologisches Notizbuch. Bern 1997. Karel Appel. The Complete Sculptures. New York 1990. Katalog Karel Appel. Arbeiten auf Papier. Staatliche Kunsthalle, Baden-Baden 1982
Bildunterschrift: Furor und Farbkraft sind geblieben: die Spätwerke "Horizont der Toskana 24" (200 x 260 cm, 1995) und "Nackte I" (153 x 122 cm, 1994) / Zurückliegende Seiten: zwei Blätter aus dem "Psychopathologischen Notizbuch" von 1950 / Das wieder freigelegte Wandgemälde "Fragende Kinder" (1949) in der ehemaligen Kantine des Rathauses von Amsterdam. Der Bau beherbergt heute das / Hotel "The Grand" / Ein Mann unter Einfluss: In Amerika ließ sich Appel von den "action painters" mitreißen - hier bei "Menschliche Landschaft" (90 x 120 cm, 1961) / Skulptur im Farbfeuer: "Der rote Gnom" (Höhe 115 cm, 1960) / Die Tageszeitung "France Soir" als Bildgrund: "Komposition" (40 x 42 cm, 1964) / Zwischen Expressionismus und Kinderzeichnung: "Zusammen fliegend" (100 x 100 cm, 1950) / Das bis heute teuerste Appel-Gemälde stammt aus der Spätphase von Cobra: "Frauen, Kinder, Tiere" (170 x 280 cm, 1951), 1995 versteigert für 800000 Mark / Der junge Appel geht auf die Leinwand los (hier in einem Videofilm von 1961), der ältere entwirft 1995 Figuren für eine Aufführung der "Zauberflöte" (ganz oben) / Gruppenfoto anlässlich der Höst-Ausstellung in Kopenhagen 1948. Von links nach rechts, hintere Reihe: Ernest Mancoba, Carl-Henning Pedersen, Erik Ortvad, Eljer Bille, Knud Nielsen, Tage Mellerup, Aage Vogel-Jörgensen, Erik Thommesen; mittlere Reihe: Karel Appel, Tony Appel, Christian Dotremont, Sonja Ferlov, Else Alfelt; vordere Reihe: Asger Jorn, Corneille, Constant, Henry Heerup /
