Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 129
Kein Erbarmen für die "Schwarze Madonna"
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Stadtplanung: Das umstrittene Hochhaus des Architekten Carel Weeber in Den Haag soll abgerissen werden. Die Bewohner protestieren
Weniger schöne Ecken gibt es in jeder Stadt. Den Haag aber darf sich rühmen, das hässlichste Gebäude des ganzen Landes zugeschrieben zu bekommen: die "Schwarze Madonna" des Architekten Carel Weeber. Den Spitznamen verdankt das Gebäude seiner mit schwarzen Kacheln verkleideten Fassade. Vor 15 Jahren erbaut, gilt es in Holland als Inbegriff des sozialen Wohnungsbaus.
Nun beschloss der Stadtrat, den Koloss abreißen zu lassen. Das Gebäude steht am Hauptbahnhof, wo Architekten aus aller Welt derzeit ein neues Regierungs- und Verwaltungsviertel planen, dessen Kosten auf fünf Milliarden Gulden geschätzt werden. An der Stelle des Mietshauses soll ein neues Gebäude entstehen, in das entweder das Justiz- oder das Innenministerium einziehen wird.
Doch plötzlich melden sich Verteidiger der "Schwarzen Madonna" zu Wort. Pietro Cozzi, Vorsitzender der Bewohnerkommission, fühlt sich dort pudelwohl: "Die Räume sind groß, und wo kann man schon für so wenig Geld mitten in der Innenstadt wohnen?" Angesichts der Baupläne seien viele der rund 1000 Bewohner beunruhigt. "Eine Hand voll Dilettanten will uns von hier vertreiben", schimpft Cozzi. "Das ist eine Schändung der Menschenrechte!"
Immerhin lässt sich zu Gunsten der "Schwarzen Madonna" sagen, dass sie in jedem besseren Architekturbuch erwähnt wird. Mit seinem sechs- und achtstöckigen Gebäude in U-Form hat Weeber in den achtziger Jahren Pionierarbeit auf dem Gebiet des sozialen Wohnungsbaus geleistet.
Statt der damals üblichen verspielten Balkone, Gauben und Vorgärtchen baute er eine Einheitsfassade ohne jegliche Ornamentik und stapelte einfache, aber großzügige Wohnungen übereinander. Weeber parierte die Kritik schon damals mit einem Seitenhieb auf den angeblich schlechten Geschmack seiner Mitbürger. Ein Architekt habe sich einer "schwach entwickelten Bevölkerung nicht zu fügen".
Inzwischen bekommt Weeber auch von Kritikern und Kollegen Schützenhilfe: Sie loben Schlichtheit, Ehrlichkeit und klare Linienführung des umstrittenen Gebäudes, das erst jetzt so richtig zur Geltung komme: Durch die benachbarten Neubauten der letzten Monate wirke die "Schwarze Madonna" weitaus weniger dominant und verschlossen als früher. Doch "ausgerechnet jetzt, wo sie endlich die ihr gebührende Umgebung bekommt, muss sie weg", klagt auch der Architekt selbst. "Für unsere einkommensschwachen Bürger sind die Spitzenlagen in der City anscheinend tabu. Ich an ihrer Stelle würde mich am Treppengeländer festketten."
Die Betroffenen wollen nun erst einmal abwarten, ob der Eigentümer des Gebäudes, die Wohnungsstiftung "Haag Wonen", bereit ist, es für 50 Millionen Gulden an die Stadt Den Haag zu verkaufen. Die Verhandlungen laufen noch. "Sollte es zum Verkauf kommen", so Pietro Cozzi, "werden wir alle gerichtlichen Möglichkeiten ausschöpfen und uns notfalls sogar an Königin Beatrix wenden."
Bildunterschrift: Reif für die Abrissbirne? Architekt Carel Weeber vor seinem schwarz gekachelten Hochhaus in Den Haag /
