Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 100-101
Künstler mit Familienanschluss
Von Tim Sommer
AUSSTELLUNGEN IM APRIL - VORSCHAU - KRITIK - TERMINE / HAMBURG: GRÄSSLIN COLLECTION / "Vom Eindruck zum Ausdruck" - die Hamburger Deichtorhallen zeigen Werke aus der Sammlung der Familie Grässlin
Ein Mafia-Clan im Schwarzwald? Ein badischer Renaissancefürst samt Gefolge? Das Fotografenpaar Clegg & Guttmann hat für sein schauerlich-schönes Gruppenporträt drei Generationen der Sammlerfamilie Grässlin aus St. Georgen versammelt: Thomas Grässlin - hier ganz Patriarch - mit Mutter, Frau, drei Schwestern sowie zwei Kindern. Wenn es ein Gen für Kunstbesessenheit gibt - bei Grässlins wird es dominant vererbt.
Die groteske Fotoinszenierung zeigt Sinn für Witz und Selbstironie in der Familie - eine Haltung, die auch in ihrer Sammlung ihren Ausdruck findet, die jetzt in der nördlichen Hamburger Deichtorhalle präsentiert wird. 156 Bilder, Skulpturen und Installationen von 30 Künstlern werden in der 4000 Quadratmeter großen Halle arrangiert und beweisen: Die Grässlins lieben Kunst der hintergründigen Art, bissig-witzige Werke mit kritischem Ansatz.
Schon der 1976 gestorbene Dieter Grässlin hat mit seiner Frau in den siebziger Jahren mit dem Kauf von Bildern des deutschen Informel den Grundstein der Sammlung gelegt. Der Generationswechsel brachte neue Vorlieben: Die vier Grässlin-Kinder begeisterten sich für die großen Skeptiker der deutschen Kunst der achtziger Jahre. Ganze Werkgruppen der damals noch wenig bekannten Maler Martin Kippenberger, Werner Büttner, Markus und Albert Oehlen fanden den Weg in die Sammlung - die zeitgleich hochgepriesenen (und heute fast vergessenen) "Jungen Wilden" blieben außen vor.
Später komplettierten Skulpturen der geistesverwandten Ironiker Franz West und Georg Herold die Kollektion.
Im Haus der Familie in St. Georgen bei Freiburg, wo die Grässlins eine Feinwerktechnik-Firma betreiben, gingen die Künstler ein und aus. Vor allem Martin Kippenberger suchte den Familienanschluss: Der befreundete Stuttgarter Galerist Max Hetzler hatte ihn überredet, aus Berlin wegzuziehen, die Grässlins besorgten ihm Wohnung und Atelier im Schwarzwald. Sowohl Kippenberger als auch Büttner begingen später ihren 40. Geburtstag mit mehrtägigen Gelagen im Kreise ihrer treuesten Sammler - die nun sogar ihre Galeristin stellten. 1985 hatte Bärbel Grässlin in Frankfurt am Main ihre Galerie eröffnet, deren Programm auf wundersame Weise dem Profil der familiären Sammlung entspricht.
Auch Karola Grässlin, die Jüngste der Geschwister, hat als Leiterin des Kunstvereins Braunschweig unterdessen einen Beruf, der der Familienkollektion zugute kommt: Durch sie kamen Installationen der jungen Kontext-Künstler Cosima von Bonin, Kai Althoff, Mark Dion und Heimo Zobernig in das Kunstportefeuille der badischen Mittelstandsdynastie.
Termin: bis 8. Juli. Katalog: 49 Mark.
Internet: www.deichtorhallen.de
Bildunterschrift: Das Gemälde "LPA" (278 x 360 cm) von Albert Oehlen stammt aus dem Jahr 1999 / Clegg & Guttmann ließen für ihr Familienporträt aus dem Jahr 1994 die Familie vor einer Fototapete des New Yorker Museum of Modern Art posieren. Wie bei einem RenaissanceBildnis liegen dabei die Hände auf einer Barriere. Von links: Bernadette, Rosanna, Thomas, Sabine, Bärbel, Karola, Katharina, Anna Grässlin (drei Teile, je 260 x 120) /
