Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 6
Zeichnungen für die "Heimatfront"
Von
"Reportagen und keine Propaganda" - Kunsthistoriker Martin Warnke über die Marinebilder von Lothar-Günther Buchheim und Alfred Nemeczeks "Kunst-Geschichten" (3/2001)
Nun stellt sich sogar art in den Dienst von Lothar-Günther Buchheims nie endendem Propaganda-Regen und lässt zu dessen Ehrenrettung einen (verdienstvollen) Kunst-Professor feinsinnig zur Harfe greifen. Sein Bericht über die in Chemnitz von ahnungslosen (?) Stadtvätern geplante, gottlob aber im letzten Augenblick abgesagte Ausstellung von schematisch-banalen Kriegs- und Soldatenlust verherrlichenden Bildern Buchheims erhält von der Redaktion auch noch die Überschrift "Reportagen und keine Propaganda" - es ist zum Weinen. Warnkes Artikel ist eine einzige Verharmlosung. "Auch Kriegsberichterstatter sind nicht ausdrücklich auf propagandistische Wirkung aus" - eben diese aber war Buchheims Auftrag und er hat seine Pflichten beflissen erfüllt. Seine heroisch-martialischen Zeichnungen wurden in NS-Schulungsbriefen und -Zeitungen abgedruckt und das mit haarsträubenden Unterschriften. In seiner furchtbaren PropagandaFoto-Fibel "Jäger im Weltmeer", die mit dem Motto Ernst Jüngers eingeleitet wurde: "Die Pflicht ist selbstverständlich, aber das rechte Gewissen gibt erst das Herz, das freiwillig in die Waagschale geworfen wird", feierte er noch 1943 die Überlegenheit der deutschen U-Boote - zu einem Zeitpunkt, da deren Ohnmacht längst erkennbar war.
Buchheim meinte es ernst mit der von Jünger beschworenen Freiwilligkeit: Der HJ-Jüngling meldete sich freiwillig zum Militär. Dann lieferte er der "Heimatfront", was die NS-Führer von ihm erwarteten. In einer Kunst-Zeitschrift von heute sind diese (künstlerisch armseligen) Nebelkerzen so fehl am Platze wie die Ergüsse brauner Ideologen in einer modernen Literatur-Zeitschrift. Die Ausstellung in Chemnitz sollte auch noch Buchheims Auswahl-Kategorien folgen - und seinen beschönigenden Katalogtexten!
Warnke zieht wahrhaftig einen Vergleich zwischen Dokumentarfilmen über den Zweiten Weltkrieg und den "harmlosen Zeichnungen eines Künstlers im Kriegseinsatz". Treuherzig zitiert er aus einem Buchheim-Katalog, es habe sich bei dem Propaganda-Maler um einen "nüchtern-distanzierten" Beobachter gehandelt. Eben dieser Verzerrung der Tatsachen leistet Buchheim seit Jahren - auch in seinen Büchern - Vorschub. Er will partout als "widerständig" eingestuft werden.
Warnke schließt seine Buchheim-Feier mit den Worten, es sei "nicht einzusehen, warum einfache Sterbliche sich nicht vor solchen Bildern ihre Gedanken machen sollten". Mit diesem Argument könnte man auch gleich Hitlers "Mein Kampf" freigeben! Es fehlt ja nicht an einfachen Sterblichen, die sich herzlich darüber freuen würden.
Matthias Wegner, Hamburg
Es kann sich ja bei Lothar-Günther Buchheim und Willi Sitte durchaus, so wie es Herr Nemeczek in seiner Kolumne schreibt, um zwei Fälle von Zensur handeln, und diese Tatsache sollte nachdenklich machen. Ich bewundere Buchheim als Sammler. Mit Willi Sitte habe ich mich lediglich in einem Gesamtkontext beschäftigt. Was mich wundert, ist, dass diesen beiden "in ihren jeweiligen Biographien verstrickten Altvorderen" seitens der Ausstellungsmacher so viel Aufmerksamkeit zuteil wird.
Helmut Schwiederke, Bad Soden
Bildunterschrift: Buchheim: "Kapitänleutnant Gysae mit seiner Brückenwache", 1941 / Matthias Wegner, ehemaliger Leiter des Rowohlt Verlages in Reinbek /
