Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 12-19
Nachts, wenn die Worte leuchten
Von Silke Mller Attilio Maranzano
Dreizehn elektronisch gesteuerte Textbänder rasen die Decke der Neuen Nationalgalerie in Berlin entlang: Die Lichtinstallation "OH" der amerikanischen Konzeptkünstlerin Jenny Holzer, 50, ist eine Nachtschönheit und zugleich geniale Symbiose von Kunst und der Architektur Ludwig Mies van der Rohes. Der italienische Fotograf Attilio Maranzano dokumentierte die raumgreifende Wirkung der Arbeit und folgte den einmaligen Textprojektionen durch die ganze Stadt
Wie von Geisterhand geschrieben schwebten Anfang Februar für wenige Stunden die Textprojektionen von Jenny Holzer über die Häuserwände Berlins. Als Preisträgerin des "Philip Morris Destinguished Artist Fellowship" der Berliner American Academy erdachte die New Yorker Künstlerin das Konzept für ihre Ausstellung "OH" in der Neuen Nationalgalerie. Bis zum 16. April ist die atemberaubende Installation unter der Decke des Mies-van-der-Rohe-Baus noch zu sehen. Die Staatlichen Museen zu Berlin wollen das Kunstwerk ankaufen. Von den poetischen Lichtarbeiten blieben allein die Fotografien:
Seite 12, Neue Nationalgalerie: Die höchst private, erotische Beschreibung eines vertrauten Körpers rast als Text mit dem Titel "OH" an der Decke der Galerie entlang und verliert sich in den nächtlichen Lichtern am Potsdamer Platz.
Seite 14, Bundeskanzleramt: Angst, Schmerz und persönliches Leid beherrschen als Themen den "Arno"-Zyklus (1996/97). Private Botschaften irritieren am Ort öffentlicher Repräsentation.
Seite 15, Neue Nationalgalerie: Wie ein Abspann beim Film laufen die "Überlebens"-Sätze der Künstlerin über die gläserne Außenhaut der Nationalgalerie und überlagern sich in Winkeln und Spiegelungen.
Seite 16, Bodemuseum: Gebrochene Buchstaben ziehen über Baugerüste und Brücken - Gedanken aus der Serie "Mutter und Kind" (1990), einem autobiografischen Beitrag der Künstlerin.
Seite 17, Jüdisches Museum: "Aus Liebe!", beginnt der Spruch fürs Poesiealbum, den Jenny Holzer im Archiv des Museums entdeckte. Erstmals bezog die Künstlerin hier authentische Texte ein. Doch der handschriftliche Vers, auf den "Holocaust-Turm" projiziert, bleibt anonym.
Seite 18, Museumsspeicher Am Kupfergraben: "Ich habe Angst vor den Mächtigen, die Menschen umbringen und keinen Schmerz zugeben können" - außer Binsenweisheiten ("Truisms", 1977 bis 1997) und poetischen Texten veröffentlichte Jenny Holzer auch drastische Statements zu den Themen "Krieg" (1992) und "Lustmord" (1993). Eine Stunde lang versanken die Lichtlettern in der Spree.
Bildunterschrift: Fotos /
