Ausgabe: 04 / 2001
Seite: 137

Die Empfehlung des Monats

Von

Was Amerika zu verbergen hat / Roberto Ohrt (Hrsg.): Raymond Pettibon. Aus dem Archiv der Hefte. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln. 898 S. 840 Schwarzweiß-Abb. 98 Mark

Nirgends leuchtet der amerikanische Traum heller als in Kalifornien, dem Sonnenstaat. Und an keinem anderen Ort ist auch seine Gefährdung drastischer zu spüren: Erdbeben, Sekten-Morde, Gettoaufstände erschüttern von hier aus das ganze Land. Schon früh übernahm die Fabrik Hollywood deshalb nicht nur die Produktion der unschuldigen Träume von Amerika - sie fühlte sich auch zuständig für die Alpträume. Von Raymond Chandlers Philip Marlowe bis zu den postmodernen Schreckensetüden des Regisseurs David Lynch zieht sich die dunkle Spur.

Mit der Unterhaltungsindustrie hat Raymond Pettibon wenig zu tun. Doch auch das Werk des 1957 geborenen kalifornischen Künstlers ist als schwarze Serie angelegt. Seit 1978 gibt Pettibon schmale, teilweise nur fotokopierte Hefte mit eigenen Zeichnungen heraus. Vertrieben wurden sie lange Zeit durch die kleine Schallplattenfirma SST, für die Pettibon auch Plattencover entwarf. Die schwarzweißen Blätter erinnern zunächst an Comics. Doch durchgehende, schnell konsumierbare Geschichten gibt es keine. Statt dessen öffnet sich der Bilderkosmos eines Zeichners, der in der Tradition von Otto Dix oder George Grosz die so genannten Ränder der Gesellschaft beobachtet. Seine Hefte, von denen Roberto Ohrt erstmals eine sorgfältig edierte Auswahl zusammengestellt hat, sind nicht nüchternes Protokoll, sondern sarkastischer Kommentar. Jedoch meidet Pettibon die Eindeutigkeit der Karikatur. Zwar gehört zu jeder Zeichnung ein Text, doch ihre Verbindung ist vieldeutig, bisweilen rätselhaft. Eine Gefängnisinsassin rüttelt mit schmerzverzerrtem Gesicht an den Gittern, Kommentar: "Bleib immer, wie du bist." Zu einer nackten Frau, die gefangen ist in einer riesigen Flasche, lautet die Überschrift: "Da du sie nicht rausholen kannst, bleibt dir nur, das ganze Dinge rauszuwerfen." Über zwei lachenden Teenagern steht nur ein Wort: "Doppelselbstmord". Mit schwarzer Tinte zeichnet Pettibon irgendwo zwischen Surrealismus und "Pulp Fiction" sein Bild von Amerika.

Bildunterschrift: Zeichung von Raymond Pettibon: "Doppel-Selbstmord", 1983 /