Ausgabe: 09 / 2000
Seite: 66-73
Wo dem Geist die Flügel wachsen
Von Ruth Hndler Boris Schmalenberger
Seit zehn Jahren fördert die Stuttgarter "Akademie Schloß Solitude" junge Künstler - und knüpft ein weltweites Netzwerk der Kultur / FOTOS: BORIS SCHMALENBERGER
Nach der Autobahn-Abfahrt beginnt die Reise in eine fremde Welt: eine Allee, weite Wiesen bis zum Waldrand. Eine Koppel mit edlen Reitpferden. Dann, hinter einer Barriere, das bleiche Schloss. Solitude - Ziel für Künstler aus Mailand und Vilnius, aus Paris und Tokio, Buenos Aires, Berlin und Moskau. Haltestelle für ein Leben auf Zeit und auch, irgendwie, außerhalb der Zeit.
Wo einst der württembergische Herzog Carl Eugen seine Sommerresidenz fernab der Regierungsgeschäfte errichten ließ, liegt heute der Ort einer Stille, in der die Kunst gedeihen soll. Die Stuttgarter Akademie Schloß Solitude hat ihren Sitz mitten im Ambiente des spätbarocken Feudalismus, im Kavaliersbau und im Officenbau auf der anderen Hofseite. Seit der Eröffnung der Arbeits- und Begegnungsstätte vor zehn Jahren haben mehr als 500 bildende Künstler, Schriftsteller, Komponisten und Musiker, Architekten, Designer und Filmer, Schauspieler und Regisseure eines der begehrten Stipendien erhalten, um hier für Monate, für ein Jahr oder noch länger zu leben: 45 helle Wohnungen stehen zur Verfügung, sachlich-modern ausgestattet, zum Teil mit Musikstudio oder Atelier. Blick ins Grüne, Parkettboden, Schleiflacktüren. Eine Werkstatt für Holz- und Metallbearbeitung, ein Fotolabor, Ausstellungsräume. Eine Bibliothek, von der Stuttgarter Künstlergruppe ABR angelegt als "work in progress": Jeder Stipendiat darf sich drei Bücher dazu wünschen. Überhaupt: Hier zu leben und zu arbeiten ist ein Privileg. Die jungen Künstler wissen das.
"Glück und Unzufriedenheit allezeit", hatte ihnen der damalige Ministerpräsident Lothar Späth voller Übermut gewünscht. "Viel Unzufriedenheit, viel Streit. Wir brauchen den." Die Akademie war das Einzige seiner kulturpolitischen Glanz- und Glitzerstücke, das er von der Gründungsidee bis zur Vollendung begleiten konnte. Auch nach dem Rückzug des kunstbegeisterten Landesvaters aus dem Amt - und aus seinem Domizil gleich nebenan - musste die schwäbische Villa Massimo, abgesehen von dauernder Polizeipräsenz, nichts missen. Späths Nachfolger Erwin Teufel steht zum Solitude-Konzept, auch wenn er unter Künstlern bisweilen etwas fremdelt: Die Gelder aus der Rubbellotterie sprudeln weiter - und sichern den Jahresetat von 3,1 Millionen Mark.
Die mittlerweile traditionsreiche Einrichtung expandiert sogar: 1998 wurde eine "Ständige Vertretung" in Berlin eröffnet - mit einer Wohn-Dependance im Bezirk Tiergarten und mit einer Galerie in Mitte, die sich die Akademie mit dem Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) teilt. Präsentationen in Budapest 1999, demnächst im französischen Saint-Etienne und im Jahr 2002 in Warschau, tragen den Ruhm baden-württembergischer Künstlerförderung hinaus in die Welt.
Ihren zehnten Geburtstag feiert die Akademie mit einem großen, von der Landeskreditbank Baden-Württemberg gesponserten Veranstaltungsprogramm: Ausstellungen (etwa in der Stuttgarter Staatsgalerie), Theaterfestival, eine Konzertreihe Neue Musik, ein Lesemarathon in der Stadtbücherei, ein Symposion mit dem Institut für Auslandsbeziehungen. Der Direktor Jean-Baptiste Joly hat allen Grund, stolz zu sein: "Wir sind für das Land ein schönes Vorzeigeprojekt."
Der Franzose versteht es, mit seinem akzentfreien Deutsch und dem hohen Diskursniveau der Grande Nation schwäbische Entscheidungsträger jedweder Couleur zu beeindrucken. Von 1983 bis 1988 leitete der studierte Germanist das Stuttgarter Institut Francais; die Akademie Schloß Solitude steuert er seit den Anfangstagen mit diplomatischem Geschick an den Klippen vielseitiger, oft genug einander widersprechender Erwartungen vorbei. "Einerseits sind wir ein Instrument der hiesigen Kulturpolitik", sagt er. "Andererseits eine selbständige Stiftung, die ihre Entscheidungen souverän trifft. Beides muss man kombinieren. Das ist mein Job."
Wer in diesem Künstlerhaus wohnt und arbeitet, wurde sorgsam geprüft. Wechselnde Jury-Vorsitzende, vom Direktor erwählt und abgesegnet vom Kuratorium, berufen die sieben Fachjuroren, die für jeweils einen Jahrgang das Kontingent der Semestereinheiten in den Sparten Bildende Kunst, Literatur, Musik, Darstellende Kunst, Design, Architektur, Video/Film/Neue Medien vergeben - und das Haus bekennt sich zur Subjektivität dieser Entscheidungen.
Die Juroren stehen für die Qualität. Für die bildende Kunst etwa gehörten bisher der Kölner Kunstsammler Reiner Speck dazu, der Düsseldorfer Kurator Jean-Hubert Martin und der kanadische Fotokünstler Jeff Wall. Oft fordern die Fachjuroren ihnen bekannte Künstler zur Bewerbung auf, stellen eine Liste zusammen, die Nähe - oder auch fruchtbare Konfrontation - unter den Gästen erwarten lässt. Die jungen Architekten etwa, die der Schweizer Baumeister Peter Zumthor für 2001 einlud, werden an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Nur Catherine David, Leiterin der documenta 10 in Kassel, musste passen: Unter den 697 Bewerbungen für den Jahrgang 2000/2001 konstatierte die Kunst-Jurorin einen bestürzenden Mangel an Qualität - und hat bis heute nicht alle Stipendien vergeben.
Noch radikaler ging Per Kirkeby vor, als er die Bewerber für ein Stipendium im Bereich Darstellende Kunst des Jahrgangs 1993/94 sichtete. Der dänische Maler und Bildhauer setzte auf einen einzigen Kandidaten, den Regisseur Andrej Kritenko aus Kiew. 18 Monate lang durfte der Theatermann auf der Solitude bleiben und seinerseits Reisestipendien an Künstler aus der Ukraine vergeben.
Inzwischen ist er am Theaterhaus Stuttgart engagiert, mit der Ukraine besteht seither ein reger Austausch - und Joly hat wieder mal Anlass, stolz zu sein: "In der dortigen Theaterszene", sagt der Akademiedirektor, "sind wir ebenso eine feste Größe wie in der Musikszene der Universität La Jolla in Kalifornien oder bei den jungen Designern und Architekten aus Buenos Aires." Das ist es, worauf es den Stuttgartern ankommt: ein Netzwerk, das die früheren Stipendiaten untereinander und mit der Akademie Solitude verbindet. Es wächst seit zehn Jahren. Viele Stipendiaten von heute kennen ehemalige Gäste. "Ihre Bewerbung wurde nicht bevorzugt", stellt Joly klar. "Aber sie konnten die Ziele des Hauses und die Qualität besser einschätzen."
Vorgewarnt oder nicht - der abgeschiedene Mikrokosmos auf Stuttgarts Höhen, dessen Selbsterfahrungspotenzial Joly gerne mit Thomas Manns Roman "Der Zauberberg" vergleicht, bleibt für Neuankömmlinge eine Herausforderung. Es gilt, sich einzurichten zwischen Repräsentation und Rückzug, den beiden Polen, die auch 200 Jahre nach Herzog Carl Eugen die Atmosphäre bestimmen.
"Der Anfang war ein Schock", bekennt der Grazer Architekt Klaus Metzler. "Solitude ist so weit entfernt von der Wirklichkeit. Ich bin damals gleich wieder abgereist." An die spezifische Mischung aus gehobener Jugendherberge, Internat und Kloster gewöhnen sich auch andere zunächst nur schrittweise - soweit dies die Spielregeln erlauben. Zwei Drittel der vorgesehenen Zeit möchte Joly den Gast im Hause sehen. Erwartet wird außerdem die Teilnahme am monatlichen Abendessen der Stipendiaten und der Mitarbeiter des Hauses. Wenn dazu Anita Meyer, Gebieterin der Cafeteria und Ersatz-Mama der Zwangsgemeinschaft, weiß eindeckt, ein Stipendiat über seine Arbeit spricht oder ein Gast einen Vortrag hält, wächst das Gruppengefühl. "Uns allen geht es um das Gleiche: um Kunst und die Arbeit mit Kunst", erklärt Joly und meint damit nicht nur den indischen Bildhauer oder die italienische Filmemacherin, sondern auch seinen schwäbischen Werkstattleiter und Frau Babel im Sekretariat, die mit heißem Draht zur Ausländerbehörde für die Aufenthaltsgenehmigungen sorgt.
"Wer kümmert sich in New York schon um einen Künstler?", fragt Hans Winkler, der mit seinem Kollegen Stefan Micheel unter dem Namen p.t.t.red (ART 3/2000) in der amerikanischen Kunstmetropole und in Berlin arbeitet. "Keiner. Hier aber ist alles bestens organisiert." Das Künstler-Duo genoss den Frühling auf Solitude, um einen Beitrag für die erste Jubiläumsausstellung "From Here to There" zu realisieren: Die beiden stellten eine Schaukel auf die Wiese hinter dem Schloss, genau auf die alte Verbindungsachse zur herzöglichen Stammresidenz Ludwigsburg. Und sie fanden heraus, dass diese Luftlinie von der Solitude, aus deren Militärakademie Friedrich Schiller 1782 floh, direkt nach Weimar führt: "Das wäre jetzt", meint Micheel, "eine Sache für die Historiker."
Der Geist des geschichtsträchtigen Ortes hat schon so manchen Stipendiaten inspiriert: "Frischkostinjektion in musealer Landschaft", nannten etwa der Architekt Franz Xaver Baier und die Kulturwissenschaftlerin Heidi Helmholt 1993 ihre Installation mit Gipsmodellen des Schlosses, gekrönt von Apfelkuppeln - eine Hommage an Schillers Vater Johann Caspar, den Gartenintendanten der Solitude, und an seine Obstbaumzucht.
Den Spaziergängern, die das Areal an den Wochenenden bevölkern und dabei gern einen Blick in die Privatbereiche der Künstler werfen, haben der Designer Jörg Adam und die Schriftstellerin Barbara Bongartz Hinweisschilder gewidmet: "Kultursouvenir: Kontaktinfektion", steht über den öffentlichen Toiletten. "Vorsicht Stufe! Barock" auf der Schlosstreppe, auf der so gern Hochzeitsbilder oder Modefotos aufgenommen werden. Und immer wieder neu bespiegelt wird das Künstlerhaus selbst mit seinen Bewohnern: Die Produktion der Solitudiana reicht vom hintersinnigen Krimi über Haarschneide-Aktionen für die Mitstipendiaten bis zu Fahnen mit den Fotos zerwühlter Betten.
Neben solchen Etüden aber entstehen auch Werke, die sofort großes Echo in der Öffentlichkeit erzeugen: So hat die Straßburgerin Annette Schlünz auf Solitude die Eröffnungsoper für das deutsche Programm der Expo 2000 komponiert. Der Berliner Designer Matthias Berke baute für die Jubiläumsschau seine Produktreihe "Solitär" mit zerlegbarem Mobiliar; seine Kollegen Jörg Adam und Dominik Harborth gaben jüngst das gewichtige Resultat ihres Aufenthalts heraus: ein Standardwerk zu "Helfershelfern" des Alltags - wie etwa Türbremser, Teebeutelhalter oder Tischtuchklammern - und dazu einen Band mit eigenen Entwürfen.
Was diesseits der Kunst liegt, ist grundsätzlich Chefsache. Ob es um Sondergenehmigungen geht, um Materialbeschaffung, um Sponsorengelder oder um Kooperationen mit den Universitäten des Landes: Der Akademiedirektor kann seine engen Kontakte zur "funktionierenden, schwäbischen Gesellschaft" unten in der Landeshauptstadt spielen lassen und zu den Chefs der Stuttgarter Kulturinstitutionen, deren Privatadresse nicht selten eines der Kavaliershäuschen auf der Solitude ist.
Anders als in Berlin, wo Joly seit 1998 eine Honorarprofessur an der Kunsthochschule Weißensee hat, kennt hier jeder jeden. Und das seit Jahren. "Wenn ein jugoslawischer Designer, der im politischen Bereich tätig ist, wissen will, wie das Sozialwesen in Stuttgart funktioniert, rufe ich die Sozialbürgermeisterin an und lasse uns einen Termin geben."
Von den Segnungen des kulturellen Beziehungsgeflechts haben mittlerweile zahlreiche Stipendiaten profitiert, die jetzt an den Hochschulen Baden-Württembergs unterrichten oder ein Engagement in einem Theater- oder Musikensemble des Landes erhalten haben. Als der frühere ZKM-Chef und Rektor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung (HfG), Heinrich Klotz, die Stuttgarter Talentschmiede besuchte, begeisterte er sich für das "Kabinett des Direktors", ein Gesamtkunstwerk des Architektur-Stipendiaten Markus Grob. Und schwupp, hatte Grob eine HfG-Professur.
Andere kamen in einer Umbruchsituation und testeten hier zwischen den verschiedenen Disziplinen ihre Leidenschaften und Talente. Oder orientierten sich nach dem Aufenthalt ganz um, wie der Filmemacher Gerd Belz, der auf Solitude sein letztes künstlerisches Video präsentierte, oder der Bildhauer Konstantin Lange, der anschließend eine Tischlerlehre begann.
Für die Irrungen und Wirrungen zwischen Identitätssuche und intensivem Austausch hält Anita Meyer in der Cafeteria das "Livre des Tragedies" bereit. In dem dicken Buch hat die Düsseldorfer Literatin Barbara Bongartz ihre zwei Solitude-Tragödien in einem einzigen Satzfragment niedergeschrieben: "Dass ich kam - und dass ich wieder fortgehen muss."
Das Programm heißt: künstlerische Freiheit
Ausstellungen:
"Zehn Jahre Akademie Schloß Solitude", Archivausstellung in der Akademie, bis 23. September. "Das Subotnik-Projekt. Stipendium als Plastik", vor der Stadtbücherei Stuttgart im Wilhelmspalais, 21. September bis 11. November. "Solitude im Museum", Staatsgalerie Stuttgart, 30. September bis 12. November. Edition Solitude: Jahrbuch 2, 3, 4 (je 35 Mark), neu: Jahrbuch 5 (38 Mark) Ausstellungskatalog Staatsgalerie Stuttgart, "Solitude im Museum" (48 Mark). Jörg Adam/Dominik Harborth/Andrea Vilter, "Helfershelfer" (68 Mark). Solitude in Berlin: Galerie K&S, Linienstraße 156. Internet: www.akademie-solitude.de
Bildunterschrift: Designer, Lyriker, bildende Künstler und Schauspieler unter einem Dach: Akademiedirektor Jean-Baptiste Joly (Mitte, im blauen Jubiläumsshirt) mit Gästen und Stipendiaten / Putzen und Schaukeln: Das Kunstwerk als Dienst an der Gemeinschaft - Das Berliner Duo p.t.t.red installierte eine Schaukel auf der Schlosswiese. Die Koreanerin Sora Kim (unten) sorgte mit einer künstlerischen Abwasch-Aktion für Glanz in Stipendiaten-Wohnungen / Der Berliner Matthias Berke entwarf eine Kollektion zerlegbarer Möbel für die Jubiläumsschau. Sein Hocker ist eine Hommage an ein berühmtes Vorbild von Max Bill / Kantinenkoch und Künstler: Beim Essen wächst das Gruppengefühl - "Uns allen geht es um die Kunst": Der Direktor legt Wert auf Gemeinschaft. Auch der indische Bildhauer M.S. Umesh (unten) gehört zum weltweiten Netzwerk der Solitude / Die Schriftstellerin Barbara Bongartz nutzt das Schloss als Bühne der eigenen Arbeit. Für ihre Ton-Installation wählte sie das "Rotlackierte Kabinett" / Das Barockschloss wurde zum internationalen Kulturzentrum: die "Solitude" bei Stuttgart /
